10.11.2009 – Stand By Me

Genevièves Eltern leben anders, als ich es bisher gedacht hatte. Ich kenne ja bis jetzt nur die Stadthäuser, die meistens alte Altbauhäuser sind, mit hohen Decken und Galerien zur Straße hin. Hier, im Vorort von Toulouse lebt man in Reihenhäusern.

Auch Genevièves Eltern leben in einem solchen Haus. Die Decken sind überraschend niedrig, alles ist ganz gut in Schuss, man versteht sich mit den Nachbarn. Dafür scheinen die Wände aus Pappe zu bestehen, oder sie sind pappig verkleidet. Irgendwie seltsam, das Gefühl hier.

Genevièves Eltern begrüßen uns herzlich. Ich verstehe sie ganz gut, obwohl beide eine Art Slang sprechen: Ihre Mutter Pariserisch, ihr Vater geht in die okzitanische Richtung. Ihre Mutter verstehe ich besser als ihren Vater. Der Slang ihrer Mutter spiegelt sich wieder in einer Sammlung aus Figuren, die in der ganzen Wohnung verteilt sind. Es sind Eulen.

«C’est chouette!» erklärt mir die Mutter. Geneviève erklärt mir, dass dies in Paris der Ausdruck ist für «hübsch, chic». Ich frage «Wie heißen denn diese Vögel?» Die Mutter sagt nur «C’est chouette!» und lächelt mich an. Ja, hübsch sind sie schon, ein wenig kitschig, aber wem’s gefällt. Dass Eulen auf französisch «chouettes» heißen, fällt mir erst auf, als ich sie in meinem Wörterbuch nachschlage. Und wieder einmal fallen mir die Wortspiele wie Schuppen von den Augen. Ich lache. Ich denke an Carcassonne, an das Café Philo «La Philosophie, c’est chouette!» stand da auf dem Plakat an dem Café Comédie. Ein griechischer Kopf, vermutlich Plato, und eine Eule darauf. Die Franzosen sind unmöglich. Ich liebe das.

Madame Taupin kocht französisch. «Pot au feu» nennt sich das Gericht und mehr als seine deutsche Entsprechung, nämlich «Topf auf Feuer» ist es auch nicht: Alles, was dazu nötig ist, ist ein Topf Wasser, ein Stück Suppenfleisch und Gemüse. Man stelle alles auf den Herd, lasse es ein paar Stunden köcheln und reiche die Brühe als Entrée, das Fleisch mit dem Gemüse danach und zum Abschluss das übliche Dessert. Fertig ist das Menü.

Geneviève und ihre Eltern unterhalten sich lange. Ich erzähle ihnen auch ein wenig von mir und meiner Familie, wie ich die beiden kennen gelernt habe und was ich so vorhabe. Es wird ein langer Abend. Geneviève wird ihren Töpferkurs verpassen. Bevor sie nach hause fährt zeigt sie mir noch ihr Zimmer. Ein Mädchenzimmer mit Blick auf das Feld draußen. Ich weiß nicht, wie lange sie schon nicht mehr bei ihren Eltern wohnt – ich schätze, es sind schon ein paar Jahre – aber es sieht aus als könne sie jederzeit wieder einziehen ohne großartig Gepäck mitnehmen zu müssen: Bett, Bücher, Kuscheltiere, sogar ein Fernseher ist noch da.

Im Moment möchte ich gerne für mich sein, mich von diesem Tag erholen. Es scheint, als strengen nicht nur die neue Umgebung an. Es sind vor allem die neuen Menschen, mit denen ich zu tun habe, die mich auf der einen Seite faszinieren und auf der anderen Seite sehr mitnehmen. Ich sehe fern, um mich zu entspannen und zappe durch die Kanäle. Vielleicht gibt es «Taratata». Ich habe diese Sendung zuerst bei Morgane gesehen: Großartig! Musiker singen ihre Lieblingslieder von anderen Musikern: Les Rita Mitsouko singt «Under My Thumb» mit Philippe Katherine, Vanessa Paradis und Willy Deville «Stand By Me» und so weiter. Aber nicht heute Abend. Heute Abend gibt es Musikfernsehen. Das gibt es wohl nur noch hier: Musikvideos statt Pseudo-Reality-Müll. Ich will sie alle sehen. Ich schlafe ein.

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