09.11.2009 – Un coup de téléphone

Es ist früher Nachmittag. Eigentlich habe ich keine Lust, aufzustehen und nach draußen zu gehen, aber irgendetwas muss ich tun. Ich schreibe Couchsurfer an, mich aufzunehmen in Toulouse: Keine Antwort bisher. Das Wetter draußen ist ungemütlich kalt. Es regnet. Ein Wetter, um sich drinnen in seine Decken zu kuscheln und zu lesen. Eine Tasse Tee neben sich.

Ich gehe dennoch nach draußen. Ich will nicht den ganzen Tag in der Wohnung sitzen, dafür hätte ich auch zuhause bleiben können. Ich will noch ins Museum, die Goya-Sammlung sehen und die Stadt. Als erstes kaufe ich mir ein bisschen Proviant: Baguette, Käse und etwas zu trinken. Dann gehe ich weiter in Richtung Museum. Wie nicht anders zu erwarten, verlaufe ich mich. Ich erkenne die Häuser und Straßen nur teilweise von Samstag wieder. Gestern waren wir in einer völlig anderen Ecke der Stadt.

Das Museum hat geschlossen, wie die meisten kulturellen Einrichtungen in Frankreich. Mein Reiseführer bestätigt das. Ich glaube, dass auch in Deutschland die Museen montags geschlossen sind. Ich bin mir nicht sicher. In Deutschland gehe ich selten in ein Museum. Ich weiß nicht warum. Es liegt nicht unbedingt daran, dass es in Mannheim und der Umgebung keine guten Museen gibt. Vergleichbar mit Berlin oder München ist keines von ihnen, aber schlecht sind sie nicht. Immerhin hängt auch ein echter Goya in der Kunsthalle und der Fisch von Constantin Brâncusi steht direkt am Eingang.

In diesen Museen könnte ich ganze Tage verbringen. Wenn ich es nicht kenne, gehe ich hinein und lese alles, was auf den Tafeln steht oder höre allem zu, was der Audio-Guide mir erzählt. Das mache ich bei jedem Museum so, schon in Montpellier. Immer. Wieso Immer? Nun, ich sehe es nicht ein, eine Ausstellung zweimal zu besuchen. Ich besuche die gleiche Ausstellung nur dann ein zweites Mal, wenn ich sie beim ersten Mal nicht ganz erfassen konnte, oder ich das Gefühl habe, etwas übersehen zu haben und ein zweiter Besuch könnte mir die Augen öffnen.

Ach, was erzähle ich? Ich stehe vor dem Museum. Die schweren roten Eisentüren sind verschlossen und bleiben es heute auch. In meiner Tasche klingelt mein Handy. Für Daniel ist es zu früh und Geneviève oder Yannick schließe ich auch aus. Ich hole es aus der Tasche, sehe auf das Display:

Es ist Sébastien.

Ich denke an Daniel. Ich will den Anruf ignorieren, so tun, als habe ich ihn nicht gehört. Da stelle ich fest: Ich kann ihn gar nicht ignorieren. Ich will es nicht. Ich weiß, es ist nicht richtig, beiden gegenüber. Ich sollte Sébastien sagen, dass die Nacht in Carcassonne ein Fehler war, ein Ausrutscher. Ich hatte Rotwein getrunken – nein, es war nur Café au Lait; es war eine schöne Nacht. Ich hatte meinen Freund vermisst; hatte es vermisst, umarmt zu werden, das Kribbeln der Schmetterlinge im Bauch, den ersten Kuss mit einem anderen Menschen, einen neuen Körper zu erkunden, die Intensität des ersten Sex mit einem anderen. All das hatte ich vermisst, deshalb muss ich mich an dem Abend so gehen gelassen haben.

Quatsch! Nonsense! Ich glaube mir selbst nicht. Ich würde mir selbst nicht glauben wäre ich Sébastien und bekäme eine solche Geschichte aufgetischt. Wäre dem so, hätte ich das gleich am Morgen danach klären können, als ich all das nicht mehr vermisste. Ich hätte es ihm am Telefon sagen können, als wir uns für Toulouse verabredet haben. Aber anstatt zu sagen, dass es nicht geht, habe ich eingewilligt, ihn in Toulouse zu treffen, übermorgen schon. Ich habe ihn nicht entmutigt, habe ihm nicht gesagt, dass diese Nacht einmalig gewesen sei, sondern zugestimmt, sie möglicherweise zu wiederholen. Und! Ich habe seitdem bestimmt jeden Tag mit ihm telefoniert, ohne dass ich mich je gegen ihn gewehrt hätte.

Was sollte ich also tun? Um das ganze abzusagen, dafür ist es zu spät und ich bin kein solcher Feigling, dass ich jetzt plötzlich in der Versenkung verschwinde. Ich will ihn treffen, übermorgen in Toulouse. Ich sehe auf das Handy in meiner Hand, als ich mich dafür entscheide, das Gespräch anzunehmen. Zum Glück noch rechtzeitig bevor die Mailbox das übernehmen kann.

«Salut Sébastien! Ça va?»
«Chérie, mir geht’s gut. Wie geht’s dir? Wie ist Castres?»
«Castres ist irgendwie ein verschlafenes Nest. Nicht sonderlich spannend. Ich wollte das Goya-Museum besuchen, aber das hat heute zu.»
«Die Museen haben montags immer geschlossen.»
«Das wusste ich nicht. Naja und jetzt ist es kalt und eigentlich wäre ich am liebsten zuhause im Warmen geblieben.»
«Warum bist du nicht?»
«Ich habe den Drang, mir die Stadt anzusehen. Sonst beschleicht mich am Ende noch das Gefühl, ich hätte etwas verpasst.»
«Hm, kann ich verstehen. Aber ist was los?»
«Nein, nichts.» Zum ersten Mal an diesem Tag muss ich lachen. Es ist mehr ein Kichern.

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