07.11.2009 – Zwei getrennte Leben

Er will mich sehen. Das trifft mich trotz der Möglichkeit, die ich in Betracht gezogen habe, unerwartet. Wo ich unterkommen werde, weiß ich noch nicht: Couchsurfer oder Jugendherberge. Aber was tut das zur Sache? Und mein Freund zuhause, in Mannheim? Plötzlich fängt mein Gewissen an, an mir zu nagen.

Doch es ist ja bereits geschehen. Es gibt nichts zu leugnen. Es gibt aber auch nichts zu erzählen. Ich bin hier. Er ist dort. In diesem Augenblick sind wir zwei getrennte Leben. In diesem Augenblick sitzt er vielleicht in seinem Büro und jongliert mit Zahlen, während ich hier, auf einer Reise, ein Leben führe, das mit unserem zuhause nichts zu tun hat.

Ich nenne ihm den Tag meiner Ankunft in Toulouse. Es ist der Tag bevor die Franzosen den Waffenstillstand nach dem ersten Weltkrieg feiern. Kein Geschäft wird an diesem Tag geöffnet sein, überlege ich und hoffe insgeheim, doch noch einen Gastgeber zum Couchsurfen zu finden. Sébastien und ich verabreden uns für diesen Tag, zumindest um noch einmal zu telefonieren.

«Hast du schon eine Unterkunft? Ich habe Freunde in Toulouse, bei denen du ein paar Tage wohnen könntest.» sagt er.

Obwohl ich sonst nichts dagegen habe, mir auf dieser Reise helfen zu lassen, ist mir sein Angebot nicht geheuer.

«Ja, ich habe jemanden zum Couchsurfen gefunden.» lüge ich. Es bestehe folglich keine Notwendigkeit, sein Angebot wahrzunehmen, aber ich danke dir herzlich.

Wir versprechen, uns zu schreiben. Er nennt mir seinen vollständigen Namen, damit ich ihn auch bei Facebook finden würde und verspricht, mir seine Email-Adresse zu schicken. Wir könnten ja per Skype telefonieren. Dann verabschieden wir uns.

«A bientôt.»
«Je l’espère.»

Als ich auflege, bin ich ein bisschen verwirrt und erfreut zugleich. In meinem Bauch kribbelt es. Ich kann nicht mehr klar denken. Ich halte den kleinen Prinzen immer noch in der Hand, kann mich aber nicht auf ihn konzentrieren. Geneviève liest den Inhalt des Anrufs an meinem Gesicht ab.

«Dein Freund war das aber nicht?»

Wieso sollte ich mich schließlich mit meinem Freund auf Französisch unterhalten? Es konnte nur jemand anderes sein.

«Ich habe ihn in Carcassonne getroffen und wir haben meine letzte Nacht zusammen verbracht. Er will mich in Toulouse treffen.»
«Und du willst dich mit ihm treffen?»
«Ja, mal sehen.»
«Und was ist mit deinem Freund?»

Sie spricht einfach aus, was ich dabei bin zu verdrängen. Geneviève holt das schlechte Gewissen aus dem Käfig, in das ich es soeben gesperrt habe.

«Das weiß ich noch nicht.»

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