09.11.2009 – Von der Henne und dem Ei und von Vertrauen

«Chérie, ich vermisse dich. Wann fährst du nach Toulouse?»
«Ich will morgen fahren, aber ich habe noch niemanden gefunden, bei dem ich bleiben könnte. Meine Suche nach einer Couch war bisher erfolglos.»

Und schon habe ich gesagt, was ich eigentlich vermeiden wollte.

«Hm, ich habe ein paar Freunde in Toulouse. Vielleicht könntest du bei einem von ihnen ein paar Tage bleiben.»
«Das ist sehr lieb von dir, Sébastien, aber ich dachte mehr daran, wieder in eine Jugendherberge zu gehen. Wie in Carcassonne, wenn ich niemanden finde.»
«Nein, mach das nicht! Das ist nicht gut für Dich. Die Jugendherberge dort ist furchtbar, glaube mir. Ich musste einmal dort übernachten. Das war fürchterlich: Die Matratzen sind dünn wie ein Blatt Papier, das Bettzeug ist quasi nicht vorhanden, ein dünnes Gewebe, einmal zu benutzen, das wars.»
«Vielleicht hab ich ja stattdessen ein paar nette Mitbewohner.»
«Ach Chérie, die meisten, die dort wohnen sind junge Arbeiter, die versuchen, hier Fuß zu fassen. Als ich die Küche das letzte Mal gesehen habe, war sie überschwemmt, weil es diese Hornochsen – dieses Wort gibt es auf Französisch nicht – nicht verstanden haben, dass das Waschbecken überläuft, wenn man den Abfluss mit Nudeln verstopft.»

Ich stelle mir den Anblick vor und versuche, den Brechreiz zu unterdrücken.

«Glaub mir Chérie, du hast dort keinen Spaß. Mach dir keine Sorgen. Wir finden schon ein Sofa zum surfen für dich.»

Und damit hat er mich. Ich bin beeindruckt. Nicht, dass ich mich gerne bevormunden, oder meine Entscheidungen in Frage stellen lasse, aber Sébastien ergreift spontan Verantwortung für mich und lässt sich auch nicht abwimmeln, wenn ich seine Hilfe ablehne. Vielleicht hat er Recht. Vielleicht ist die Jugendherberge tatsächlich nicht der beste Platz zum Schlafen, und so wie er es schildert, dürfte es schwierig für mich werden, dort zu frühstücken – und diese Mahlzeit ist mir heilig.

«Also gut. Das wäre großartig, wenn du etwas fändest.»
«Ich ruf dich dann einfach später nochmal an und sag dir Bescheid. Vielleicht kannst du auch bei meinem Freund Pierre bleiben, bei dem ich auch ein paar Tage übernachte.»

Ein Teil von mir verkrampft sich: Es ist der der treuen Freundin, die an Daniel denkt. Ein anderer Teil freut sich, Sébastien wiederzusehen und das womöglich auch für einen längeren Abschnitt als nur einen Nachmittag.

«Das wäre toll.» Höre ich mich sagen und merke gleichzeitig wie der Daniel-Teil von mir gerade ohnmächtig zu Boden geht. Mein Bauchgefühl verheißt nichts Gutes: Ein schlechtes Gewissen und den unumgänglichen Drang, Daniel von dieser Romanze zu berichten, was einen Wasserfall an Tränen bei uns beiden zur Folge haben wird. Vor allem aber wird er sein Vertrauen in mich verlieren, und es auch nicht mehr wiederfinden, vielleicht doch, dann aber nur sehr schwer.

Es ist schon seltsam, wie es funktioniert, dieses «Vertrauen» in einen Menschen: Es gibt Menschen, denen vertraut man sofort; Menschen, die einem sympathisch sind. Man traut ihnen. Man geht das Risiko ein, hintergangen zu werden, und wird dennoch nicht enttäuscht. Das stärkt das Vertrauen. Irgendwann ist dieses Gefühl so groß, dass man diesem Menschen sein Geld, sein Leben, ja sogar die eigenen Kinder anvertraut, blind; ohne voraussehen zu können, ob man nicht doch hintergangen wird.

Vertrauen ist ein Gefühl, das sich von Mensch zu Mensch verschieden schnell aufbaut. Es braucht gerne seine Zeit, bis es sich einstellt. Bis es mehrfach bestätigt und verifiziert wurde. Dann wandelt sich das Vertrauen in Wissen um. Wissen, dass dieser andere Mensch hält, was er versprochen hat.

Dieses Gefühl ist meiner Meinung nach das wichtigste Gefühl beim Menschen: Es ermöglicht den Menschen, Geschäfte miteinander auszuhandeln, abzuwickeln und so letztlich das Funktionieren nicht nur von wirtschaftlichen Transaktionen oder der Medizin – wer würde sich von einem Arzt behandeln lassen, dem man nicht vertraut – Vertrauen ermöglicht das Funktionieren der ganzen Gesellschaft. Das Funktionieren der Gesellschaft ist davon abhängig, dass sich Menschen Versprechen geben und diese auch einhalten.

Das Versprechen zwischen Liebenden ist es, ausschließlich seinen Partner zu lieben und dies durch sein Sexualleben auszudrücken, indem sie nur mit ihrem Partner ins Bett gehen. Ist es nicht fast ein wenig lächerlich, die Beziehung am Ende nur auf Sex zu reduzieren?

Nicht wenn man der Prämisse folgt, unter der der gewöhnliche Mitteleuropäer unter dem Einfluss von Kirchen, Religionen und anderen Moralinstanzen sozialisiert worden ist: Der körperlichen Liebe geht die geistige Liebe voraus. Daraus lässt sich schließen, dass es ohne geistige Liebe zwischen zwei Menschen keine körperliche Liebe geben kann und daher lässt sich aus dem Betrug im Bett nur die Schlussflgerung ziehen, dass die geistige Liebe zu dem sexuell betrogenen nicht mehr vorhanden ist, und das schon eine ganze Weile. In Konsequenz kann das nur bedeuten, dass der sexuell Betrügende, dem Partner die geistige Liebe in der letzten Zeit nur vorgespielt, ihn angelogen hat.

Schließlich bricht diese Lüge das Vertrauen, in den betrügenden Partner, das dieser in einer solch langen Zeit aufgebaut hat. Es ist schon ein seltsames Gebilde dieses Vertrauen und irgendwie verhält es sich damit wie auch im restlichen Leben, einem Haus zum Beispiel: Man braucht viel Zeit, Kraft und Ressourcen, um es aufzubauen, aber Einreißen lässt es sich mit einem Fingerschnippen.

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