09.11.2009 Die Mauer fällt immer wieder

Heute ist Montag. Yannick und Geneviève sind schon zur Arbeit gegangen. Ich mache mir einen Kaffee und gehe mit meinem Frühstück in den Salon zum Fernseher. Heute vor 20 Jahren fiel in Deutschland die Mauer.

Dem französischen Fernsehen ist das wert, darüber zu berichten und über die Feierlichkeiten. Naja, was man so «Feierlichkeiten» nennt: Es gibt wie immer eine riesengroße Show vor dem Brandenburger Tor in Berlin und Thomas Gottschalk moderiert.

«Armes Land» denke ich mir nur, während ich ihm zuhöre – oder eher seinem französischen Voice Over. In Frankreich hätte man einen solchen Tag sicherlich anders begangen. Natürlich: Es hätte sicherlich Shows gegeben, die ein solches Ereignis feiern – eine größer als die andere. Natürlich! Es hätte Souvenirs gegeben. Der Elyséepalast aber hätte noch viel größeren Pomp aufgefahren: Militärische Paraden, die Fremdenlegion und eine Flugzeugformation mit der Tricolore am Himmel.

Frankreich macht das, denn die Franzosen können stolz sein auf ihr Land und sie sind es. Ihren Präsidenten können sie vielleicht nicht sonderlich leiden: Sarkoléon nennen sie ihn, den kleinen Mann aus Paris, dessen Ruf und Akzeptanz in der Bevölkerung vor allem seiner Frau, einem ehemaligen italienischen Model und Chanteuse geschuldet sind. Von allen Zeitungsständen lächelt die Première Dame, Carla Bruni, von den Titelseiten herunter. Was trägt sie im Sommer? Wie wird sie sich im nächsten Winter kleiden und welche Modetricks kann die Französin von heute von ihr lernen? All das beschäftigt die Frauen des Landes und trägt nicht gerade wenig dazu bei, dass ihr Mann trotzdem noch ein wenig beliebt ist.

Die Franzosen lieben das Zeremoniell. Während der Bundestagspräsident in Deutschland nach dem Läuten der Sitzungsglocke in den Plenarsaal geht, einen Stapel Akten und Papiere unter dem Arm, fährt in der Assemblée Nationale erst einmal eine Abordnung nostalgisch gewandeter Wachen auf, die mit ihren Fanfaren und Hymnen den Parlamtenspräsidenten ankündigen. Ein großer Auftritt.

In Deutschland gibt es keine Militärparaden für einen solches Ereignis wie den 20. Jahrestag des Mauerfalls. Stattdessen treten Bon Jovi vor dem Brandenburger Tor auf. Die Kanzlerin spricht zwischen den musikalischen Beiträgen zu dem Partyvolk in der Fanmeile. In Deutschland will man von Pomp und Prunk nichts wissen, auch die Staatslenker sehen sich in der Öffentlichkeit als Primus inter pares – als Erste unter Gleichen: Es wird diskutiert, geredet. Ausstellungen werden organisiert, rote Pfeile in den Berliner Himmel gehängt, die den Weg zu den Veranstaltungsorten weisen. Es finden Konzerte statt, Lesungen und Volksfeste. Auch Kunstprojekte.

Vielleicht liegt es daran, dass Deutschland seine Militärtradition nach zwei Weltkriegen verworfen hat. Wer wollte das hier auch wieder haben? Frankreich ist aus beiden Kriegen ja als Sieger hervor gegangen und kann sich diese Tradition durchaus leisten. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass das Militär maßgeblich an der Französischen Revolution beteiligt war. Ohne das Militär hätte es die Bevölkerung vor 220 Jahren sicher nicht geschafft, der Monarchie ein Ende zu bereiten, ungeachtet der schrecklichen Folgen.

In Deutschland lief die Geschichte anders: Die Offiziere der „Nationalen Volksarmee“, wie das Militär genannt wurde, hätten vielleicht nur einen entsprechenden Befehl gebraucht, um die Demonstrationen aufzulösen – und sie hätten es getan. Dem Ansehen der Regierung hätte dies sicher nicht geholfen und wer weiß, wie die Geschichte ausgegangen wäre, bei dem Aufsehen, das die dieser „friedlichen Revolution“ vorausgegangenen Demonstrationen und Kundgebungen in der westlichen Welt erregt hatten.

Bei alldem stellt sich also die Frage: Wozu das runde Jubiläum einer Revolution, der Wiedervereinigung Deutschlands mit der prunkvollen Präsentation einer Staatsmacht feiern, die an dieser gar nicht beteiligt war oder sie sogar verhindert hätte, wenn die entsprechenden Befehle von oben gegeben worden wären? Dachte ich zuerst „armes Deutschland“, erkenne ich jetzt die Aussage der Feierlichkeiten mit poppiger Rockmusik und einer riesigen Party vor dem Brandenburger Tor am Tag des Mauerfalls: Hier werden keine einzelnen Helden gefeiert. Das Volk selbst steht hier im Mittelpunkt: Die Staatsmacht, von der diese Revolution ausgegangen ist, die Staatsmacht, die ein ganzes System zum Einsturz gebracht hat, die später dessen Gräueltaten aufgedeckt hat, und die später so enttäuscht war.

Bei einer solchen Feier ist kein Platz für militärische Paraden und Defilés der Regierung. Das Volk feiert sich selbst. Wenn ich so darüber nachdenke, vergesse ich plötzlich meine Antipathien gegen Thomas Gottschalk und diese Partystimmung und fühle ein bisschen Stolz in mir aufkommen. Wie sonst soll sich ein Volk feiern, außer mit einer riesigen Party vor dem Symbol seiner Revolution?

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