09.11.2009 – «C’est une vieille maison»

Dass es draußen schon lange Tag ist, merke ich nicht. Das Haus ist alt, die Fenster dünn und unter meinen Gästebettdecken ist es wunderbar gemütlich. Vor den Fenstern gibt es Stores, die ich abends schließe, wenn es kalt wird. Denn Wärme kommt hier keine mehr rein, wenn die Sonne einmal untergegangen ist. Im Gegenteil. Sie entweicht wie ein Gefangener, dessen Zellentür versehentlich offen stehen gelassen wurde.

«C’est une vieille maison.» hatte Geneviève gesagt, als sie mich vor zwei Tagen durch das Haus führte. Und sie hatte Recht: Es ist ein altes Haus. Die Europäische Kommission wäre stolz auf diese Energieeffizienz. Ich muss ironisch schmunzeln: Wir Deutschen rennen Energieverordnungen hinterher. Wir verstecken die wenigen schönen Häuserfassaden, die geblieben sind, hinter dickem Dämmmaterial, eine dicke Schicht rosaroten Zuckergusses. Zum Kotzen!

Sicherlich kümmert man sich auch in Frankreich um Energieeffizienz und die Energierverordnungen. Bestimmt! In Paris ganz sicher. In neuen Häusern bestimmt auch. Aber in der Provinz? Ich denke an Montpellier, an das Haus, in dem Bev wohnt. Ich denke an ihr Zimmer, an die Handtücher, die sie mit Tesafilm über die Steckdosen geklebt hat, damit es bei nächsten Regenguss keinen Stromschlag, Kurzschluss oder sogar – was bloß zu vermeiden wäre – ein Brand entstehen könnte, der erst die Kabel, dann die Möbel, dann das ganze Zimmer erfasst und schließlich das Haus mit Mann und Maus verschlingt. Es ist lebensgefährlich.

In dem bürgerlichen Provinzhaus von Geneviève und Yannick wird die Energie über die Stores gespart. Es gibt keine andere Dämmung, keine mehrfach verglasten Fenster. Ja, sie sind nicht einmal ganz dicht. Man schließt abends die Stores und stellt damit sicher, dass man morgens nicht in einem Eisfach aufwacht. Ich habe die Stores gestern Abend geschlossen. Den Wecker stelle ich nicht mehr seit ich aus dem Büro meines Professors gelaufen bin, als «Meisterin der Künste». Also vergesse ich die Zeit und stehe um elf Uhr Vormittags auf. Ein Sonnenstrahl brennt durch ein winziges Loch in den Stores. Vielleicht war es das, was mich geweckt hat?

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