11.11.2009 – Hals- und Herzbruch

Der Bahnhof von Toulouse sieht immer noch genauso aus, wie ich ihn vor ein paar Tagen gesehen habe. Ich verlasse das Gebäude, in dem einmal mehr der Strom ausgefallen ist. Die Fahrkartenautomaten fahren sich zum fünften mal hoch, nur um dann wieder abzustürzen. Als ich das letzte Mal hier war, musste ich nach dem Eingang nach rechts zum Busbahnhof gehen. Heute gehe ich geradeaus.

Es geht mir nicht gut. Ich habe Hunger. Ich weiß, dass ich keinen Hunger haben kann. Mein Puls rast. Ich würde am liebsten umkehren zurück in das Bett, aus dem ich heute Morgen gestiegen bin, den ganzen Tag einfach an mir vorbei ziehen lassen, warten bis der Sturm vorüber ist.

Es ist zu spät dafür. Sébastien steht direkt vor mir, keine 20 Meter von mir entfernt an sein Auto gelehnt, direkt vor dem Haupteingang des Bahnhofs. Mein Hunger ist kaum auszuhalten. Ich kann mich kaum bewegen. Ich lächle ihn an. Es kostet mich einige Mühe. Er lächelt zurück. Ich gehe auf ihn zu, herüber zu ihm, auf das Auto zu. Er bleibt stehen. Meine Füße sind Blei, als wären sie in den Asphalt der Straße eingelassen. Ich kann sie nicht bewegen. Es ist seltsam.

Ich verlasse den Bahnhof durch den Haupteingang. Sébastien steht direkt davor und wartet auf mich. Ich gehe auf ihn zu. Meine schweren Taschen und die Gitarre baumeln mir von Armen, Schultern und Rücken. Ich freue mich, ihn zu sehen. Ich gehe auf ihn zu. Jeder Schritt, den ich mache, fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Ich will schneller gehen, rennen. Ich kann nicht. Eine Horde Touristen zieht zwischen uns hinweg in Richtung Bahnhof. Wenn ich in diesem Tempo weiter gehe, erreiche ich ihn nie. Ich werde langsamer.

Sébastien wartet direkt vor dem Eingang auf mich. Ich lächle ihn an, gehe auf ihn zu. Wir umarmen uns. Es ist wunderschön. Sonnenstrahlen streichen über unsere nackte Haut. Diese Wärme ist unbeschreiblich. Ich möchte, dass das immer so weitergeht. Dieses Gefühl. Wir scherzen. Wir lachen. Wir wälzen uns im Bett.

Etwas hartes durchstößt dieses weiche Gefühl. Ich will sehen, was es ist. Zu spät! Sébastien stürzt sich auf mich. Auf meinem Rücken fühle ich eine kalte glatte Fläche mit einer Kante oben. Sechs harte Finger bohren sich in mein Haar, stechen in meinen Kopf. Wir sind übermütig. Es kracht. Die Finger haben sich von meinem Kopf gelöst. Das Krachen wurde begleitet von einem seltsamen Ton. Ich fasse unter mich. Ich will loswerden, worauf ich da liege. Ich schiebe es beiseite. Es ist Maggie! Ich kann nicht mehr atmen. Mein Hals ist zugeschnürt, in meiner Brust fehlt jeglicher Platz für eine ausgedehnte Lunge.

Ihr Hals hat einen Winkel. Ich lache darüber wie seltsam sie aussieht. Dann bricht die Erkenntnis wie eine Flutwelle über mich herein: Der Hals ist zerbrochen. Das Holz zwischen dem fünften und dem sechsten Bund zersplittert wie bei einem jungen Baum. Der Kopf, an dem die Saiten befestigt sind, baumelt tot an den Saiten. Meine Euphorie ist weg. Mit einem mal, wie ein Blitz ist es aus. Ich sehe meine Gitarre an und bin mit einem Mal von einer Trauer erfasst, wie sie hoffnungsloser nicht sein kann.

Sie ist gebrochen an ihrer empfindlichsten Stelle. Ich kann es nicht fassten. Eben noch war sie ganz. Maggie ist kaputt, hinüber. Da ich nicht atmen kann, schluchze ich. Mein Herz ist wie eingeschnürt, damit es nicht bricht. Ich schnappe nach Luft. Ich weine. Niemand kann mich trösten. Es ist sinnlos. Ich sitze nackt inmitten eines Lichtmeers, kann nicht atmen, nicht sprechen, nicht sehen, nicht hören. Ich will nicht mehr. Das Leben ist ohne Sinn. Ich bin allein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.