28.10.2010 Mit der Gitarre fischen funktioniert prima II

In St. Pierre sur Mer steige ich aus dem Bus aus. Vor mir liegt der weite, verlassene Strand und das Mittelmeer, der blaue Teppich zwischen Europa und Afrika. Die Sonne brennt. Sie brennt mir ins Gesicht. Sie wird von den Sandkörnern am Strand reflektiert und brennt sich in meine Haut. Man sagt, zu viel Sonne sei für Falten verantwortlich. Jeder will jung sein, jung aussehen, das ewige Mädchen: Jung, naiv, dumm. Ich bin da anderer Meinung. Ich freue mich auf meine Falten, freue mich auf die Spuren, die das Leben in meinem Gesicht hinterlassen wird. Die jungen Gesichter dagegen wirken auf mich oft wie Masken, hinter die man niemals sehen kann.

Es ist wie mit den Wohnungen und Häusern mancher Menschen: Für viele sind die Einrichtungsgegenstände heilig. Sie wollen, dass sie sich nie verändern, dass sie immer so aussehen wie jetzt, dass sie sich nicht abnutzen. Radikale Menschen dieser Haltung beziehen Polster mit Schonbezügen oder Tagesdecken. Sie haben nichts von ihren Möbeln, die sie schützen. Sie leben für ihre Möbel, ihre Einrichtung, ihr Bild von sich selbst. Sie denken, es müsse so sein, so und nicht anders. Diese Wohnungen sind tot. Sie haben nie gelebt, sie erzählen keine Geschichte. Sie sind tot wie auch die Menschen tot sind, die sie bewohnen.

Meine Sachen – ich spreche von «Sachen» und bezeichne so meine Habschaft, die zu diesem Zeitpunkt sehr klein ist, die ich aber benutze – werden von mir gepflegt. Ich versuche, sie zu erhalten. So gut es geht, auch ich bin so. Meine Sachen werden aber nicht geschont. Meine Sachen erzählen eine Geschichte und werden so Stück für Stück wertvoll. Diese Geschichte, diesen Wert soll man ihnen ansehen: Den Büchern in meinem Regal sieht man an, dass sie gelesen sind – von wem auch immer, von mir oder ihren Vorbesitzern. Ein Buch, das ich aus zweiter Hand kaufe, sieht gelesen aus.

Ich möchte, dass man auch mir eines Tages mein Leben ansieht: Die schönen Tage wie die schrecklichen Tage, an denen ich in meiner ganzen Verzweiflung meine Mitmenschen in Aufruhr bringe, vor allem gegen mich. Ich trage auch eine Maske, so ist es nicht. Ich trage eine Maske gegenüber Menschen, die ich nicht kenne, die ich beruflich treffe, auch gegenüber Freunden trage ich eine Maske. Sie ist undurchdringlich. Hin und wieder lasse ich mich durchscheinen. Wenigen Menschen gegenüber zeige ich sie gar nicht erst.

So sieht man auch meinen Sachen eine Geschichte an: Ein Buch erzählt von den anstrengenden Busfahrten, die ich zwischen Universität und Schlafplatz während meiner Abschlusszeit unternommen habe. Ich habe es ausgelesen, aber ich behalte es trotzdem, aus diesem Grund.

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