26.10.2009 Dingle ist ein Ort im Süden Irlands IV

Ich beobachte die Autos, die an mir vorbei fahren. Die einen schneller, die anderen langsam. Aber keines hält an, niemand fragt nach. Offenbar sind große Frauen mit einer Gitarre auf dem Rücken etwas alltägliches hier. Es scheint, als käme das jeden Tag vor. Ich sitze hier vielleicht eine halbe Stunde, vielleicht fünfundvierzig Minuten oder auch nur zwanzig. Als mir kalt wird, gehe ich weiter.

Langsam wird es mir doch mulmig, auf diesem schmalen Streifen zu gehen, der mehr ein Grat ist als ein Streifen. Ich schätze zehn Zentimeter breit. Weil es Landstraße ist, rasen die Autos an mir vorbei. Rechts wachsen Disteln, links ist Asphalt.

Ein paar hundert Meter vor mir beginnt ein Waldstück. Ich sehe einen Mann heraus laufen, einen Jogger. Er scheint von dem Berg zu kommen.

Der Pfad führt tatsächlich den Berg hoch. Heute Abend werde ich feststellen, dass er «La Clape» heißt und ein ganzes, wenn auch nicht hohes, Kalksteingebirge ist. Ich habe die Hoffnung, dass ich so ein wenig abseits der Straße laufen kann.

Der Weg ist steil und steinig, um mich herum ist Wald und Gestrüpp. Das rote Schild fällt mir wieder ein und ein Hinweis in meinem Reiseführer: Man solle sich auffallend kleiden und für alle Fälle ein Lied pfeifen oder singen. Ich glaube zwar nicht, dass schon jemand ein Ein-Meter-neunzig großes rotes Wildschwein mit Pferdeschwanz und Gitarre auf dem Rücken gesehen hat, aber um auf Nummer sicher zu gehen, singe ich das einzige französische Lied, das mir gerade in den Sinn kommt, und das ich abgesehen von «Le Coque est mort» kenne: «Allons enfants de la patrihi-ä, le jour de gloire est arrivé.» Ein singendes Wildschwein mit Gitarre kommt wohl auch selten vor.

Ich wandere den Berg hinauf, schieße einige Bilder. Oben fällt mir eine eingestürzte Mauer auf. Sie ist kreideweiß. Vielleicht hat sie einmal zu einem Winzerhaus hier oben gehört. Irgendwo unter mir höre ich die Straße. Ich hoffe, es ist immer noch die selbe und sie führt nach Narbonne Plage.

Als ich über einen anderen Pfad wieder am Fuß des Berges bin, stelle ich fest, dass ich doch um einiges abgekommen bin. Ich kann die Straße zwar noch hören, aber sehen kann ich sie nicht mehr. Vor mir breitet sich ein rotes Meer aus, durchsetzt von gelben und orangefarbenen Punkten. Über ihm kreisen ein paar große Vögel – Raubvögel, so viel kann ich erkennen, aber weiter reicht meine Ornithologie nicht.

Im Weinfeld werde ich plötzlich wieder an das rotes Schild von vorhin erinnert. Im Matsch sind frische Wildschwein spuren. Da muss sich eines gesult haben. Ist vielleicht doch ein Jäger unterwegs auf der Jagd nach Wildschwein? Und plötzlich denke ich an Asterix und Obelix. Fragt mich nicht, warum.

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