01.11.2009 Süßer Wein und dunkle Vergangenheit (Küss den Frosch!)

Unsere Pläne für heute Nachmittag sind groß: Wir wollen ans Meer fahren, zu einem der berühmten Katharer-Schlösser, oder nach Perpignan. Wir steigen schließlich auf Fahrräder und fahren los. Wenn wir aus dem Ort herausfahren sind wir plötzlich am Bambusüberwucherten Flussufer. So muss es bei Marguerite Duras in Vietnam ausgesehen haben; damals, in ihrer Kindheit: Die Straßen bestehen aus Sand und Schotter, und überall entlang des Flusses tauchen Teiche aus dem Dickicht auf. Sie sind mit Seerosen bewachsen und Schilf. Es schwirren Libellen umher und Vögel.

Ein Stück weiter sieht die Umgebung wieder ganz anders aus: Landstraßen und Weinberge. Wir halten an und schlagen uns in den Weinberg. Das ist der Muscat, erklärt Morganes Vater, Christophe. Ich nehme eine Rebe ab und probiere die prallen Trauben. Das also ist der berühmte Muscat, den ich vorhin als Aperitif getrunken habe. Sie sind wirklich sehr süß, lecker und klebrig.

Das Wetter ist nicht besonders heute. Letzte Nacht hat sich der Himmel zugezogen und steht nun ganz grau über uns. Das gedämpfte Licht und die Sonntagsstimmung, bei scheinbar niemand hier auf der Straße ist, tauchen die Szene in ein geisterhaftes Licht. Langsam scheint die Sonne untergehen zu wollen. Wenn wir noch zum Schloss kommen wollen, müssen wir uns beeilen.

Wir kommen nicht ans Schloss. Wir kommen bis zur nächsten Ortschaft, Espira de l’Agly heißt sie. Morganes Vater kennt sie noch aus Kindertagen. Er führt uns auf den Rädern herum; zeigt uns alles: Sein Geburtshaus, die alte Kirche «l’eglise Sainte Marie». Sie ist schon Jahrhunderte alt. Im Mittelalter gebaut.

Die Kirche der heiligen Maria von Espira de l’Agly. Gebaut zwischen 1086 und 1134. Die Bauart ist romanisch. Das menschliche Leben hier ist über 60.000 Jahre alt. Damals begruben die Menschen ihre Toten in Höhlen. Die Kirche ist wie viele der Gebäude ihres Alters, die bis ins Jetzt übderauert haben aus verschiedenen Epochen zusammengewürfelt: Sie wurde erbaut und zerstört, wiederaufgebaut, etwas wurde angebaut. Sie wurde erweitert. Einmal teilten sich ein Mönchs- und ein Nonnenkloster das Gebäude mit dem spätromanischen Eingangsportal.

Espira de l’Agly ist nicht groß, obwohl es so alt ist. Manchmal bin ich über diesen Umstand verwundert. Ja, es gibt Zeiten, an denen ich nicht verstehen kann, wie Städte zu riesigen Metropolen wachsen konnten, die um einiges jünger sind. Mich fasziniert die Tatsache, dass andere Städte – jüngere und ältere – längst untergegangen sind. Aber vor allem sind es kleine Städte wie Espira de l’Agly, die sich nie entwickelt zu haben scheinen. Es hat nur knapp 3000 Einwohner. Es gibt Städte wie diese, die niemals größer werden und niemals verschwinden.

Wir verlassen Espira de l’Agly. Wir kommen wieder in einen dieser Dschungelwege. Von den süßen Trauben habe ich großen Durst. Wir fahren in den Garten von Morganes Vater, Christophe. Es ist kein wirklich schöner Schrebergarten. Es ist ein Garten, der den französischen Häusern und der südfranzösischen Nonchalance bis ins kleinste Detail entspricht: Anstatt von ordentlich, rechteckig angelegten Beeten gibt es Beete, auf denen Christophe etwas Gemüse und Salat anbaut. Es gibt ein Gartenhaus, das aber eher ein Schuppen ist und es gibt eine Mülltonne.

Christophe hebt den Deckel an und der deutsche Frankreichkenner, der noch nie zuvor hier war, könnte in dem Moment annehmen, Christophe züchte hier seinen Delikatessenvorrat für schlechte Zeiten: In der Mülltonne steht das Wasser bis knapp unter den Rand und drinnen tummeln sich etwa ein halbes Dutzend Frösche. Einige versuchen wegzuschwimmen, doch in ihrer Wassertonne kommen sie nicht weit. Andere schaffen es, etwas Halt unter den Füßen zu bekommen und springen in hohem Bogen über den Tonnenrand in die Freiheit. Wenn die wüssten …

Es wird immer dunkler um uns herum und wir schlagen den Heimweg ein. Christophe bleibt an einem Haus stehen und deutet mit einem gewichtigen Blick auf dessen Fenster: «C’est la maison de la famille Joffre et de Joseph Joffre. C’est sa maison de naissance.» erklärt er in seinem südfranzösischen Akzent, in dem der Nasallaut mehr wie ein ng ausgesprochen wird. Das nimmt der Sprache seine ganze Eleganz finde ich.

Joseph Joffre ist der Held von Rivesaltes. Hoch zu Ross steht er auf dem Grand Place vor dem Rathaus, gleich hinter dem Bahnhof. Er ist das große Kind der Stadt. Ein Marschall im zweiten Weltkrieg. Es gibt ein Museum über Maréchal Joseph Joffre hier. Und tatsächlich war er ein hohes militärisches Tier seiner Zeit, denn immer wieder auf meiner Reise stoße ich auf diesen Namen: In Parks, Straßennamen und Häusern.

Man merkt, dass die Franzosen stolz sind auf den ersten Weltkrieg und dessen Ausgang. Auf den zweiten scheinen sie nicht ganz so stolz zu sein, denn wie sonst könnte man erklären, dass ich nichts sehe, nichts erfahre – erst später, nachdem ich lange wieder zuhause bin und die Reise aufarbeite – vom Camp Rivesaltes oder dem Camp Joffre, wie es auch genannt wird? Von den Greueltaten des Vichyregimes an diesem Ort? Ich erfahre zumindest nichts von Morgane oder ihrer Familie, obwohl es mir scheint als seien alle waschechte Rivesaltais, wie man die Menschen nennt, die hier leben.

Es gibt ein Museum über das Camp Rivesaltes. Das Museum ist das Camp. Es wurde 1938 errichtet und diente seit 1939 als Internierungs- und Konzentrationslager. Vor allem Juden aus Baden und der Pfalz waren dort eingesperrt. Im Jahr 1942 wurden 2251 Juden von hier ins KZ-Auschwitz deportiert, um dort ermordet zu werden. Menschen, die geflohen waren, sich in Frankreich sicher glaubten – bis die Nazis kamen. Unter diesen Menschen waren 110 Kinder.

Eingestellt wurde der Betrieb des Lagers nach dem Krieg aber keinesfalls. 1939 wurden hier zusätzlich Anhänger der Retirada untergebracht, die nach dem Sieg Francos nach Frankreich geflüchtet waren. In den 1960er Jahren waren es dann die Harkis – jene Algerier, die den französischen Truppen während des Algerienkriegs geholfen hatten und sich zur französischen Republik bekannt hatten. Bis ins Jahr 2007 sollen hier noch Flüchtlinge aus Algerien leben; in Baracken, die längst verfallen sind. Heute ist das Lager eine Gedenkstätte.

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