07.11.2009 Napoleons Hut im Chaos der Granitfelder

Wir verlassen den Buchladen nicht ohne drei Bücher zu kaufen: Eine Französisch-Grammatik, «L’amant» von Marguerite Duras und «No et Moi» von Delphine de Vigan. Die Grammatik ist reine Zeit- und Geldverschwendung, wie ich später feststellen soll, habe ich das meiste hier ohnehin schon beim Reden mit den Menschen gelernt und reicht mir die Zeit ohnehin nicht, um umständlich in ihr zu blättern und die richtige Formulierung nachzusehen.

Wir kaufen noch für das Abendessen ein, dann gehen wir nach Hause. Yannick hat schon das Mittagessen vorbereitet, als wir ankommen und macht einen Vorschlag: Wir könnten den restlichen Nachmittag nutzen und in den «Sidobre» fahren.

Der Sidobre ist eine Granitlandschaft an einem südwestlichen Zipfel des französischen Zentralmassivs. Der blaue Granit kommt aus dieser Gegend und liegt hier in großen Brocken herum. Er ist entstanden aus den Lavaströmen, die einmal das Zentralmassiv herabflossen. Später erodierten ihn der Regen und der Wind.

Als ich vor diesen riesengroßen Felsen stehe, bin ich wie erstarrt. Ich fühle mich wie ein Zwerg, der plötzlich auf Riesen trifft. Die Felsen sehen aus wie riesengroße Kiesel, die nur Riesen gesammelt und hierher gebracht haben können. Die dunkle Oberfläche ist sehr glatt. Scharfe Bruchkanten sind keine zu sehen. Entlang der schluchtartigen Granitschüttung führt ein kleiner Pfad, den wir nehmen. Wir müssen aufpassen. Durch das viele Laub ist es sehr rutschig. Unter den Felsen hört man einen Bach rauschen. Yannick versucht, hinein zu kriechen. An einigen Stellen ist das tatsächlich möglich, zumindest wenn man klein ist. Ich bin definitiv zu groß dafür.

Langsam geht die Sonne unter. Es wird dunkel und wir sind noch mitten im Wald. Es wird hier, in Castres genau so schnell dunkel wie noch vor ein paar Wochen in Montpellier und Narbonne. Es ist gar nicht lange her, dass ich dort war. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Anders als in Narbonne und Montpellier ist das Wetter mittlerweile ganz anders. Ich kann nicht sagen, wie es am Mittelmeer gerade ist, aber als ich Rivesaltes verließ, zog gerade kalte Luft aus den Bergen heran. Es wollte Winter werden. Entsprechend kalt ist es auch jetzt.

Um die Granitkiesel wabern jetzt Nebelschwaden. Ich fotografiere alles, was ich sehe. Vor allem diese Nebelschwaden vor den Granitfelsen. Die Atmosphäre ist seltsam: schaurig und schön zugleich. Geneviève und Yannick zeigen mir alles hier: Das Chaos de la Rouquette, das Chaos de la Balme und Napoleons Hut, wie einer der Felsen seiner Form wegen genannt wird. Ich weiß nicht, ob ich den richtigen fotografiere, aber der Felsen vor meiner Linse sieht zumindest aus, wie der berühmte Dreispitz.

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