27.10.2009 Voulez-vous coucher …? II

Also George: Als ich in der Bahnhofshalle von Narbonne ankomme, habe ich schon ein wenig Bammel. Ich habe sein Profil auf der Internetseite studiert. Es ist üblich, sich seine potenziellen Gastgeber anzusehen und ihnen dann eine individuelle Anfrage zu schicken. Sein Profil war seltsam: 40 Jahre alt, weiblich, bevorzugtes Geschlecht der Gäste weiblich und auf dem Foto schaute ein Mann in die Kamera.

Ich steige also mit einem mulmigen Gefühl aus dem Zug aus. Ein Fragezeichen schwebt unablässig über meinem Kopf und ich schmiede Fluchtpläne für den Fall der Fälle. Ich erkenne ihn sofort: «Wow!» Ich habe ihn schon beschrieben. An seinem Körper scheint es kein Fett zu geben, er ist braun gebrannt und sieht mit kurzen, grau melierten Haaren noch besser aus als auf dem Foto. Die vierzig Jahre stehen ihm gut zu Gesicht. Er gefällt mir.

Er erzählt mir von seinem Leben: Er ist in Tahiti aufgwachsen, seine Schwester hat eine Tochter von einem Tahitianer und sonst lebt er im Jahr zwischen Narbonne und Neu-Kaledonien. Nur nicht in diesem Winter. Diesen Winter habe er in Rom verbringen wollen, bei einer Ex-Freundin. Er war dort, erst vor ein paar Wochen. Es hat nicht geklappt.

Er erzählt von seinen Katzen: Fidèle, Minette und Coco-Chapine. Fidèle hat Diabetes. Ständig muss er ihr Medikamente spritzen. Außerdem meidet sie das Katzenklo, was durch den Fußbodenbelag nicht sonderlich schlimm wäre. Nur ist Fidèle aber auch sehr intelligent und öffnet selbst Türknaufe mit einer Leichtigkeit. Minette öffnet nur Türklinken und Wasserhähne. Sie lässt sich nur auch immer laufen. Deshalb sind alle Türen geschlossen zu halten. Ich schließe mein Zimmer ab wenn ich gehe.

Diese Unterhaltung am ersten Abend ist das meiste, das ich mit ihm rede. An den folgenden Tagen haben wir nicht viel miteinander zu tun. Wenn ich die Tür geschlossen habe, klopft er nicht. Ich berichte ihm von meinen Ausflügen und von dem, was ich neues gelernt, erlebt und erfahren habe. Wir essen nicht miteinander, wir sehen nicht gemeinsam fern.

Eine Situation, die ich seltsam finde. Er tut nichts. Hin und wieder geht er ins Sportstudio um sich fit zu halten. Vielleicht arbeitet er auch dort, ich weiß es nicht, finde es auch nicht heraus. Ansonsten sitzt er den ganzen Tag in seiner Wohnung. Er sitzt zuhause und kümmert sich um seine Katzen. Er macht das großartig: er spricht mit ihnen als wären sie Menschen, er streichelt sie und einmal am Tag greift er zum Staubsauger und entfernt die Fellbüschel vom Boden. Davon verlieren die drei viele.

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