09.11.2009 C’est Bordel!

«So machen wir es. Dann ruf ich dich heute Abend nochmal an. Was machst du heute noch?»

«Nicht viel. Ich werde nach Hause gehen und etwas essen. Heute Abend bin ich mit einer Couchsurferin verabredet, die hier am Theater arbeitet. Ich bin mal gespannt, wie sie so ist. Und du?»

«Im Café Comédie ist heute Ruhetag. Ich muss heute nicht arbeiten. Aber ich werde noch ein paar Dinge erledigen, bevor ich morgen nach Toulouse fahre. Ich freu’ mich so dich wiederzusehen. Das wird sehr romantisch, wenn ich dir Toulouse zeige. Man nennt sie auch «La ville rose». Wusstest du das?»

Ich muss verneinen.
«Ich werde dir zeigen warum. Und ich habe noch eine Überraschung für dich.»<
Die Stimme am anderen Ende klingt sehr fröhlich und überschwänglich. Er freut sich wirklich, mich wiederzusehen.

«Für mich? Aber Sébastien, mach das nicht. Das ist doch nicht nötig.»
«Jetzt hab Dich mal nicht so. Du wirst dich freuen, glaub mir.»
«Ich freue mich.» Höre ich mich sagen, innerlich immernoch daran zweifelnd, ob das so eine gute Idee gewesen ist.

«Dann hören wir uns heute Abend, d’accord?»
«D’accord» lächle ich ins Telefon. «Bis heute Abend.»
«Ich küsse dich.»
«Ich dich auch.»

Wir sind Liebende.

Mir ist kalt. Der Wind weht kalte feuchte Luft durch die Gassen und Straßen von Castres. Da ich nicht hinein kann, kehre ich dem Museum den Rücken zu und gehe in die Stadt, etwas zum Essen einkaufen. Es gibt Baguette, Käse und Paté. Dazu trinke ich Wasser. Es ist wirklich kein Wetter, um sich draußen aufzuhalten; nicht, wenn man wie ich auf den südfranzösischen Herbst eingestellt ist. Ich gehe nach hause und sehe nach, ob nicht doch jemand auf meine Couchbewerbung geantwortet hat. Mein Postfach bleibt leer.

«Ich fahre morgen Abend zu meinen Eltern. Sie wohnen in einem Vorort von Toulouse.» erzählt mir Geneviève beim Abendessen.
«Wenn du möchtest, nehme ich dich mit und du kannst bei ihnen übernachten. Meine Mutter muss übermorgen sowieso in die Stadt, da kann sie dich mitnehmen.»

Ich strahle. Das wäre eine Idee.

Morgen ist Freitag. Montags oder freitags in die Stadt zu fahren ist verrückt, eröffnet sie mir. Wieso das? «C’est bordel!» sagt sie und erklärt mir wieso: In Frankreich gilt die 38,5 Stunden-Woche, damit die Mamans und Papas an den Mittwoch Nachmittagen frei machen und sich um ihre Fils und Filles kümmern können, wenn die Schule nachmittags geschlossen ist und ihre Kleinen nicht wie einige andere in den Religionsunterricht gehen. Religionsunterricht gibt es in Frankreich nicht. Das liegt am laizistischen System, durch das die Kirche und der Staat streng voneinander getrennt sind. Deshalb gehen die Kinder, wenn ihre Eltern das so wollen, am Mittwoch Nachmittag nicht in die Schule, sondern lernen Religion.

Da seit der französischen Revolution aber auch der Wahlspruch „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ gilt, auf den sich verdammt viele Franzosen ständig beziehen, vor allem in Talkshows wenn sie kontroverse Themen zur Sprache bringen: Aus diesem Grund gilt die 38,5 Stunden-Woche auch für Eltern, deren Kinder im Religionsunterricht sind. Sie gilt auch für Paare, Frauen und Männer, die überhaupt keine Kinder haben und das ist das Problem, weshalb es unmöglich ist, donnerstags und montags abends oder auch dienstags früh in die Stadt zu fahren. Dann ist der Verkehr die Hölle!

Niemand schreibt dem anderen vor, wann er seinen halben freien Tag zu nehmen hat. Aber alle müssen ihn nehmen. Und so gönnt man sich in Frankreich alle zwei Wochen ein langes Wochenende. Als Ergebnis wälzen sich dann jeden Donnerstag und Montag Abend die Blechlawinen aus oder in die Stadt. Auf Französisch: «C’est bordel!»

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