11.11.2009 – La douceur d’a(i)mer

Die Karamellkruste der Crème Brûlée stoße ich mit dem Löffel auf wie einst Amélie in diesem sagenhaften Film. Die Schale ist riesengroß und ich wünschte, es gäbe mehr dieser üppigen Portionen von Crème Brûlée auf diesem Planeten. Irgendwie ist das für mich die Erfüllung. Einen Himmel brauche ich nicht. Ich brauche nur Frankreich und das Essen hier.

Sébastien erzählt noch immer. Ich muss mich anstrengen, ihm in meinen Gedanken zu folgen, Nachfragen zu stellen und immer wieder «vraiement?», «oui!» und «oh la la!» zu sagen.

Aus meinen Gedanken heraus sehe ich von der Crème Brûlée auf und schaue Sébastien an. Plötzlich muss ich an Daniel denken. Wann haben wir zuletzt so in einem Restaurant gesessen und uns einfach mal nicht nur ein Hauptgericht, sondern auch noch einen Nachtisch gegönnt? Ich kann mich nicht erinnern. Die letzten Mahlzeiten mit Daniel waren die Mittagessen in der Mensa gewesen und die praktischen Snacks vor der letzten Bibliothek-Sitzung des Tages, bevor ich auf mein Rad gestiegen bin und mir den Tag von der Seele gestrampelt habe. Ich erinnere mich an das Essen nach meinen Eltern beim Chinesen. Ja, und dann?

Ich muss ihn in einer Art angeschaut haben, die ihn beunruhigt. «Was hast du? Geht es dir gut? Stimmt was nicht mit der Crème Brûlée?» Habe ich ihm eigentlich von Daniel erzählt? Davon, dass ich eigentlich einen Freund habe? Habe ich es angedeutet? Ich glaube nicht. Nein, ich habe ihm nie davon berichtet, dass ich einen Freund habe. Sollte ich das?

«Nein, es ist alles in Ordnung. »

Was sollte passieren? Ich könnte ihm das Herz brechen. Das möchte ich nicht. Ich würde ihm das Herz brechen. Vielleicht würde es ihn auch gar nicht stören. Er könnte die Tatsache, dass wir beide, er und ich, jetzt hier zusammen sind so verstehen, als sei Daniel ohnehin Geschichte, ich müsse ja nicht wieder zurückkehren. Würde er es so sehen? Mir kommt diese Logik irgendwie krank vor. Wahrscheinlich ist es gut so, sonst müsste ich ernsthaft anfangen, an mir zu zweifeln. Aber was sage ich ihm? Das schlechte Gewissen meldet sich mit jedem Anruf von zuhause.

«Sébastien?»
«Ja?»
«Danke, dass Du mich hierher gebracht hast. Das Essen ist großartig.»
«Ich weiß, deswegen sind wir ja hier.» zwinkert er mir zu.
«Iss ruhig, du wirst es nachher brauchen.»

Ich kann es ihm nicht sagen. Noch nicht? Überhaupt nicht? In ein paar Tagen fahre ich weiter nach Bordeaux, dann zurück nach hause. Meine Reisekasse ist leer. Vielleicht wird Sébastien sich noch ein- zweimal bei mir melden, mir am Telefon erzählen, wie sehr er mich vermisst und wie ser er darauf hofft, mich bald wiederzusehen, wenn ich schließlich ganz nach Frankreich, zu ihm, auswandere.

Nach ein paar Wochen werden diese Anrufe weniger werden, dann wird er damit aufhören. Daniel wird davon nichts mitbekommen. Alles wird sein wie früher. Sébastien wird ein Mädchen kennenlernen, ein Mädchen aus Carcassonne. Er wird die ersten Wochen mit ihr durchvögeln, dann werden sie beschließen zusammen zu bleiben, werden ein Kind erwarten und heiraten.

Er wird dort angekommen sein, wo er hin wollte. Sein Bauch wird immer dicker werden, seine Haare immer grauer, schütterer, so wie seine Kinder größer. Er wird drei haben: Einen Jungen und zwei Mädchen stelle ich mir vor. Seine Frau, die elegante Französin wird zur aufgedunsenen Matrone werden, aber er wird sie immer noch lieben, bis sie sterben werden. Erst sie, bei einem Autounfall, den ihr Sohn als einziger überlebt, dann er nach einer langen Phase der Trauer und Einsamkeit um den Verlust seiner Frau, den seine Kinder und seine Enkel nicht mehr wett machen werden können.

Und ich? Werde ich runzlig und alt mit Daniel? Werde ich zusehen können, wie er immer dicker, sein Kopf immer kahler wird? Wie er im Alter von 57 die Sonntage immer noch lieber mit seiner Sonntagszeitung verbringt und mich ermahnt, beim Gitarrespielen leise zu sein, weil es die Nachbarn stören könnte?

Werde ich mich immer noch nicht trauen, laut zu sein, weil mich die Nachbarn hören können. Werden sie mir egal sein? Werde ich den Samstag putzend und einkaufend verbringen weil Samstag ist und am Frühstückstisch schon planen, was ich am kommenden Freitag zu Abendessen haben möchte und mich dabei immer wieder daran erinnern, wie es mit Sébastien war in Carcassonne, in Toulouse? Nichts vorbereitet, nichts zu Essen im Haus, schließlich gibt es Restaurants, unbeschwert. Werde ich?

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