04.11.2009 Ab durch die Mitte!

«Diamond ring – wear it on your hand! It’s gonna show the world I’m your only man …» Der Song geht mir seit gestern nicht mehr aus dem Kopf. Bevor ich in Rivesaltes aufgebrochen bin, habe ich mir das beste aller Bon Jovi-Alben auf den MP3-Player geladen: «These Days». Seitdem befinde ich mich in einem Zustand gewisser Melancholie. Ob ich an Daniel denke? Nein, ganz sicher nicht. Ich denke an einen anderen. Ich schreibe Briefe. Ich habe ihnen ein eigenes Notizbuch gewidmet. In dieses Buch schreibe ich die Briefe wie ich in ein anderes Gedichte schreibe. Ich fülle das Buch mit den Briefen an ihn. Ich fülle es mit schwarzer Tinte aus einem Schönschreibfüller, wie ich sonst meine Gedichte schreibe.

Er wird keinen einzigen davon jemals erhalten. Er wird sie niemals lesen. Diese Briefe versende ich nicht. Das erinnert mich an Marcelle Sauvageaut: Ein hoffnungsloser Fall und das stürzt mich noch tiefer in die Melancholie. Ich bade darin, ertränke mich in ihr. Diese Melancholie: ich koste dieses Gefühl vollkommen aus mit einer Wonne. Diese Melancholie ist es, die mich diese Briefe schreiben lässt, diese Gedichte, diese Geschichte. Das ist es, was meine Feder führt.

Daniel fehlt mir. Das Gegenteil möchte ich nicht behaupten. Es wäre nicht wahr. Nach zwei Wochen des Unterwegsseins fange ich an, meine Familie und meine Freunde zu vermissen. Zu der Melancholie gesellt sich ein gewisses Heimweh. Und doch, und das ist das seltsame: Wann immer ich mir vorstelle, wieder zuhause zu sein, schwindet der Wunsch dorthin zurückzukehren immer mehr.

Auf der einen Seite habe ich das Reisen satt. Auf der anderen Seite will ich aber nicht rasten. Die Freiheit, die mir das Reisen gibt, ist das Größte, was mir je widerfahren ist. Vielleicht will ich auch erstmal an einem Ort ankommen, wo ich etwas bleiben, meine Reisetasche auspacken und meine Kleider in einem Schrank verstauen kann. Einem Ort, wo ich nicht jeden Morgen in einer großen Tasche nach frischer Unterwäsche wühlen muss. Das ist wohl das Schicksal des Steins, wenn er erst einmal ins Rollen gekommen ist.

Um fünf Uhr am Morgen werfe ich mein Handy aus dem Bett. Ich habe mir den Wecker dort gestellt, damit ich das Frühstück nicht verschlafe und rechtzeitig aus dem Zimmer bin, denn es ist hier wie in jeder Jugendherberge: Tagsüber hat man in den Zimmern nichts zu suchen. Damit ich den Wecker nachher schneller ausstellen kann, wenn er klingelt, werde ich wach, stehe auf und krieche unter das Bett. Unterwegs begegne ich ein paar freundlich grüßenden Wollmäusen. Zum Glück bin ich schon lange genug in Frankreich, um auch die französischen Wollmäuse zu verstehen. Ich erkläre ihnen, dass alles in Ordnung sei und ich nur an mein Telefon will. Maggie, die ich in ihrem Bettchen unter das Bett gelegt hat, bestätigt das und bürgt für meine guten Absichten. Als ich endlich wieder unter dem Bett hervor komme, habe ich das Handy und meine Zimmergenossin schläft glücklicherweise immer noch.

Einschlafen kann ich nicht mehr. Wieder dieses Lied «Diamond ring …». Es muss sich irgendwann zwischen den Wollmäusen und meiner Rückkehr unter die viel zu kurze Decke ganz unbemerkt eingeschaltet haben. Jetzt, wo alle Aufregung vorbei ist, dröhnt es umso lauter. Dazu plätschert es draußen, als würde schon jemand duschen, inklusive der Ablüftung des Waschbereichs. Es könnte der Regen draußen sein, mutmaße ich. Weil meine Zimmergenossin aber die Vorhänge zugezogen hat, sehe ich nichts.

Stattdessen schalte ich meine Klemmleuchte ein und klemme sie an mein Buch: Ich versuche mich an Aristoteles’ Nikomachischer Ethik. Für alle, die es lesen müssen: Nehmt Euch was zu lesen mit! Für alle, die es lesen mussten und gelesen haben: Mein Beileid. Für alle, die interessiert, was drin steht hier die Kurzzusammenfassung: Es gibt für alles zwei extreme Ausprägungen. Der Mittelweg ist immer der beste. Ende.

Meine Zehen stoßen an das Bettende an. Ist das nicht der Fall, stößt mein Kopf am Kopfende an. Eine Partie sinnloser Handyspiele hilft da auch nicht beim Einschlafen. Also liege ich die nächsten Stunden mit einem Griechen im Bett, der nicht aufhören kann, mich mit dem Wesen des Glücks, Haltungen und Wesenszügen zuzutexten. Als es Zeit wird, aufzustehen und mein Wecker klingelt, habe ich das zweite Buch der Nikomachischen Ethik fast durch.

Im Dunkel des frühen Morgens schäle ich mich aus dem Bett. Irgendwo plätschert die Dusche. Im Hintergrund dröhnt die Entlüftung. Gibt es noch Autoren, die über Jugendherbergen schreiben? Ich meine, abgesehen von Kinder- und Jugendbuchliteratur ist dieses Thema bestimmt nicht breit gestreut. Ich kann es nachvollziehen. Wäre ich nicht alleine unterwegs, hätte ich die fünf Euro pro Nacht mehr für ein richtiges Bett, ein richtiges Bad mit Dusche sicherlich ausgeben können.

Die Dusche ist ein Raum mit einem Kleiderhaken, einem Abfluss, einer Duschstange samt Brause und einer kleinen Ablage für das Duschzeug. Die Dusche liegt nicht im Zimmer. Wie in Jugendherbergen üblich, ist es ein kleiner Raum über den Gang und weil dies so ist und ich nicht in ein Handtuch gewickelt durch die Gegend laufen will, nehme ich meine Kleider und Schuhe mit in diesen Raum, der keinerlei Möglichkeiten bietet, die Kleider nach dem Duschen trocken anzuziehen. Ich brauche eine bestimmte Technik zum Duschen, wenn ich meine Kleider trocken anziehen will und drunter passe ich auch nicht ganz.

Im Frühstücksraum folgt das geniale Jugendherbergsfrühstück. Der Kaffee ist nahezu ungenießbar und meine Vorfreude auf eine Schüssel Cornflakes mit Kakao schlägt mienenverzerrt um, als sich die bittere braune Masse meinen Zungengrund entlang in Richtung Speiseröhre robbt. Der Kakao ist nicht gezuckert. Das Frühstück artet plötzlich in hektisches Zuckertütchensuchenaufreißenunddrüberstreuen um – Ich liebe die deutsche Sprache für die Möglichkeit, wahllos Wörter aneinanderzuhängen ohne, dass das daraus entstehende Wortungetüm an Sinn verliert, was man von diesem Satz nicht behaupten kann. Aber was will man denn erwarten nach zwei Stunden griechischer Philosophie.

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