05.11.2009 – Vive la Démocracie!

Habe ich nicht schon einmal geschrieben, dass ich die Franzosen liebe? Das habe ich zweifellos bereits getan. Ich liebe sie dafür, direkt auf einen Menschen zuzugehen, wenn sie dich sympathisch finden. Sie finden Menschen sympathisch, die ihre Sprache sprechen. Sie antworten grundsätzlich jedem, der sie anspricht. Selbst ein Bettler fragt mich nach einem «Bonjour Mademoiselle» höflich nach etwas Kleingeld, worauf ich ihn ansehe und mit einem bedauernden Gesicht antworte «J’suis désolée.» In Deutschland wäre ich angehauen worden, auf die rabiate Art. Ich hätte es entweder ignoriert oder hätte mit einem «Nein Danke» abgeschmettert. Hier unterhält man sich auch mit dem Punk auf der Straße und gibt, wenn man nicht wenigstens eine Zigarette für das Herrchen hat, seinem Hund ein Leckerli.

In Carcassonne suche ich die Rue Verdun. Dort, am Fuße der Cité hat einst Joë Bousquet gewohnt, sagt mein Reiseführer. Er war Schriftsteller und seit seiner Verwundung im Ersten Weltkrieg am Rückgrat gelähmt. Welche Ironie, dass er ausgerechnet in der Rue Verdun gelebt hat. Direkt nebenan ist das Katharer-Museum. Die Katharer lassen mich seit Narbonne nicht mehr los. Ich will wissen, was es mit ihnen auf sich hatte.

Auf dem Weg zur Rue Verdun überquere ich den Place d’Aude. «Ma-dö-moa-sellö!» Ich erkenne diesen Akzent, diese Art, jede einzelne Silbe so übertrieben deutlich auszusprechen, dass es nicht mal mehr grotesk ist. Es ist die Mademoiselle mit der Körperlotion für die «lèvres sèches». Ich entdecke sie in einem der Cafés mit denen der Platz gesäumt ist. In einem von ihnen habe ich heute Vormittag ein zweites Frühstück gegessen. Sie fragt mich, wie es mir geht. Gut sage ich. «Et vous?» Das Wetter sei ja so schön heute, da habe sie sich in ein Café gesetzt, um die Sonne zu genießen. Der Akzent bricht niemals ab, wird niemals flüssiger. Ihr französisch bleibt eine bizarre Verballhornung dieser Sprache.

Ich erzähle ihr, ich sei auf der Suche nach der Rue Verdun und könne sie nicht finden. Ja, das Katharer-Museum wolle ich besuchen. Die Ma-dö-moa-sellö kennt die Straße. Sie ist nur zwei Straßen weiter vom Place d’Aude. Ich verabschiede mich von ihr und gehe in die Richtung, in die sie gezeigt hat. Wenige Minuten später biege ich in die Rue Verdun ein und finde den Eingang zum Museum. Es ist kurz vor Mittag. Ich habe schon festgestellt, dass die Mittagspause von zwei bis drei Stunden Länge heilig sind. Deshalb gehe ich erst gar nicht hinein, sondern beschließe, am Nachmittag wiederzukommen.

Statt das Museum zu besuchen, besorge ich Briefmarken für die Postkarten, die ich von jeder Station aus verschicke. Meine Eltern bekommen eine, Benjamin und die WG. Sie bekommen eine Karte von jeder meiner Stationen. So ausgerüstet setze ich mich in ein Café und bestelle grünen Tee mit Jasmin (dieses Café ist eines der wenigen mit Teeauswahl). Der Kellner bringt den Tee. Ich packe meine Postkarten, Briefmarken und Füller aus und beginne zu schreiben. Um eins breche ich auf. Ich bin fertig mit meinen zehn Postkarten, also bezahle ich und ziehe weiter. Ich möchte noch etwas sehen, bevor ich morgen wieder abreise. Ich suche eine Kirche, die ich besuchen kann, obwohl ich mittlerweile von Kirchen die Nase voll habe, mögen sie auch noch so schön und prachtvoll sein.

War es an diesem Tag, als mich der junge Mann ansprach? Ich bin mir nicht mehr sicher. Ich habe die drei Tage in Carcassonne hauptsächlich auf den Straßen der Stadt verbracht. Trotzdem erinnere ich mich nicht mehr an den Namen der Straße. Nein, es ist nicht sonderlich wichtig, weil der junge Mann in dieser Geschichte nicht weiter wichtig ist. Ich habe ihn nur bemerkt. Er steht auf der anderen Straßenseite, doch ich wüsste den Namen der Straße selbst dann nicht, wenn die Straßen, die übrigens quadratisch angeordnet sind, nach einem Schachbrettmuster benannt wären – mit der Porte des Jacobins als Orientierungspunkt. Es ist westlich der Porte, in Höhe der Place de l’Aude in einer Parallelstraße der Rue Georges-Clémenceau.

Den restlichen Nachmittag verbringe ich abwechselnd im Katharer-Museum, in dem eine Schulklasse gerade dabei ist, neues über ihre Vorfahren zu lernen, und dem Museum über Joë Bousquet, in dem Handschriften, Fotos und sogar sein altes Arbeits- und Schlafzimmer ausgestellt werden. Die ganze Wohnung ist so belassen, wie zu Lebzeiten des Schriftstellers: Wo Stufen sind, führen Rampen entlang, damit Bousquet sich mit dem Rollstuhl frei bewegen konnte. Vor allem das Zimmer sieht so aus, als könnte er noch in dem Bett liegen.

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