07.11.2009 Un coup de téléphone

Als ich aufwache, steht die Sonne schon hoch am Himmel. Geneviève und Yannick haben mit dem Frühstück auf mich gewartet. Es gibt Kaffee und Milchbrötchen, etwas Marmelade – französisch. Weil heute Samstag ist, geht Geneviève einkaufen. Ich komme mit.

Wenn man sich noch nicht lange in Frankreich aufgehalten hat, ist Castres wunderschön: Es gibt kleine Gässchen, charmante Häuser und Einkaufsläden. Geneviève zeigt sie mir alle. Sie zeigt mir das Geschäft, in dem es den besten Wein in der Gegend gibt, die teuerste Schokolade – und glaubt mir, bei Schokolade bin ich wählerisch. Je besser sie ist, desto teurer ist sie meistens auch. In mein Reisebudget passt sie jedenfalls nicht.

Nach über zwei Wochen und vier verschiedenen Städten kommt dieser Charme nicht mehr an mich heran. Schon in Carcassonne hat mich dieser verranzte Stil an den alten Häusern mehr angewidert als angezogen – allerdings nur bei Regenwetter. In Castres ist das Wetter wolkig, kalt, ein bisschen Regen liegt in der Luft, nichts wogegen ein warmer Mantel nicht helfen würde, aber ich bin müde.

Ich stelle fest, dass ich langsam müde werde, zu reisen. Ständig ist da dieser Gedanke im Kopf: Der Gedanke an die nächste Abreise, an den nächsten Ort, der Drang, alle Eindrücke gleichzeitig einsammeln zu müssen in der kurzen Zeit. Dann wieder Sachen packen, zum Bahnhof schleppen und weiter geht’s in die nächste Stadt. Wer möchte nach so vielen Stationen nicht einfach mal Luft holen?

Mein Handy vibriert, als ich mit Geneviève in der Buchhandlung von Mme Michel stehe. Vor Schreck lasse ich das Buch fast aus der Hand fallen. Es ist eine wunderschöne Klappbuchausgabe von «Le petit prince» von Antoine de Saint-Exupery. Ich erschrecke mich immer, wenn mein Telefon klingelt oder in meiner Hosentasche vibriert.

Es ist Sébastien. Ich habe ihm meine Nummer gegeben, als ich mich von ihm verabschiedet habe gestern. Ich muss gestehen, dass ich nicht mit seinem Anruf gerechnet hatte.

«Salut Sébastien, wie geht’s dir?»
«Mir geht’s gut. Danke. Und dir? Bist du gut angekommen?»
«Ja, bin ich. Ich musste ein paar Stunden hier am Bahnhof verbringen, aber dann haben mich die beiden hier ja abgeholt. Wie hast du den Tag gestern verbracht?»
«Ich hab mich nochmal schlafen gelegt, nachdem du in den Zug gestiegen bist und war abends dann wieder arbeiten. Es war sehr schön mit dir.»
«Danke für den schönen Spaziergang zur Cité. Die Nacht war wirklich sehr schön.»

Ich merke, wie mein Gesicht eine andere Farbe bekommt. Geneviève steht neben mir und blättert in einem Buch. Ich spreche zwar etwas leiser, aber sie muss trotzdem gehört haben, was ich da sage, denn sie schaut von ihrem Buch zu mir herauf.

Mir fällt nichts ein, worüber ich mit ihm sprechen könnte. Uns verbindet zu wenig für ein Gespräch, nur die vorletzte Nacht. Will ich ihn wiedersehen? Will er mich wiedersehen? Ich will ihn nicht mit einem barschen «Was gibt’s?» gleich wieder abwimmeln. Ich will wissen, was er will. Also freue ich mich über seinen Anruf. Warum sollte ich auch nicht? Ich frage ihn, was er heute noch vor hat. Er fragt mich, wie meine Zugfahrt gestern war.

«Das blöde an der Zugfahrt gestern war, dass ich erst nach Toulouse gefahren bin, wo ich ja eh in ein paar Tagen hin fahre.»
«Ich habe nächste Woche ein paar Tage frei und würde dich gerne in Toulouse treffen.»

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