11.11.2009 – La maison de Lisette

Es ist in einem Reihenhaus etwas außerhalb der Innenstadt. Wir können bequem hinlaufen. Wir sind trotzdem langsam. Wir kommen kaum voran, weil wir immer wieder anhalten, uns küssen, uns eng umschlungen in Hauseingängen herumdrücken.

Wir brauchen vielleicht eine Stunde für einen Weg von 20 Minuten. Sébastiens Freundin heißt Lise, oder auch Lisette. Das kommt darauf an, ob man sie gerade niedlich findet oder nicht. Sie empfängt uns mit einem breiten, warmen Lächeln und den üblichen drei Bises auf die Wange.

Ich mag sie von Anfang an. Sie hat uns schon erwartet: Auf ihrem Wohnzimmertisch stehen schon drei große Gläser. Der Rotwein atmet schon eine Weile. Lise hat Stil, sie kann sich das erlauben. Sie ist etwa zehn Jahre älter als ich, hat einen gut bezahlten Job und lebt mit ihren beiden Katzen in dieser riesigen Wohnung. Sie ist sehr schön eingerichtet: Mit alten Möbeln, die sie vielleicht auf einem Flohmarkt gefunden hat. Dann leistet sie sich aber auch ein paar Designerstücke. Dieses Nebeneinander von Trödel und Design macht Lises Stil aus, auch in ihrer Kleidung.

Sie hat ein paar Hors d’Oeuvres vorbereitet. Sie bittet uns, Platz zu nehmen. Wir setzen uns. Sie bietet uns Wein an, schenkt ihn ein. Wir prosten uns zu «à santé! – à la votre!»

«Sébastien hat schon so viel von Dir erzählt.» beginnt sie, «schön, dass wir uns treffen.» Sie meint es so. Das ist nicht gespielt oder nur daher gesagt. Ich sehe ihrem Gesicht an, dass sie sich freut. Ich bin noch ein wenig überrumpelt, versuche aber, mir das nicht anmerken zu lassen.

«Schon so viel? Dabei kennen wir uns ja noch gar nicht so lange.»

Sébastien erzählt von Lise, von alten Zeiten, als sie sich kennen lernten. «Weißt du noch die alte Laube damals … das war zum Schießen … und dann musst Du Dir vorstellen, wie wir … ich muss heute noch lachen, wenn ich daran denke, wie der dann …» und so weiter und so fort. Aber Lise erzählt auch von Sébastien, dem Philosophiestudenten an der Sorbonne, dessen Eltern ihn viel lieber in der Nähe des Elyséepalastes sehen, als hinter einer Bar beim Cocktails mixen. Irgendwann ist er einfach abgehauen. Sein Studium hat er noch beendet, seine Schuldigkeit getan, die Erwartungen der Eltern erfüllt. Dann hat er Reiß-Aus genommen und ist in «La Comédie» gelandet.

Wir sitzen auf dem breiteren der beiden Sofas, umschlungen. Jeder kann sehen, wer hier zusammen gehört. Dann erzählt Sébastien, wie wir uns kennengelernt haben, vor ein paar Wochen, im Mondlicht, in Carcassonne.

«Das klingt wunderschön.» bestätigt Lise und schenkt uns Wein nach.
«Wir haben jeden Tag telefoniert. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Dabei waren es gerade einmal vier Tage.» berichtet Sébastien.
«Wie süß!»

Vor lauter Wein merke ich nicht wie die Zeit verrinnt. Waren es jetzt drei oder vier Stunden, die wir mit Lise verbracht haben? Zeit spielt gerade ohnehin keine Rolle; nicht mehr. Als Lise und ich einen Moment allein sind, kommt sie zu mir herüber auf die Couch. Sie sagt mir, ich könne froh sein, an einen wie Sébastien geraten zu sein und er könne froh sein, mich getroffen zu haben. Ich verstehe nicht, was sie meint.

«Sébastien ist ein sehr guter Liebhaber.»

Ich bin wie erstarrt. Sie hat Recht. Vor Verblüffung muss ich sie ansehen wie ein Eichhörnchen, das mitten im Sprung von Baum zu Baum von einem Regenguss überrascht wird.
«Er hat Dir nichts von uns beiden gesagt?»
«Nein.» Das klingt schon fast vorwurfsvoll.
«Sébastien und ich … nun … wir schlafen miteinander. Wir haben eine Affäre.»

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