07.11.2009 Mon Coeur

Während wir durch den Wald streifen, unterhalten wir uns die ganze Zeit miteinander. Die beiden erzählen mir von sich, berichten sich gegenseitig wie es gestern auf der Arbeit war und ich erzähle von mir. Ich erzähle, wo ich wohne, von meinen Eltern, meiner Schwester, meinem Freund.

Ich erzähle von meinem Studium und erkläre Dinge, die ich dabei gelernt habe. Wann immer ich mit meinem Französisch am Ende bin, versuche ich, die Dinge, die ich meine, zu umschreiben, damit mir einer der beiden das französische Wort dafür sagt. Ich habe sie bereits vorgewarnt, dass ich französisch spreche, aber noch einige Fehler mache und habe sie darum gebeten, mich zu korrigieren.

Als ich auf Daniel zu sprechen komme, wirft mir Geneviève einen seltsamen Blick zu. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn wirklich sehe. Es ist dunkel. Ich bin nicht sicher, ob sie mir einen seltsamen Blick zuwirft. Ich glaube, mein schlechtes Gewissen meldet sich in der Art, in der ich ihren Blick interpretiere. Ich werde mir bewusst, dass ich ein schlechtes Gewissen Daniel gegenüber habe. Ich schiebe den Gedanken von mir, wozu die Begegnung mit Sébastien führen könnte.

«Spricht dein Freund auch französisch?»

Geneviève hat mich ertappt. Der Anruf heute Vormittag hat sie aufhorchen lassen.

«Ja, spricht er. Aber nicht mehr so gut. Man verlernt sehr viel, wenn man die Sprache nach der Schule nicht weiter pflegt. Er hat viele Sprachkurse gemacht an der Uni. Ich auch. Aber ich muss feststellen, dass sie rausgeworfenes Geld waren. Keiner der Kurse hat so viel gebracht, wie diese kurze Zeit meiner Reise bis jetzt.»

Ich winde mich aus den Fragen, die kommen könnten. Würden überhaupt Fragen kommen? Vielleicht hat Geneviève schon von meinem Anruf berichtet? Sie könnte das durchaus getan haben. Wieso sollte Yannick es dann nicht wissen? Ich habe ihr ja selbst davon erzählt, also kann ich es auch ihm erzählen, wenn es ihn überhaupt interessiert.

Wenn ich mir Geneviève und Yannick so betrachte und an Jean und Nicolette denke, sehe ich den großen Unterschied zwischen ihnen und Daniel und mir: Aus irgendeinem Grund sind diese beiden Paare sich näher, als wir beide. Geneviève und Yannick haben Rituale. Sie gehen Freitag abends zusammen essen und Sonntag abends ins Kino. Sie nennen sich «Amour» oder «mon coeur» wenn sie den anderen zum Essen rufen. Sie sind schon so lange zusammen und wirken auf mich unheimlich verliebt und glücklich.

Daniel und ich haben all das nicht mehr. Wir hatten einst einen festen Tag in der Woche, an dem wir uns getroffen haben. Wir gingen gemeinsam in die Mensa zum Essen oder hin und wieder auch ins Theater oder ins Kino, wobei unsere Geschmäcker sich zwar zum Teil überlappten, aber sonst weit auseinander lagen. Ich liebe Filme mit Spannung. Während andere bei «Kill Bill» angesichts des Bluts angewidert das Programm wechseln, finde ich die offensichtlich verfremdeten Bilder dieses Gemetzels einfach nur schön.

Für Daniel ist schon der «Tatort» eine seelische Folter. Also hatte ich in den letzten fünf Jahren meine Vorliebe für Liebeskomödien, Thriller, Science Fiction und gehaltvolles Mainstream-Kino auf Arthaus-Filme verlagert. Ich besitze sogar eine Bonuskarte der Mannheimer Arthaus-Kinos, mit der ich einen Euro weniger für meine Karte bezahlen brauche und ich war seit jahren nicht mehr im Werkhaus gewesen, in dem das Theater all die experimentellen, chaotischeren und textlastigen Stücke aufführt.

Bei den anderen beiden Paaren sieht es so aus, als akzeptieren sie den anderen so, wie er ist. Sie kennen sich vielleicht nicht anders, aber keiner scheint dem anderen Vorschriften zu machen, wie er sein soll, oder was und keiner von beiden scheint dem anderen Erwartungen aufbürden zu wollen, die er nicht teilt.

Wenn ich an Daniel denke, sehe ich ihn als den hochintelligenten jungen Mann mit großen Plänen und Zielen, von dessen Freundin er verlangt, dass sie ebenso große Ziele hat, nach der Uni: Ein Arbeitsplatz, der einen fünf bis sechs Tage in der Woche vereinnahmt, nach dem ich nach hause komme, etwas esse, und dann mit meinem Liebsten die Tagesthemen zu sehen, die ich eigentlich nicht sehen will, weil mich Nachrichten emotional runterziehen. Ich gebe zu: Ich bin Eskapist, Träumer. Ich soll tun, was ich möchte, aber ich soll es tun, betont er immer wieder.

Was will ich eigentlich? Ich will schreiben. Das, was ich mehr als alles in der Welt will, ist schreiben. Egal was: Magisterarbeiten, Zeitungsartikel, Geschichten, Radiobeiträge oder Werbeslogans. Ich will meine Sprache benutzen. So ist es. Ich freue mich wie eine kleine Schneekönigin, wenn ich ein Wortspiel erkenne, das ich soeben unbewusst gemacht habe. Ich freue mich wie eine kleine Schneekönigin wenn ich eines bewusst mache.

Bei Daniel und mir heißt es nie «Liebes» oder «mein Herz» oder gar «Schatz». Wir haben unsere eigenen Kosenamen – das heißt, er hat Kosenamen. Für ihn fallen mir leider keine ein. Wundere ich mich darüber? Wir haben keine Rituale, einmal die Woche ins Kino zu gehen oder essen. Rituale haben wir abgeschafft als dank Abschlussarbeiten und Effizienzzwang keine Zeit mehr für Rituale geblieben war.

Wir mussten es auf kurze Treffen zum Abendessen verkürzen und haben es danach auch nicht wieder aufgenommen. Zwischen Geneviève und Yannick, Nicolette und Jean gibt es eine Innigkeit, die ich bei Daniel und mir vermisse. Das ist mir in diesem Augenblick klar, als ich mit Yannick und Geneviève durch das Sidobre laufe und mir Gedanken über Sébastien mache.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.