29.10.2009 Les Tambours du Bronx II

Umso glücklicher über meine Wahl mit George bin ich über meine Wahl mit Morgane. Morgane lebt zwar nicht in Perpignan, aber dafür in einem kleinen Nest ganz in der Nähe. Es heißt «Rivesaltes» und liegt ganz in der Nähe von Perpignan. Allein deshalb erinnert es mich an den Ort, an dem auch ich lebe: Altrip.

Die Parallelen liegen auf der Hand: Beide liegen an einem Fluss, beide sind klein und in der Nähe einer großen Stadt und ihre Namen sind verwandt. So verbirgt sich hinter Alta Ripa, wie der Ort in der römischen Zeit hieß, das hohe (oder tiefe) Flussufer und Rivus Altus der hohe (oder tiefe) Bach.

Ich habe gerade gesagt, ich hätte Morgane nicht über das Couchsurfing gefunden, sondern über Kumar. So war es. Er hat mir ihre Telefonnummer geschickt, ich habe sie angerufen. Ich weiß noch, dass ich es nicht in Georges Wohnung getan habe. Das musste nicht jeder mitbekommen. Also habe ich sie von der Straße aus angerufen, von einem verlassenen Platz, der dann doch nicht verlassen genug war. Immer wieder tosten Autos vorbei, was es mir nicht gerade leichter machte, sie zu verstehen. Irgendwann klappte es dann doch.

Ich stehe am Bahnhof von Rivesaltes und warte mit meiner Gitarre und den schweren Taschen auf sie. Der Bahnhof ist nicht groß: Es sind gerade mal zwei Gleise, der Fahrkartenschalter ist unbesetzt. Vor dem Bahnhofshäuschen steht niemand.

Ich erkenne Morgane sofort an ihrem Fahrrad. Fragt mich nicht wieso, ich habe sie noch nie zuvor gesehen. Ich mag sie vom ersten Augenblick an. Wir haben uns gesucht und über irre, wirre Zufälle gefunden. Sie lädt meine Sachen auf ihr Rad und führt mich durch den Ort.

«Il faut que tu tourne pour souvenir le chemin.» sagt sie immer wieder. Also halten wir vor und nach jeder Abzweigung an, damit ich mir den Weg merken kann.

Sie spricht französisch fast ohne Akzent. Der ihrer Großmutter dagegen und deren Nachbarin ist so stark ausgeprägt, dass ich sie beide kaum verstehe. Wir gehen zuerst zu ihrer Großmutter, weil sie uns vorstellen will. Die Großmutter bietet mir Orangensaft an. Das Haus ist wunderschön. Es ist im Stil des Südens gebaut, mit einem Innenhof, der voller Pflanzen steht, einer großen Glasfront, so dass man direkt hinter der Tür zum eigentlichen Haus sich wie auf einer Terrasse oder in einem Wintergarten vorkommt.

Wenn ich mich so umsehe, stelle ich fest, dass Französinnen nicht nur großen Wert auf elegante Kleidung legen, die selbst dann noch elegant ist, wenn sie ein bisschen nachlässig wirkt. Sie legen auch sehr viel Wert auf Dekoration, oder das, was in Deutschland Kitsch wäre. Aus einem Schrank erschlägt mich ein rosa Dekor. In einem sonst leeren Vogelkäfig sitzt ein Plüschpapagei auf einer Stange und überall lächeln unterschiedlich große Püppchen in Häkelkleidern. Ich beherrsche mich, nicht zu lachen, oder eine Bemerkung darüber zu machen. Ich finde es bemerkenswert.

Morgane erzählt von ihrer Großmutter und sie ergänzt hin und wieder ein paar Angaben. Ich mache ihre Komplimente über das Haus. Ich sage es nicht nur so. Ich bin wirklich beeindruckt. Sie sagt, das seien die Häuser des Südens, mit diesen Innenhöfen, in denen das Leben tobt und tatsächlich erinnert mich dieses Haus an die Häuser, in denen Penelope Cruz’ Mutter, alte Tante und ihre Freundin in «Volver» wohnen.

Die Nachbarin hat eine Krankheit, soviel verstehe ich. Ich verstehe schon mehr als in Montpellier aber noch nicht alles. Der Akzent ist zu stark. In dieser Gegend hier verzichtet man auf Nasallaute. Sie werden nicht gebildet, sondern einfach durch den ng-Laut ersetzt. So wir aus einem pain ein peng, aus der main die meng und aus der pont ein pong. Da ich zwar schon mehr verstehe, aber nunmal immer noch nicht genug, und der Akzent hinzu kommt, kommt es zu einem Missverständnis: Ich verstehe, ich solle bei Morganes Großmutter schlafen. Die Vorstellung daran bereitet mir ein wenig Kopfschmerzen. Doch dem ist nicht so. Morgane erklärt mir, dass ihre Oma nicht mehr so gut sehen und laufen kann und deshalb im Erdgeschoss vor der großen Glasfront schläft. Es klingt zwar komisch, aber plötzlich fühlte ich mich nicht mehr vom Plüschpapagei bedroht.

Morgane bewohnt einen großen Raum, den sie «studio» nennt. Es befindet sich hinter einem verwachsenen Garten, der in seiner Verwilderung und augenscheinlichen Verwahrlosung schöner nicht sein könnte. Er sieht ein bisschen so aus, wie das Schloss von Dornröschen. Es gibt hier Zitronenbäume und eine Feuerstelle und das Eingangstor ist dermaßen mit Pflanzen bewachsen, dass man es auf den ersten Blick gar nicht wahrnehmen und daran vorbei gehen würde. Das Studio ist im Erdgeschoss des Hauses. Im ersten Geschoss wohnen ihre Schwester und ihr Mann. Im Erdgeschoss lebt und arbeitet Morgane. Sie lebt in ihrem Studio mit zwei Katzen und deren Besuchern, die aber meistens im Garten herumtollen.

Man gibt sich hier unten plötzlich nur noch zwei Bises. Ich weiß nicht warum, aber diese Art der Begrüßung gefällt mir: Sie bricht die Barriere zwischen den Menschen ein bisschen, wenn sie sich zum ersten Mal begegnen. Zwar bringt es nichts, wenn man sich ohnehin nicht ausstehen kann, aber man findet eher den Draht zu einem anderen.

Ich gehöre sofort zu Morganes «Clique». Wir fahren nach Perpignan. Mir fällt auf, dass man hier zwei Sprachen spricht: Französisch und Katalanisch, das dem Spanischen nicht unähnlich ist. Die Ortsnamen sind doppelt ausgezeichnet. Perpignan heißt auf Katalanisch «Perpinya». Ich merke wie nah ich an der spanischen Grenze bin: Nicht nur die Sprache ist gleich, auch das Essen ist hier schon spanisch angehaucht. Es gibt Churros.

Das Auto, mit dem wir fahren, gehört Marions Schwager. Einen Bus kann man hier vergessen, denn auch hier ähneln sich Rives Altus und Alta Ripa: Er fährt alle paar Stunden und man ist auch einen fahrbaren Untersatz angewiesen. Das Auto von Morganes Schwager wäre in Deutschland nur schwerlich durch den TÜV gekommen. Ich bezweifle, dass es soetwas hier überhaupt gibt. Immerhin fährt es, bremst es und fällt nicht auseinander.

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