25.10.2009 Drei Katzen und ein Hallelujah V

Wie schon in Montpellier bin ich etwas eingeschüchtert. Ich bin noch keine schnellen Ortswechsel gewöhnt. Ich nehme langsam Kontakt zu meiner neuen Umwelt auf, atme die Atmosphäre der Stadt ein, nehme sie in mir auf und bewege mich in einer Welt zwischen Besucher und Eingeborenem. Ich bin wie ein Beobachter, der sich alles ganz genau merkt, dem Details auffallen, der aber gleichzeitig immer bei sich bleibt. Die Eindrücke erreichen mich mit einer überwältigenden Intensität.

Ich kann mich zuerst nur in meinem Zimmer aufhalten. Von draußen dringen die Geräusche des Fernsehers herein. Ich höre George umhergehen. Ich bewege mich aber nicht vom Bett weg. Ich nehme die Eindrücke in mich auf und bin von ihnen gelähmt.

Ich kann nicht einmal zum Fernseher gehen. George lässt ihn für die Katzen laufen. Sie sollen menschliche Gesellschaft haben. Ich bin dermaßen überwältigt, dass ich mich zunächst auch nicht einen Zentimeter bewegen kann. Ja, ich traue mich kaum, zu atmen.

Plötzlich öffnet sich ein Fenster in diesem Gefühl. Ich stehe auf und mache das Licht an: Erst die eine Lampe auf dem Nachttisch. Dann die andere auf der Kommode neben dem Fenster. Die Tür steht etwas offen. Aus der Küche höre ich ihn kochen.

Ich weiß, dass es unhöflich ist, ihm nicht meine Hilfe anzubieten. Im Rausch dieses Gefühls tue ich es dennoch nicht. Stattdessen stelle ich mir einmal mehr die Frage, was ich hier eigentlich tue und ob ich nicht zurück nach Hause fahren sollte; dorthin, wo ich die Menschen komplett verstehe, und wo ich mich auskenne, Freunde habe. Ich beantworte die Frage nicht. Ich schiebe sie beiseite. Morgen wird die Welt gleich ganz anders aussehen, wie es auch in Montpellier der Fall war. Morgen werde ich angekommen sein.

George ruft mich. Er fragt, ob ich etwas essen möchte. Ich möchte und ergreife die Türklinke. In der Küche stehen schon die Teller, die Katzen sitzen um uns herum. Es gibt Putencurry mit Reis und Champignons.

Wir unterhalten uns. Ich erzähle ihm von mir, meiner Familie und meinem Kater. Er erzählt von seinen Katzen. George ist auf Tahiti geboren und lebt momentan abwechselnd hier und auf der Insel. In diesem Winter aber bleibt er da.

Ich erinnere mich an eine Szene, die sich heute Nachmittag auf der Straße abgespielt hat, als er mich durch die Stadt geführt hat. Ein Bettler hatte uns angesprochen. Er hatte auf der Straße an einer Hauswand gesessen und um ein «Pièce» gebeten. In Deutschland wären die meisten Passanten ohne Reaktion an ihm vorbei gelaufen. Vielleicht hätte er noch etwas gemurmelt. Auch ich verspüre den Reflex, die Frage zu ignorieren.

George antwortet. Er antwortet nicht nur. Er spricht richtig mit ihm: Es tue ihm Leid, er habe aber nichts bei sich. Eine Zigarette, vielleicht? Fragt der Bettler. Aber auch Zigaretten hat George keine.

Wir gehen weiter. Der Bettler ist von diesem Ergebnis des Gesprächs nicht sonderlich erbaut. Er ruft uns etwas hinterher. Ich verstehe es nicht, aber George antwortet ihm. Es klingt nicht nett, was er ruft. Das merke ich. Daran erinnere ich mich noch, als wir miteinander sprechen.

Nach dem Essen geht er Telefonieren. Ich setze mich in sein Wohnzimmer zu den Katzen. Es läuft «Les Pirades de Caraibes». Ich verstehe nicht viel, denn das Französisch im Fernsehen ist zu schnell, zu leise und man kann es nicht zurück spulen und noch einmal anhören. Es ist aber trotzdem immer wieder lustig, wenn Piraten miteinander Französisch sprechen. Irgendwie klingt das immer sehr putzig und melodiös; aber gar nicht nach Piraten.

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