11.11.2009 – Waffenstillstand

Die Sonne ist bereits untergegangen, als wir die Wohnung verlassen. Es muss geregnet haben. Draußen glitzern die Straßen, spiegeln die Neonreklamen aus den Schaufenstern und die Straßenlaternen. Heute ist «Armistice», der Festtag des Waffenstillstands und Gedenktag der Gefallenen des Ersten Weltkriegs.

An allen öffentlichen Gebäuden ist die Tricolore gehisst, auch am Capitole wehen sie aus allen Fenstern. Vor den Kriegsdenkmälern wimmelt es von Regenschirmen, türmen sich Blumen, sammeln sich die Menschen. Kleine Papierschilder an den Eingängen zu den Läden weisen darauf hin, dass die Läden «ausnahmsweise» geöffnet haben. Die Stadt ist ein Einkaufsparadies.

Sébastien und ich laufen Hand in Hand, mal ineinander eingehakt, mal eng umschlungen. Ich merke, dass Toulouse ein großes Problem hat: Die Entwässerung der Straßen. Der Regen ist zwar noch nicht lange vorüber, aber überall sammelt sich das Wasser in Pfützen. Ich muss aufpassen, nicht in eine von ihnen zu treten. Ich trage nur Turnschuhe und Jeans und will keine nassen Füße. Trocken bleiben aller Vorsicht zum Trotz nicht.

Auf der Suche nach einem Restaurant überqueren wir den Vorplatz des mit Trikoloren geschmückten Rathauses. Was den Deutschen der Fußball, ist den Toulousains der Rugby. Dieses Jahr findet die South Africa Tour hier statt, noch zwei Tage. Solange strahlt die Stadt ihr Capitol mit einer Lichtshow an und beschallt den Vorplatz mit den entsprechenden Effekten. Es scheint, als solle niemand dieses Spiel übermorgen vergessen.

Im Restaurant bestelle ich einen großen Hauptspeisensalat und Crème Brûlée als Nachtisch. Ohne Nachtisch funktioniert das Essen gehen hier nicht. Allein der Verzicht auf eine Vorspeise ist schon ein Frevel scheint mir. Wie in Frankreich üblich, gibt es keine Gläser Wein, sondern nur ganze Flaschen, von denen wir uns eine teilen.

Sébastien erzählt den ganzen Abend: von seiner Familie, seiner Jugend, wo er herkommt, seinen Ansichten, seinen Freunden. Ich höre nicht zu. Ich bin zu müde dazu. Ich denke daran, schon übermorgen wieder aufzubrechen und nach Bordeaux zu fahren. Mir fehlt die Lust dazu. Ich bin es Leid.

Ich habe nicht die Nase voll vom Reisen, keineswegs! Doch irgendwie würde ich gerne mal länger an einem Platz bleiben, meine Kleider in einen Schrank packen können und mal wieder eine Zeit lang nicht aus Koffern leben, sie nach ein paar Tagen wieder einmal vollstopfen und weiterziehen.

Ich will nicht nach Hause. Es wird mir schwer fallen, nach hause zurückzukehren, wieder zuhause anzukommen. Auch dieses Gefühl ist vorhanden. Nein! Kein Gefühl: Es ist eine Sicherheit, dass es so sein wird. Während Sébastien erzählt denke ich an zuhause.

Ich denke viel an zu hause in den letzten Tagen. Allerdings denke ich nicht etwa an meine Familie oder an Daniel. Ich weiß, dass mich bei Daniel ein Leben erwartet, dass sich von diesem hier, dem Pierre Roulant vollkommen unterscheiden wird. Ich weiß, dass ich dieses Kennenlernen unterschiedlicher Menschen aus aller Welt nicht missen möchte und wenn ich schon nicht reisen kann, weil mich ein Job daran hindert oder weil die Reisekasse gerade leer ist, möchte ich wenigstens Leute wie mich bei mir aufnehmen können.

Mir ist klar, dass Daniel das niemals zulassen wird, zumindest nicht solange «Bei mir» in seiner Wohnung bedeutet. Genauso verhält es sich mit meinen Eltern. Ich möchte, dass meine Freunde bei mir ein und ausgehen. Ich würde ihnen einen Schlüssel geben, natürlich nur denjenigen, denen ich besonders gut vertrauen kann.

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