08.11.2009 – Et maintenant?

Sébastien lässt nicht locker. Wir wollen uns dort treffen, in Toulouse. Als wir vorhin telefoniert haben, hat er noch einmal danach gefragt. Ich kann hören, wie er sich auf unser Rendez-vous freut. Er ist ganz außer sich. Ich dagegen habe noch keine Ahnung, was ich aus dieser Situation machen, oder wie ich aus ihr wieder heraus kommen soll.

Noch habe ich keine Bleibe in Toulouse gefunden. Auf meine Bewerbungen im Couchsurfing-Portal gibt es Absagen oder keine Antworten, obwohl die Mitglieder, denen ich schreibe, jedem antworten. Es scheint wieder auf die Jugendherberge dort hinauszulaufen. Noch mehr Einbußen für meine Reisekasse.

Während wir uns unterhalten fällt mir ein: Ich könnte Sébastien fragen. Vielleicht hat er Freunde in Toulouse, bei denen ich für ein paar Tage bleiben könnte. Wäre das zu viel? Sollte ich Sébastien überhaupt um Hilfe bitten? Ich merke einmal mehr, wie hin und her gerissen ich bin. Mit Daniel bin ich seit fünf Jahren zusammen. Werfe ich das einfach weg?

Sébastien war ein Ausrutscher! So sagt man doch im Allgemeinen, oder? Wenn jemand seinen Partner einmal betrügt, dann war das ein Ausrutscher. Also könnte ich das selbe von der Geschichte mit Sébastian sagen, von dem «Ausrutscher» sprechen, oder besser gar nicht darüber sprechen, und schon gar nicht ihn wiederholen. Denn dann wäre es kein «Ausrutscher» mehr.

Wie billig manche Menschen damit wegkommen. Wie kann ich an einem Abend die Existenz von jemandem vergessen, der seit fünf Jahren mein Freund ist? Kann ich das? Warum habe ich das dann überhaupt getan? Es hat sich gut angefühlt, gebe ich zu: Der Mondschein, das Rauschen des Windes in den nächtlichen Blättern der Bäume, alles. Ich hatte Lust dazu, das zu tun. Und jetzt? Nach dieser Einsicht geht es mir nicht besser. Ich habe sogar Lust, es noch einmal zu tun. Es geht dabei nicht um Daniel, nicht darum, ihm etwas heimzuzahlen oder ihm weh zu tun. Es war der Moment. Wenn du jetzt fragst, warum ich das zugelassen habe, warum ich das zugelassen habe ohne ihm weh tun zu wollen – etwas, das ihm ganz sicher schmerzen würde, wüsste er davon – dann muss ich dir sagen: «Ich weiß es nicht.»

Ich stelle mir die Frage trotzdem den ganzen Weg vom Kino zurück zu Geneviève und Yannick, während ich mit ihnen noch ein Glas trinke und während ich einschlafe. Ich werde Sébastien in Toulouse treffen. Ich habe ihn nicht nach einer Unterkunft gefragt, ich werde mir selbst ein Zimmer in der Jugendherberge dort mieten. Wenn ich bis dann keine Antwort von den Couchsurfern habe. Dann streife ich eben wieder durch die Stadt auf der Suche nach interessanten Fotomotiven, Menschen und Gedanken. Langweilen werde ich mich sicher nicht.

Ein paar Tage bin ich noch hier, in Castres. Ich habe viel vor: Ich will mir die Stadt noch etwas ansehen, das Goya-Museum besuchen und mich über Jean Jaurès kundig machen. Es soll hier ein Museum über ihn geben. Scheinbar verehren ihn die Franzosen wie die Rivesaltais Maréchal Jean Goffre verehrt haben. Er ist hier, in Castres, geboren und sei ein großer Politiker gewesen, hatte mir Yannick stolz berichtet. Yannick, dessen Eltern aus Spanien kommen und der eigentlich Lyonnais ist, berichtet mir von Jean Jaurès im stolz geschwellten Ton des Lokalpatrioten. Bei dieser Vorstellung muss ich schmunzeln.

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