05.11.2009 – Dans un nuage poupre

Das Café Poésie betrete ich nicht ohne mich vorher aufzubrezeln: Haare kämmen, Pferdeschwanz, Schminke – fertig. Ich bin eitel und mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. In Anbetracht dessen, dass ich meine Habe in Taschen mit mir herum schleppe, ziemlich gut sogar. Der eisige Wind und der Regen machen den Aufwand zunichte als ich von der Cité wieder in die Innenstadt wandere, zum Café Comédie, in dem das Café Poésie heute Abend stattfindet.

In dem Aushang am Café war von «Gitarristen» die Rede gewesen. Ich hätte Maggie zu gerne mitgenommen, es dann aber doch wieder verworfen. Ich bin noch nicht gut genug.

Die Dame mit den trockenen Lippen und der überdeutlichen Aussprache ist heute Abend nicht dabei. Es sind viele neue Gesichter. Vor allem ältere. Sie sind bereits vor Stunden gekommen, haben sich das «Menu Poésie» schmecken lassen und sitzen nun rechts und links der Bühne an der Wand. Franzosen lieben es, zu essen. Am günstigsten ist meistens ein Menü, meist mit drei Gängen.

Ich nehme an einem Tisch in der Mitte des Raumes Platz: ganz nah an der Bühne, an einem kleinen runden Bistro-Tisch, auf den kaum eine Kaffeetasse Platz hat. Noch rennen überall Kellner umher, tragen Teller und Gläser umher. Ich erkenne den Kellner von gestern Abend. Er ist wieder hier. Ich weiß nicht, ob ich etwas bestellen möchte. Ich bestelle nichts. Niemand fragt mich. Den Blicken der Kellner weiche ich aus, deshalb fragt auch niemand.

Ich hole mein Buch heraus und fange an, zu schreiben, bis das Café Poésie anfängt. Eine alte Dame kommt auf mich zu und spricht mich an. Sie habe mich schon einmal gesehen. Wo? Frage ich sie. Letztes Jahr sei das gewesen, hier in Carcassonne, in diesem Café. Ich hätte mich gerne an sie erinnert, doch ich bin zum ersten Mal in diesem Café, in dieser Stadt.

Die Bühne ist nicht sonderlich groß. Im Grunde genommen existiert sie gar nicht: Ein Mikrophon, zwei Barhocker und am Rand stehen ein paar Gitarren. Eine Frau geht zum Mikrophon: Sie ist klein, untersetzt und in ihrem weißen Zopfpullover herrlich unglamourös für diesen Abend. Das Café Poésie wird bei Radio Marseillette live übertragen und wer im Radio kümmert sich schon darum, wie der Moderator aussieht?

Französische Lyrik hat mit französischer Sprache nichts zu tun. Vielleicht teilen sie sich die Vokabeln. Die Syntax und die Bilder aber erscheinen aufgelöst wie in einem expressionistischen Gemälde. Ich verstehe kaum ein Wort. Ich bemerke nur das große Entsetzen an einer Stelle und erinnere mich, das Wort «putain» – Hure – gehört zu haben. Es hört sich so hübsch an. Ich liebe die französische Sprache: Man kann sich die derbsten Schimpfwörter an den Kopf werfen, es wird nie so klingen. Es wird immer nur wunderschön sein. So wie die Gedichte, die ich nicht verstehe. Ich verstehe aber die Gitarristen, die ihre eigenen Kompositionen vortragen. Den einen nenne ich «Hugh Grant». Er heißt «Erwens» Dabei sprechen die Franzosen den Namen «Eruhäns» aus. An den Namen seines Kollegen erinnere ich mich nicht, obwohl er ein sehr schönes Lied über die Prinzessinnenkatze seiner Tochter, ein Angora, geschrieben hat.

Ich erinnere mich an die Texte. Nicht an deren Inhalt, aber an die Texte. Französische Poesie versteht sich eher schlecht, aber sie klingt. Sie klingt nach einem Rausch, nach eine Sprachwolke aus Rosarot. Wie soll ich es anders beschreiben? In einem Gedicht fällt plötzlich das Wort «putain». «Uff!» macht es überall um mich herum und «uiuiui!». «Putain» heißt «Hure», «Schlampe», «Prostituierte».

Sind die Südfranzosen jetzt so unglaublich freundlich, dass sie so empört auf dieses Wort antworten, das zu den schlimmsten Fluchwörtern in der Sprache zählt? Oder wollen sie einfach keine Prostituierten in ihrer Mitte haben, und stoßen das Wort deshalb mit einem lauten «ohlala!» von sich?

Berauscht von den Gedichten und der Musik der Sprache, dem Klang der Gitarren, vergesse ich die Zeit. Längst sind alle Gedichte gelesen. Niemand will mehr etwas vortragen. Nur Hugh Grant und sein Kollege begleiten sich gegenseitig improvisierend auf ihren Gitarren zu den Liedern des anderen. Morgen fahre ich weiter, nach Castres. Mein Zug fährt früh und ich muss früh aufstehen, um auszuchecken. Also will ich nicht so lange bleiben und bleibe dann doch bis Hugh und sein Freund die Instrumente einpacken und der letzte Gast sich noch am Thresen mit dem Kellner von gestern Abend unterhält. Ich bleibe bis zum Schluss.

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