11.11.2009 – Ich muss dir noch was zeigen.

Als ich aufwache, malt die Sonne schon harte Streifen an die Wand gegenüber. Es muss später Nachmittag sein, wenn sie schon wieder untergehen will. Wie lange habe ich geschlafen? Keine Ahnung! Ich habe nicht mehr auf die Uhr gesehen seit ich Sébastien heute Vormittag Bescheid gesagt habe, wann ich am Bahnhof ankomme. Er liegt neben mir und schläft.

Ich streiche über seine Haut, schnuppere an ihm und ziehe den rauchigen Duft seiner Haut in meine Nase als wäre er eine Droge – meine Droge. Ich bin abhängig, stelle ich mit einem Mal fest. Er lächelt im Schlaf – friedlich. Ich küsse seine Schulter, löse mich aus der Umarmung und stehe auf. Seit dem mageren französischen Frühstück habe ich nichts mehr gegessen. Ich habe Hunger. Die Liebe hat mich hungrig gemacht.

In Felix Schrank finde ich einen schwarzen chinesischen Kimono aus Seide. Er ist mit Figuren und Blumen bestickt. Felix hat wirklich Stil, denke ich mir als ich ihn überstreife. Wo ist die Küche? Vorhin war nicht genug Zeit für eine Wohnungsbesichtigung, aber ich finde sie und einen leeren Kühlschrank. Wer lässt schon etwas essbares zuhause, wenn er auf Reisen geht? Ich durchsuche die Schubladen. Ich will die Wohnung gerade nicht verlassen. Sonst würde ich gehen und einen Supermarkt suchen oder einen dieser kleinen Läden, die die ganze Woche geöffnet haben. Ich finde einen Bestellzettel von einem Schnellimbiss in der Stadt, der die Speisen auch nach Hause liefert.

Mit den Schnellimbissen in Frankreich ist es so eine Sache: Während es zuhause, Deutschland, üblich war, manches Essen zu bestellen und frisch serviert zu bekommen, ist es hier normal, Essen halb fertig oder fertig und kalt in eine Auslage zu stellen und den Kunden anzubieten. Hat sich der Gast entschieden, wird das kalte Zeug auf einen Teller zusammengestellt und für einige Minuten wärmenden Mikrowellen ausgesetzt. Das Gefühl, das mich beschleicht, als ich das in einem asiatischen Imbiss sehe, schreibe ich hier nicht auf. Ich hatte Hunger und brauchte meine gute Laune. Also aß ich.

Ich bestelle Pizza. Ich will die Wohnung nicht verlassen. Ich bestelle eine große. Sebastien wird auch hungrig sein, wenn er aufwacht. Als ich im Schlafzimmer auf dem Boden sitzend darauf warte, dass die Pizza geliefert wird, habe ich zum ersten Mal seit Langem das Bedürfnis, zu rauchen. Vor mir liegt Sébastien, nackt auf dem Bett. Die Decke hat er zur Seite gelegt. Ihm ist zu warm.

Draußen vor den Fenstern ist die Stadt. Durch die einzeln verglasten Scheiben kann ich die Menschen hören. Sie wissen nichts von unserer Existenz, sie kümmern sich nicht um uns. Die Stores malen immer noch Streifen ins Zimmer. Sie sind nicht mehr so hell, nicht mehr so schräg. Im Bett raschelt es. Sébastien bewegt sich. Er wird wach, wird sich bewusst, wer er ist, wo er ist. Er erinnert sich daran, dass er nicht allein in diese Wohnung gekommen war. Er sucht mich, blinzelnd.

«Hej, was machst Du denn da auf dem Boden?»
«Ich hatte Hunger.»
«Da unten wirst Du jedenfalls nichts finden. Komm ins Bett! Wir gehen nachher was essen.»
«Ich habe Pizza bestellt.»
«Du willst wohl hierbleiben?» grinst er mich an.
«Ich denke, ich habe alles gesehen, was man von Toulouse zu sehen braucht?» grinse ich zurück.
«Komm ins Bett! Ich muss Dir noch ein paar Stellen zeigen, die Du noch nicht kennst.»

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