11.11.2009 – La Confession

Mit dieser Bestätigung meines Verdachts nach dieser Ansage, erscheint es mir plötzlich gar nicht mehr schlimm, meine Beziehung zu verheimlichen. Ich fürchte nicht einmal mehr die Reaktion, die mein Geständnis hervorrufen würde, berichtete ich von dem Freund, der zuhause, in Deutschland – in Mannheim – sitzt und auf mich wartet.

«Davon hat er mir nicht erzählt.»
«Versteh es nicht falsch, dass ich es Dir sage. Er mag Dich sehr gerne, nach allem, was er mir von Dir erzählt, wie er von Dir geschwärmt hat.»
«Aber wieso hat er mir dann nicht von Dir erzählt?»
«Er hatte Angst vor Deiner Reaktion. Er hatte Angst vor diesem Abend, davor, dass ich es dir erzähle.»

Ich sollte aufspringen, weggehen, meine Sachen aus Felix’ Wohnung holen und die Jugendherberge suchen. Ich bin von dieser Neuigkeit so verwirrt, so durcheinander, dass ich kaum weiß, wohin ich zuerst sollte. Lise fasst mich an der Schulter. Alles sei in Ordnung, sagt sie mir und sie sagt es in einem Ton, in dem man kleine schreiende Kinder zu beruhigen versucht. Als hätte das jemals etwas genützt.

«Ich habe ihn dazu überredet, Dich herzubringen. Ich wollte Dich kennenlernen.»
Ich weiß noch immer nicht, wie mir geschieht.

«Wie lange geht Eure Affäre denn schon?» will ich von ihr wissen, weil mir gerade nichts besseres einfällt. Sie wird schon länger andauern als unsere. Was frage ich eigentlich so dämlich? Wie will er mir auch schon von Lise erzählt haben. Es ist keine Woche her, als wir die Porte Narbonnaise zum Ausgangspunkt dieser Geschichte auserkoren hatten.

Wann sollte er mir von sich und Lise erzählen? Am Telefon vielleicht? Eine dumme Idee. Ich hätte es vermutlich für einen schlechten Scherz gehalten, aufgelegt und nie wieder abgenommen, wenn er angerufen hätte. Als er mich vom Bahnhof abgeholt hat? Der Nachmittag hätte nie so stattgefunden. Im Bett? Wohl die beste Idee für eine Beichte dieser Art. Man stelle sich vor: Er erzählt mir von Lise, sein Penis in meinem Mund. Beim Abendessen? Ich wäre wohl kaum mitgegangen zu Lise.

Die beiden haben den perfekten Moment gewählt, mich einzuweihen. Hier, in der Höhle des Löwen, berauscht von Wein, zweifelnd ob meines eigenen schlechten Gewissens, meinen Freund zu verheimlichen.

«Warum wolltest Du mich kennenlernen?»

«Diese Sache zwischen Sébastien und mir läuft erst seit etwa einem Jahr. Wir haben es von Anfang an als Affäre definiert und waren uns einig, dass es niemals Gefühle füreinander geben würde. Aber wie es nunmal so ist, habe ich mich in ihn verknallt und es auch irgendwann verdaut. Es war eine harte Erfahrung, aber ich denke, ich bin darüber weg. Trotzdem wollte ich wissen, in wen sich Sébastien verguckt hat. Er hat Glück mit dir. Du bist wunderschön.»

Lise sieht mir in die Augen. In dem schummrigen Licht, das ihre Lampen werfen, sehe ich, dass ihr eine Träne in die Augen gelaufen ist. Sie ist nicht groß, noch kann sie nicht über den Lidrand rollen, auf die Wange tropfen und ihren vorprogrammierten Weg über ihr Kinn, ihren Hals, ihr markantes Schlüsselbein unter ihre Bluse anzutreten. Ich kann nicht anders, als sie an ihrer Schulter zu fassen und sie zu mir her zu ziehen, um sie zu umarmen. In der Bewegung, in der sie sich zu mir bewegt hat, muss die Träne aus ihrem Augenwinkel geperlt sein. Ich bemerke etwas Feuchtes an meiner Wange.

Sie ist aufgeregt. Ihre Brust hebt und senkt sich. Sie hat all ihren Mut zusammen genommen, um mir das zu sagen. Sie scheint immer noch etwas für Sébastien zu empfinden. Ist es richtig, dass ich hier bin? Wir lösen unsere Umarmung; trennen uns voneinander. Doch nicht ganz. Auf halbem Weg hält sie mich fest und sieht mir in die Augen als suche sie etwas darin.

«Es müssen diese Augen gewesen sein.»
Ich verstehe nicht. Meine Augen?
«Du hast die schönsten Augen, die ich je gesehen habe.» sagt sie mir noch immer mit einer Träne im Auge. Ich will mich aus ihrer Umarmung lösen, mich zurückziehen, doch Lise kommt erneut auf mich zu. Sie will mich wieder umarmen. Ich gebe nach, ziehe sie zurück zu mir. Diesmal ist es anders. Unsere Köpfe gehen nicht aneinander vorbei, sondern bewegen sich frontal aufeinander zu. Sie riecht gut, finde ich. Ich will diesen Duft noch einmal in mich einsaugen, und so drehe ich den Kopf nicht. Ich halte still, will abwarten, was passiert.

Unsere Lippen treffen sich. Wir küssen uns, pressen unsere Lippen aufeinander. Für einen langen Moment verharren wir so, küssend. Dann löse ich mich zuerst von ihr. Ich halte sie auf Abstand, sehe ihr in die Augen, fragend.

«Das wollte ich schon, als ich Dich vorhin in der Tür gesehen habe.» Ihr Flüstern ist viel tiefer, weicher. Sie zieht mich wieder zu sich. Doch ich stoße sie nicht zurück, weise ihr Begehren nicht von mir. Ich lasse es zu, dass wir uns wieder küssen, uns umarmen, uns anfassen, vergessen wer wir sind, was wir sind, wo wir sind. Wir verknäulen ineinander: Sie in meinen Armen, ich in ihren. Wir versinken in dieser Umarmung, diesem Kuss. Ihr Körper ist sehr viel weicher als ich erwartet hätte. Er ist etwa so weich wie Daniels, aber gleichzeitig schlank. Er ist weicher als Sébastiens und weicher als ich es von Kumars erwartet hätte. Alles an ihr ist sehr viel kleiner, viel feiner. Die Lippen sind nicht so voll und fleischig wie die der Männer, die ich geküsst habe. Doch diese schmalen Wülste um ihren Mund, die sich öffnen, sich auf meine pressen, die Zunge hervorbringen, an meinen Lippen saugen: Diese Wülste haben ihrerseits ihren Reiz.

Dazu kommen ihre vollkommenen Brüste. Welche Frau wünscht sich nicht eine solche Pracht mit sich herumzutragen und welcher Mann würde sich nicht verzehren, solche Brüste anfassen, kneten zu dürfen. Ich frage mich, warum Sébastien mich wiedersehen wollte. An meinen Brüsten kann es nicht gelegen haben. Meine sind klein, praktisch, kaum der Rede wert. Ich mag sie so. Ich kenne mich nur so, wollte sie gar nicht größer oder voller. Wozu auch?

Plötzlich denke ich wieder an Sébastien. Ich denke, dass es schön wäre, wenn er uns jetzt entdeckte, wenn er zu uns kommen würde, wenn er diese Pracht von Lises Brüsten kneten würde, er sie nehmen würde, vor meinen Augen, wenn ich sie stöhnen hören könnte, wenn er in sie eindringt, sie fickt, es ihr macht und wenn ich meinerseits meinen Beitrag dazu leisten könnte, es ihr zu machen und ihr so – durch Sébastien – meine Lust auf sie zuteil werden lassen könnte.

In unserer Umarmung bin ich die Erste, die wieder zu sich findet. Es ist immer noch Nacht: Wie viel Zeit ist vergangen? Wie lange ist Sébastien schon weg? Wo ist er überhaupt hin? Als ich mich umsehe, finde ich ihn gegen den Rahmen der Wohnzimmertür gelehnt und schaut zu. Er spricht nicht, sagt kein Wort. Er beobachtet uns nur. Als er meinen Blick erfasst, schreckt er zusammen. Er fühlt sich ertappt in seinem Schauen, seinem Glotzen. Sein Gesicht läuft vor Scham rot an. Fast kann ich hören, wie sein Herz schneller schlägt. Er will weg, weiß nicht, wie er sich verhalten, was er tun soll.

Bevor er den Mund öffnen kann, hebe ich den Zeigefinger an meine gerundeten Lippen:
«Pssssst! Komm!»
Er kommt. Er wird Teil der Umarmung, Teil des Kusses. Er zieht mich aus. Ich ziehe erst Lise aus, dann ihn und dann macht er es genau so, wie ich es mir vorgestellt habe.

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