09.11.2009 – Essen Sie nicht! Seien Sie gesund und schlank!

Geneviève und ich reden viel miteinander, über alles Mögliche: Bücher, Sprache, die Arbeit. Sie arbeitet in einer Art Schulradiosender und studiert nebenbei Kunsttherapie. Sie will Kunsttherapeutin werden.

Sie ist wirklich begabt: Jedes Mal, wenn ich vom Salon oder der Küche im Erdgeschoss nach oben in mein Gästezimmer gehen will, erschrecke ich über eine sich streckende Katze aus Ton. Geneviève hat sie gemacht und das täuschend echt.

Wenn wir essen, erkenne ich langsam wieso die Französinnen so schlank sind. Wenn es nicht gerade das Mittagessen ist, das meist aus Salat besteht, gibt es immer drei Gänge: Eine Entrée aus Brot und Pâté, eine Hauptspeise und ein Dessert wie Joghurt zum Beispiel oder eine Süßigkeit. Scheinbar gewöhnt man sich an eine solche Menüfolge und isst so zwischen den Mahlzeiten nichts mehr, ist meine Theorie.

Oder aber es liegt an den französischen Medien. Wie die Warnhinweise auf Tabak- und Zigarettenschachteln stehen unter jeder Werbung für einen Schokoriegel oder ein Salatblatt Sätze wie «Ne grignotez pas!» – naschen Sie nicht! – oder «Ne mangez pas trop grassé, trop sucré et trop salé!» – Essen Sie nicht zu fett, zu süß und zu salzig! Die Hinweise reichen bis zur Anzahl der Portionen Obst und Gemüse, die es pro Tag zu verzehren gilt und, dass man nicht zu viel Alkohol trinken soll. Langsam habe ich ein schlechtes Gewissen, etwas zu essen. Oder ich sollte aufhören, so viel fern zu sehen.

Essen Sie täglich mindestens fünf Portionen Obst und Gemüse täglich – Ihrer Gesundheit zu Liebe

Die ständige Fixierung auf das Abnehmen im französischen Fernsehen geht mir auf die Nerven. Ich weiß, in Deutschland gibt es Shows, in denen Familien und Menschen gezeigt wird, wie sie sich gesund essen können, wenn sie statt der täglichen Mammutportion Schnitzel – Ich möchte hier anmerken, dass Mammuts Vegetarier waren.

Frag mich nicht, woher ich das weiß, aber wenn du dir diese Stoßzähne anguckst und die trampelige Statur dieser Tiere, wirst du schnell einsehen, dass Fleisch schier unerreichbar war für sie: Sie waren nicht flink genug, und sie hätten ihre Beute niemals zerlegen können. Also hätte Aas auch nicht auf ihrem Speiseplan stehen können. Ach ja: Ihnen fehlten Finger und Daumen, also wäre auch mit Besteck nichts auszurichten gewesen. Mammuts haben Blätter gefuttert – Kommen wir zurück auf die Mammutportion Schnitzel!

In diesen Sendungen also wird menschlichen Mammuts gezeigt, wie einfach sie gesund werden können, wenn sie statt ihrer Mammutportion Schnitzel eine Mammutportion Salat in sich hinein schaufeln und ein bisschen Sport dazu treiben. Wer auch immer mal regelmäßig Ausdauersport gemacht hat, und Salaten nicht abgeneigt ist, wird dieses Gefühl kennen, wenn es endlich Sommer wird und der Salat zum Steak plötzlich wieder besser schmeckt; oder das Gefühl nach langer Sportabstinenz, sich endlich wieder bewegen zu können. Ich kann solche Mammuts nicht verstehen, aber ich kann verstehen, dass man ihnen helfen sollte, wenn sie es denn zulassen.

In Frankreich läuft das anders: Hier werden keine Problemfälle behandelt, sondern ganz normalgewichtige Frauen werden als Vorbild aus den Medien entfernt und durch Damen ersetzt, denen man vorsichtig eine Karotte reichen möchte, aus Angst, sie könnten sie einem samt Hand vom Arm reißen oder sie brechen zusammen beim Versuch, sie zu erreichen.

Dabei sehen die Frauen im französischen Fernsehen keineswegs schwach aus. Nein! Es sind starke Frauen. Sie trainieren. Sie wirken drahtig, kernig, irgendwie kompetent. Aber auch ungemütlich, unsympathisch. Es sind Frauen, von denen ich mir die Welt erklären lassen wollte. Befreundet sein wollte ich mit ihnen nicht auf diesen ersten Blick. Von diesen Frauen geht eine Ausstrahlung aus, als hätten sie sich in ein Korsett gezwängt. Ein Korsett aus Diät, Sport und Verboten.

Selbstdisziplin wird das gerne genannt. Ich nenne es: Korsett. Ein selbst auferlegtes Gefängnis, das ihnen zwar nicht physisch die Luft zum Atmen raubt, wie es noch vor der Frauenbewegung des beginnenden 20. Jahrhunderts war, sondern vor allem psychisch. Ich meine, diesen Frauen anzusehen, dass sie sich nicht wohl fühlen in ihrer Haut.

Les Maternelles – Le Corps

Dicke Frauen sehe ich im französischen Fernsehen nicht. Doch! Einmal. Es ist die Nachmittagssendung für werdende oder frisch gebackene Mütter. «Les maternelles» heißt sie. Hier gibt es Informationen über gesunde Ernährung, Schwangerschaftsgymnastik, worauf bei der Arztwahl zu achten ist und so weiter. Die Moderatorin ist nicht einmal mehr in deutschen Verhältnissen schlank. Sie ist aber auch keines dieser kränkelnden Mammuts. Sie ist eine rundliche junge Frau mit langen Haaren, die sich in ihrer Haut wohl zu fühlen scheint.

«Hoffentlich bekomme ich keine Kinder!» denke ich mir, bevor ich aus der Sendung wegzappe. Wenn ich mich mit solchen Themen beschäftigen muss, bleibe ich lieber ohne Nachwuchs. Ich könnte das nicht. Mir wäre nach zwei Tagen Mutterschutz schon so langweilig, dass ich weiterarbeiten würde, bis endlich die Fruchtblase platzt und ich nicht mehr fernsehen kann, weil mein kleiner Schatz das dann nicht mehr zulässt.

Ich werde froh sein, wenn er oder sie mich schlafen lässt. Denn wenn ich auch noch so viel erzähle, keine Kinder bekommen zu wollen und wie schrecklich kleine Kinder sind, weiß ich eines genau: Ich werde die Superglucke sein und ich werde meinem Kind ein Schlagzeug schenken, wenn es eines will.

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