06.11.2009 – Il fait froid, je veux des crèpes

In meinen Armen klingt Maggies «Hallelujah» von Jeff Buckley – ja, er hat es von Leonard Cohen gecovert und gezeigt, dass ein Cover auch besser sein kann als das Original – tröstend und wärmend.

Draußen ist es kalt. Ich habe eine Stunde lang geschlafen. Geneviève und Franck haben sich auch noch ein wenig ausgeruht. Jetzt geht es im Haus hoch her. Auch ich mache mich fertig. Ich ziehe den langen blauen Pullover über meine Jeans, der schon fast ein Minikleid ist, schminke mich. Pferdeschwanz, fertig! Wir können los.

Ich bin froh, meinen Wintermantel mitgenommen zu haben, denn draußen ist es eiskalt. Es ist gerade mal sieben Uhr am Abend und wir haben noch ein bisschen Zeit, bevor der Hunger kommt, also zeigen Geneviève und Franck mir die Stadt. Sie ist nicht sonderlich groß, aber sie hat ihren Reiz mit dem kleinen Kanal, der Castres durchzieht, aber nicht durchtrennt, wie andere Flüsse das tun. Am Kanal gibt es Häuser, die direkt an ihn dran gebaut sind. Ich stelle mir vor, in einem von ihnen zu wohnen und dem Verkehr dadurch zu entkommen, indem ich in den Keller gehe und mich in mein Boot setze. Castres hat auch ein Museum. Es ist Museum mit der größten Goya-Sammlung in Frankreich. Ich will es besichtigen.

Ich erinnere mich nicht mehr an alles, was die beiden mir erzählen. So ist es, wenn ich hungrig bin: Dann fokussiere ich eiskalt auf die nächste Nahrungsquelle. Wir durchstöbern die Restaurants in Castres: Menüs, Crèpes, die französische Küche par exellence. Ich soll entscheiden und entscheide mich für eine Crèperie. Ich liebe Crèpes und Pfannkuchen. Franck bestellt uns allen eine Flasche Cidre. Auch den liebe ich, schön lieblich wie Apfelsaftschorle und nicht so ekelhaft sauer wie die hessische Variante des Apfelmosts. Ich nehme eine Galette mit Schinken, Käse und Ei. Es gibt kaum etwas besseres als diese hauchdünnen Buchweizencrèpes. Zum Nachtisch gibt es Crèpes mit Schokolade und Orangenlikör. Ich bin im siebten Himmel.

Morgen ist Samstag. Geneviève will mir die Stadt zeigen, mit mir in einen Buchladen gehen. Ich habe ihr erzählt, dass ich «L’amant» suche. Meinen Lieblingsroman. An dieser Stelle möchte ich einfügen, dass ich mich in gewisser Weise Marguérite Duras verbunden, ja ich möchte sogar sagen, «nahe» fühle. Wie oft habe ich früher auf endlosen Touren durch die Pfalz «Der Liebhaber» auf Kassette gehört und mich in diese Geschichte hinein versetzt.

Es erinnerte mich ein bisschen an meine Teenagerzeit. Ich weiß, es klingt albern so zu schreiben, fühle ich mich mit 25 keinesfalls alt. Dennoch kann ich ihr nachfühlen: Ich will schreiben. Deshalb diese Reise. Ich war einst in einen Mann verliebt, der schon zu Konzerten der Beasty Boys gegangen ist, als ich gerade eingeschult wurde und partout nicht einsehen wollte, dämliche Vogelnester zu malen, um ein «U» zu lernen, das ich längst kannte. In diesem Kampf um die Freiheit, das zu tun, was ich will, meinen Weg zu gehen, fühle ich mich dieser alten Frau verbunden, die einst ein junges Mädchen war, als sie «L’amant» schrieb.

Geneviève und ich werden durch die Stadt ziehen und einkaufen gehen für das Mittagessen. Vielleicht gehen wir danach noch etwas wandern oder spazieren. Ich freue mich schon darauf. Zuhause kann ich trotzdem nicht sofort einschlafen. Ich setze mir wie so oft den Laptop auf den Schoß, spiele Mahjongg und höre ein Hörbuch. Irgendwann lege ich ihn zur Seite und höre nur noch das Hörbuch bis ich einschlafe.

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