12.11.2009 – Sex ist Krieg

Erst als wir im Marktcafé den ersten Café bestellt haben bricht aus ihm heraus, was ich ihm den ganzen Weg über angesehen habe:

«Warst Du eifersüchtig?»
«Ja.»

Wieder Stille. Er wagt es nicht, etwas zu sagen. Er weiß nicht was. Was soll er auch sagen? Ich bin eifersüchtig. Ist er verliebt, hat er ein schlechtes Gewissen, dass er mir weh getan haben könnte. Ist es ihm egal, ist er sprachlos, dass es mir etwas ausgemacht hat. Was soll er also sagen?

Der Café kommt. Die Brioche, das Baguette mit Marmelade. Vom Fischstand gegenüber besorge ich eine Portion gegarte Garnelen mit Knoblauch. Ich stelle sie zwischen uns. Er sagt noch immer kein Ton. Ich könnte die Luft mit meinem Buttermesser schneiden, so gespannt ist sie. Er sieht mich nur an.

«Natürlich war ich eifersüchtig. Was bitte glaubst du denn? Ich habe mich zurückgehalten, als Du Dir Lise geschnappt hast, als du in sie eindrangst, als ich Deinen Blick dabei gesehen habe, wie Du sie gevögelt hast.»

Seine Augen werden mit jedem Wort größer. Er sieht mir fest in die Augen.

«Dann fand ich es geil, Euch beiden zuzusehen. Euch zu beobachten, wie ihr es macht. Lise dabei zu helfen, sich hinzugeben. Ja, das war geil.»

Jetzt weiß er gar nicht mehr, was er sagen soll. Sicher hatte er alles erwartet: Wutausbrüche, Tränenströme, Fluten von Reue oder ähnliches. Doch alles, was ich ihm entgegen zu setzen vermag, ist meine eiskalte Schnauze. Sex ist Krieg. Langsam begreife ich, worum es geht. Es ist wie in «Closer»: Jude Law trifft Nathalie Portman, die von einem Auto angefahren wird. Die beiden werden ein Paar und ein Jahr später beginnt Jude eine Affäre mit Julia Roberts, die ihn für sein erstes Buch fotografiert. Mit einem Chat-Trick verabredet er Julia mit dem Arzt Clive Owen und die beiden heiraten. Am Ende steht eine Vierecksgeschichte, in der jeder mit jedem schläft, oder es zumindest behauptet. Seitdem ist mir klar: Sex ist Krieg.

Es war schon immer so: In der Antike fiel Troja, weil Pares unbedingt mit Helena abhauen musste. Ganz gleich, wie schön die Frau war. Die Frau auszuspannen war eine Kriegserklärung an Agamemnon persönlich. Welche Alternative wäre ihm geblieben? Nichts tun? Agamemnon wäre verhöhnt worden, in den Grundfesten seiner Männlichkeit angegriffen, die Männern so viel bedeutet. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als anzugreifen. Er hätte sein Gesicht verloren andernfalls.

Was haben Frauen auch eifersüchtig zu sein? Spricht die Größe eines Harems nicht nur für die finanzielle Stärke eines Mannes. Schließlich will jede Frau gleich gut versorgt sein mit Kleidern, mit Schmuck, mit Aufmerksamkeit und Annehmlichkeiten. Die Größe eines Harems spricht auch für das, was landläufig als «Manneskraft» immer mehr abgedroschen wird. Irgendwer muss sich vorstellen, er besucht in einer Nacht alle seine Haremsdamen. Die armen Frauen.

Eifersüchtig zu werden ist dabei für keine der Frauen drin. Sie sind versorgt und ab und zu kommt der Meister vorbei und besucht sie persönlich. Worüber sollen sie sich also beschweren?

Aber wehe, sie versucht es anders herum, hat mehrere Männer gleichzeitig. Dann kommt in mindestens einem der Nebenbuhler der gehörnte Agamemnon zum Vorschein und die Eifersucht. In den Geschichten aus Tausend und einer Nacht rollen dann Köpfe. Ohne Diskussion.

Sex ist Krieg und nach dieser Frage, bleibt mir nichts anderes übrig, als seine Kriegserklärung anzunehmen: Ja, ich bin eifersüchtig. Ja, ich habe Gefühle. Ja, es erregt mich, was du da treibst. Ich sehe sein Entsetzen in den Augen. Ich weiß nicht, was er erwartet hatte. Das war es sicherlich nicht.

«Ich will Dir dazu nur eines sagen: Wenn Du sie fickst, erzähle es mir!»

Erst sagt er nichts. Ist noch überrascht von meiner Antwort. Ich weiß nicht, was er erwartet hat. Hätte ich sagen sollen «Nein, schon gut. Es macht mir nichts aus. Wir sind ja schließlich nicht zusammen? Ich betrüge ja auch gerade meinen Freund.» Hätte ich das antworten sollen? Als sich die Lähmung der Überraschung zu lösen beginnt, setzt er an, mit zu erklären, versucht, sich rauszureden aus dieser Affäre. Ich erzähle ihm, was Lise mir gesagt hat. Ich sage ihm, dass ich diesen Besuch für eine schlechte Inszenierung von ihm halte.

Das mit Lise, sagt er, das habe nichts zu bedeuten gehabt. Die beiden seien befreundet gewesen, nie aber ein Paar. Liebe war bei ihnen nie im Spiel. Und wie ist es bei mir? Das frage ich ihn. Bin ich auch nur mit ihm befreundet?

Wir essen wortlos unser Frühstück auf, trinken unseren Café und fahren zurück in Felix’ Wohnung. Sébastien sagt, er liebe mich, er wolle, dass ich noch ein paar Tage hier bleibe, bei ihm, mit ihm in Felix’ Wohnung. Ich erinnere mich an meine Gedanken: Sex ist Krieg. Vor ein paar Wochen war es einfach nur Sex, nur etwas körperliches, nichts, was etwas über die Gefühle eines Menschen aussagt. Trotzdem sind Menschen nie verwundbarer als beim Thema Sex.

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