04.11.2009 Die Liebe auf leeren Magen

Es ist schwer, hier ein Mittagessen zu finden, das essbar ist und gleichzeitig in mein Reisebudget passt. Denn hier besteht der Mittagstisch nicht einfach aus einem Gericht und einem Getränk. Es sind ganze Mittagsmenüs mit mindestens drei Gängen: Entrée, Plat, Fromage ou Dessert und Café. Der Preis, den man bereit zu zahlen ist, bestimmt den Inhalt des Menüs.

Das Essen in zwei Gängen habe ich ja schon bei Georges und Morgane kennen gelernt, wobei das Dessert auch einfach aus einem Joghurt oder einem Apfelkompott bestehen kann. Große Augen gibt es allerdings, wenn Crème Brûlée, Crème Caramel oder Mousse au Chocolat angeboten werden. Bei Morgane gab es meistens noch einen Aperitif: au choix aber gerne Muscat, wenn der schonmal aus Rivesaltes kommt. Einen unförmlichen Entrée aus Käse, Baguette und Pâté gab es auch noch – wer auch immer Pâté erfunden hat, sei heilig.

Denn wenn es sich auch nicht großartig von Leberwurst unterscheidet – was es im Fall von Pâté Foie auch nicht ist – so ist die Blockform, in der dargeboten wird, doch um einiges ansehnlicher als die Wurst aus einem Schweinedarm zu quetschen. Im Gegenteil dazu bleibt die Pâté in ihrer Blockform und die Esser betätigen sich künstlerisch wie Bildhauer an einer Skulptur, wenn sie die Masse auf ihr Baguette streichen.

Auf der Suche nach einem Regenschirm und einem Mittagessen mache ich mich an den Abstieg. Ich nehme den direkten Weg. Den, den ich gestern auf dem Rückweg von der Stadt in die Cité gefunden habe. Es dauert nur zwanzig Minuten. Die Mittagspausen sind hier heilig, stelle ich fest: Das Museum schließt für zwei, drei Stunden. Auch die Kirchen haben geschlossen. Ich will zurückkehren sobald auch das Schloss wieder geöffnet hat und meinen Rundgang fortsetzen. Ich werde nicht zurückkehren bevor es schließt. Ich lasse mein Ticket verfallen und gehe in die Stadt.

In dem Trubel aus trüben Wolken, Wind und Nieselregen suche ich einen Ort, an dem ich mich etwas ausruhen kann. Ich bin rastlos. In meiner Rastlosigkeit fällt mir ein junger Mann auf. Er steht auf der anderen Straßenseite. Er fällt mir nicht auf, weil er besonders auffällig gekleidet ist oder besonders schön ist. Es ist sein Blick, der mir ins Auge sticht. Er ist unbeirrbar auf mich gerichtet. Ich sehe zweimal hin. Sein Blick haftet auf meiner Person. Hier sagt man «Il est scotché.» Ich bin mir sicher, dass er den Blick nicht von mir abwenden wird, egal, was ich tue.

Ich wechsle die Straßenseite mit einigem Abstand zu ihm. Er kommt auf mich zu, spricht mich an. Er will die Uhrzeit wissen. Sicherlich hat er sich die ganze Zeit, in der er mich angestarrt hat, gefragt, ob ich sie ihm wohl sagen würde. Es ist halb zwei am Nachmittag. Ich sage ihm die Uhrzeit, will mich schon abwenden, weitergehen, da höre ich ihn wieder reden. Er bietet mir ein Glas an. Ich verstehe ihn nicht. Er ist aufgeregt. Seine Stimme ist leise und brüchig. Er hat die Kontrolle über sie verloren. Er fragt mich noch einmal, ob er mir ein Glas anbieten könne. Diesmal verstehe ich, was er meint. Ich lehne das Angebot freundlich ab. Ich entschuldige mich, sage ihm, dass ich noch einiges zu erledigen hätte an diesem Nachmittag. Ich denke an Daniel. Das ist einer seiner typischen Reflexe: Ein Fremder spricht ihn an. Er wahrt mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mittel seine Distanz, lässt niemanden an sich heran. So auch ich an diesem frühen Nachmittag. Ich will mich schon von ihm abwenden, da sieht er mich an und sagt, er wolle mich wissen lassen, dass ich sehr schön sei. Ich lächle. Er wiederholt, ich sei sehr schön. Ich fühle mich geschmeichelt. Mir schmeichelte schon sein zaghafter Versuch, mich anzusprechen. Ich wende mich um, ein Lächeln auf den Lippen. Ich gehe um die nächste Ecke nach rechts, zurück in den Trubel der Stadt.

Es wird nicht lange Zeit später sein, ich frage mich bereits als ich mich abwende, was ich zu verlieren hätte, etwas mit ihm zu trinken. Ich habe nichts bestimmtes vor an diesem Nachmittag. Ich kenne niemanden in dieser Stadt. Wieso also eigentlich nicht? Ich kehre nicht um. Ich bleibe auf meinem Weg.

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