11.11.2009 – Aufgewacht

Ich kann die Uhrzeit auf meinem Handy kaum entziffern. Meine Augen sind vor Tränen noch ganz verklebt. Ich muss sie wegwischen, wenn ich etwas erkennen will. Halb vier am Morgen. Die Zahlen auf dem Display brennen sich in meine Netzhäute.

Hinter dem Vorhang in Genevièves Zimmer ist es dunkel. Alles hat seinen Sinn verloren. Ich schalte das Licht ein. Mein Puls rast vor Aufregung. Die nächtliche Stille wird nur durchbrochen von ein, zwei Schluchzern. Schlafen kann ich nicht mehr.

Ich bin noch nicht in Toulouse. Ich bin noch bei Genevièves Eltern, in ihrem alten Zimmer. Ich sehe mich um. Alles ist wie immer, wie vorhin als ich eingeschlafen bin, in den Schlaf gelullt von französischen Musikvideos. Langsam beruhige ich mich, gehe den Traum in Gedanken durch. Maggie zerbrochen … alles hätte passieren können, aber nichts erscheint mir in diesem Augenblick schlimmer als der zerbrochene Hals meiner Gitarre. Ich suche sie. Will mich vergewissern, dass ich das wirklich alles geträumt habe. Als mein Blick auf die rote Tasche fällt, die an der Wand lehnt, muss ich plötzlich lange durchatmen. Alles ist gut. Maggie ist immer noch ganz.

Als ich aufwache, ist es bereits taghell: Halb zehn am Vormittag. Es wird nicht mehr lange dauern. Sébastien holt mich am Bahnhof ab.

«Morgen fährst du weiter?»
Daniel klang ein wenig besorgt am Telefon gestern Abend.
«Ja, sie bringt mich rein in die Stadt.»
«Hast Du jemanden gefunden, bei dem Du bleiben kannst?»
«Ja, habe ich. Ich bin schon gespannt.»
«Wieder über Couchsurfing?»
«Nein, ein Bekannter, den ich in Carcassonne kennengelernt hab, hat mich auf ihn gebracht.»
«Du bist echt mutig.»
«Hm.»

Ich muss Euch nicht sagen, dass ich Daniel nichts von Sébastien erzählt habe, oder? Ich habe ihm nicht von ihm erzählt als ich in Carcassonne war, nicht jetzt. Sébastien ist der Bekannte, bei dessen Freund in Toulouse ich bleiben werde. Ich habe nicht einmal gelogen.

Als ich auflege bin ich ein wenig aufgeregt. Noch zwei Tage bis ich Sébastien wiedersehe. Was mache ich mit Daniel? Ein Ausrutscher ist das nicht mehr. Ich will mich wieder mit ihm treffen, ein paar Tage mit ihm in einer Wohnung verbringen. Ich schüttele den Kopf: Was mache ich hier nur? Aber es fühlt sich gut an.

Madame setzt mich in Toulouse am Bahnhof ab. Es hat gerade aufgehört zu regnen. Es muss irgendwann in der Nacht angefangen haben. Ich habe zwar gefrühstückt, Baguette von gestern mit Erdbeermarmelade und etwas Butter und einen Kaffee mit Milch, französisch eben.

Der Bahnhof von Toulouse sieht immer noch genauso aus, wie ich ihn vor ein paar Tagen gesehen habe. Ich verlasse das Gebäude, in dem einmal mehr der Strom ausgefallen ist. Die Fahrkartenautomaten fahren sich zum fünften mal hoch, nur um dann wieder abzustürzen. Als ich das letzte Mal hier war, musste ich nach dem Eingang nach rechts zum Busbahnhof gehen. Heute gehe ich geradeaus.

Es geht mir nicht gut. Ich habe Hunger. Ich weiß, dass ich keinen Hunger haben kann. Mein Puls rast. Ich würde am liebsten umkehren zurück in das Bett, aus dem ich heute Morgen gestiegen bin, den ganzen Tag einfach an mir vorbei ziehen lassen, warten bis der Sturm vorüber ist.

Es ist zu spät dafür. Sébastien steht direkt vor mir, keine 20 Meter von mir entfernt an sein Auto gelehnt, direkt vor dem Haupteingang des Bahnhofs. Mein Hunger ist kaum auszuhalten. Ich kann mich kaum bewegen. Ich lächle ihn an. Es kostet mich einige Mühe. Er lächelt zurück. Ich gehe auf ihn zu, herüber zu ihm, auf das Auto zu. Er bleibt stehen. Meine Füße sind Blei, als wären sie in den Asphalt der Straße eingelassen. Ich kann sie nicht bewegen. Es ist seltsam.

Ich verlasse den Bahnhof durch den Haupteingang. Ich suche Sébastien, sehe mich um, hoffe fast schon, er sei nicht gekommen und alle Probleme könnten sich doch noch in Wohlgefallen auflösen. Direkt vor dem Bahnhof steht ein roter Renault. Sein Renault. Mein Bauch zuckt plötzlich zusammen, dass ich es im Hinterkopf spüren kann, als er aussteigt. Ich gehe auf ihn zu, bin unsicher. Ich weiß nicht, was ich sagen, wie ich mich verhalten soll.

«Salut, Cherie» grinst er mich an, kommt auf mich zu und greift nach meinen Taschen, um sie in dem kleinen Kofferraum zu verstauen.

«Wie war Deine Fahrt?»

greift er um meine Taille und zieht mich zu sich. Meine ganze Aufregung, meine Magenverkrampfung löst sich in diesem Kuss am offenen Kofferraum vor dem Bahnhof von Toulouse.

«Sehr gut.» sage ich.
«Aber die Begrüßung war das Beste.»

Er lächelt. Ich lächle. Wir lächeln uns an.

«Steig ein. Wir fahren zu Felix.»

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