09.11.2009 – Sprache lernen ist ein schweres Truc

Während ich mich mit Geneviève und Yannick unterhalte und während ich fernsehe fällt mir immer wieder ein Wort auf: «Le truc». Immer wieder heißt es: «C’est un truc …» oder «Ou est le truc?»

Das «truc» wird zu einem meiner Lieblingswörter. Wann immer ich eine Vokabel nicht weiß, verwende ich es und beschreibe den Gegenstand, für den ich das Wort suche. Das machen auch die Franzosen so: Geneviève nutzt dieses Wort ständig für irgendwas: Den Zünder für ihren Gasherd zum Beispiel oder den Pfannenwender, die Kelle. Alles ist ein Truc. Ich glaube, noch nirgendwo so häufig «Ding» gehört zu haben wie hier.

Während wir reden und ich erzähle, immer wieder aushole, um ein Wort zu umschreiben, dessen Vokabel ich noch nicht kenne und dabei die Hälfte meiner Geschichte vergesse, die ich erzählen will, lobt mich Geneviève für mein gutes Französisch. Ich bin noch keinen Monat da. Mein Französisch, sagt sie, sei besser als das vieler französischer Schüler. Sie wisse das, sagt sie. Sie arbeite ja mit Kindern zusammen und das Vokabular der Sechstklässler hier sei unterirdisch. Ich persönlich finde meine sprachlichen Fähigkeiten in diesem Land doch noch sehr begrenzt und ausbaufähig. Dennoch freue ich mich darüber, mittlerweile mit den Menschen hier diskutieren zu können, ohne zu stolpern.

Ich bin erschrocken über Genevièves Aussage über die Schüler hier: Ihr Vokabular ist unterirdisch. Ich wünschte, ich könnte das Gegenteil aus der Heimat oder von hier berichten, aber es geht nicht. Auch in Deutschland sprechen viele Kinder, vor allem solche ohne Migrationshintergrund wie es in politisch korrektem Deutsch heißt. «Alder, gehst du Straßenbahn?» höre ich ständig, wenn ich nicht gerade mit Musik in den Ohren herumlaufe. Es ist zum verzweifeln, die Ohrenstöpsel und akustischen Scheuklappen aus der Tasche holen und die Welt um sich herum ausschalten.

Es sind furchtbare Probleme, die ich geändert haben möchte, die ich nicht ändern kann und deshalb mache ich das einzige, was mir in dieser Situation möglich ist: Ich stecke den Kopf in den Sand, die Kopfhörer in die Ohren, und mich inmitten meiner Freunde, die sogar in funktionierenden Schachtelsätzen mit Punkt, Komma und Gedankenstrich sprechen können. Ich kann nicht jedem der Kinder Sprachunterricht geben. Ich würde ihnen zu gerne einen Karl May in die Hand drücken, aber gegen Facebook, Youtube und World of Warcraft kommen weder Winnetou noch Old Shatterhand an. Also lasse ich es und spiele Vogelstrauß.

«Morgen kommst Du, Cherie?»
«Es wird erst übermorgen. Ich fahre morgen in einen Vorort von Toulouse, zu den Eltern meiner Gastgeberin hier. Ihre Mutter fährt mich dann übermorgen in die Stadt.»
«Warum so spät? Du könntest doch morgen schon einfach herkommen. Ich habe Felix gefragt, bei dem ich bleibe. Du kannst auch in seiner Wohnung bleiben, die paar Tage.»
«Du hast Recht, aber sie hat es mir angeboten und schon mit ihren Eltern ausgemacht, dass sie mich morgen mitnimmt und ich bei ihnen übernachte. Das wollte ich nicht ablehnen. Sie sind einfach so herzlich.»
«Na gut, dann sehen wir uns erst übermorgen. Wann bist du da?»
«Ich weiß es noch nicht genau, wann wir losfahren und wie lange es dauert. Ich denke, gegen Vormittag. Soll ich dich anrufen, wenn ich in der Stadt bin?»
«Mach das, Cherie. Ich überlege mir inzwischen, was ich dir alles von Toulouse zeige.»
«Was gibt es denn alles zu sehen?»
«Ich weiß nicht, vielleicht wirst du auch nur mich sehen. Mich und Felix’ Wohnung.»
«Oh la la. Nur dich?»
«Und Felix’ Wohnung vielleicht.»
«Dann hab ich ja gar nichts von der Stadt.»
«Ma chère, Du hast die Hauptattraktion.» grinst er hörbar am anderen Ende.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.