13.11.2009 – Nothing Toulouse

In den Straßen draußen ist es kalt und ungemütlich feucht. Trotzdem schlängeln sich viele Leute den Weg durch die schmalen Straßenzüge. Sébastien zieht mich durch die Straßen und ich folge. Wir sind in der Nähe des Canal de Midi, aber das ist man ja überall in Toulouse.

Am Abend hat ein leichter, feiner Regen begonnen. In dem feuchten Asphalt glitzern die Straßen von dem gelben Licht der Laternen, die nachts überall angeschaltet werden. An manchen Stellen haben sich sogar kleine Pfützen gebildet, in denen sich die Szene der Straße wiederspiegelt. Ich kann mich nicht darin sehen.

Morgen Mittag fahre ich nach Bordeaux. Das steht fest. Und danach geht es wieder nach Hause, nach Mannheim. Ein ganzer Monat ist bis auf ein paar Tage vorbeigegangen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Nur Erinnerungen an neue Freunde, an Erlebnisse. Ich werde zurückkehren in den Schoß meiner Familie, in den Schoß meines Freundes, als wäre nichts gewesen, als wäre nie etwas passiert. Alles wird sein, als hätte ich diese Reise nie angetreten, als wäre diese Geschichte von der ersten Seite an eine Lüge gewesen, ein Hirngespinst eines abenteuersuchenden Mädchens.

Bevor wir gehen, klingelt mein Telefon. Es ist Daniel. Es ist sein vierter Versuch heute. Er hat schon gestern ein paar Mal angerufen, ohne dass ich es gehört oder mir die Mühe gemacht hätte, das Gespräch anzunehmen. Er sagt, er habe sich Sorgen gemacht, ob es mir gut ginge.

«Mir geht es gut. Ich habe hier ein paar Leute kennengelernt in der Jugendherberge. Wir waren zusammen unterwegs bis heute früh.»

Es ist wenigstens nicht ganz gelogen. Warum ich nicht ans Telefon gegangen bin will er wissen. Ich sage ihm, ich habe es nicht gehört. Die Musik in der Disko und später das Getöse in den Markthallen beim Frühstück sei zu laut gewesen. Er freut sich für mich, dass ich einen solchen Spaß habe auf meiner Reise und sagt, er freue sich, wenn ich wieder zurück sei.

«Eigentlich will ich gar nicht zurück» sage ich ihm und merke, wie es mit einem Mal kälter wird am anderen Ende.

«Aber ich komme in ein paar Tagen wieder.»

Ich weiß nicht, wieso ich nicht ans Telefon gegangen bin, oder nicht einmal drauf gesehen habe, ob jemand angerufen hat. War es mein schlechtes Gewissen? War es Desinteresse? Vermisse ich Daniel denn gar nicht? Wenn ich jetzt die Zeit habe, darüber nachzudenken, stelle ich fest, in welcher Zwickmühle ich mich befinde: Ich bin tierisch enttäuscht über das verpatzte Wochenende in Paris mit ihm.

Ich bin immer noch verwirrt von meiner Nacht mit Lise und Sébastien. Ich will ihn nicht verlassen, noch nicht. Möchte eigentlich die nächsten Tage bei ihm bleiben und weiß doch, dass ich ihn nicht behalten kann. Was soll ich denn mit ihm machen? Eine neue Beziehung beginnen, bevor die alte beendet ist? Eine Beziehung beginnen, die mit einer Lüge begonnen hat?

Nicht nur der Lüge gegenüber Daniel, sondern auch der Lüge gegenüber Sébastien, die keine Lüge im eigentlichen Sinne ist, sondern eher eine Auslassung. Wir haben nie darüber gesprochen, ob ich einen Freund habe oder nicht. Aber eine Lüge in dem Sinne, indem meine stillschweigende Zustimmung, ihn in Toulouse wiederzusehen, indem ich ihm in seine Wohnung gefolgt bin, in jender Nacht in Carcassonne, indem der Kuss in der Porte Narbonnaise mit all diesen Fragen aufgeräumt haben sollte, denn diese Zustimmung bedeutete: Ja, ich bin frei.

Ich hätte mich wehren können, hätte den Kopf wegdrehen können, hätte nach dem Kuss erröten und sagen müssen, dass ich nicht zu ihm könne, dass dieser Kuss ein Fehler war, dass diese Nacht ein Fehler war. Ich habe es nicht getan. Ich habe es geschehen lassen, ich habe es selbst voran getrieben. Mit dieser Zustimmung zu unserer Liaison habe ich Sébastien von Anfang an belogen. Wie sollte er da je wieder Vertrauen zu mir finden?


Und was war mit Daniel? Liebe ich ihn noch? Kann ich die Beziehung mit ihm weiterführen, nach diesem Verrat? Es ist klar, was hier, in Frankreich, passiert ist, bleibt auch hier. Das nehme ich nicht mit. Er wird nie davon erfahren und ich werde mich immer noch im Spiegel sehen können. Ich werde Daniel wieder treffen, ich werde meine alten Freunde wieder treffen.

Dieser Monat wird mir vorgekommen sein wie ein Traum, an den ich mich nur noch kurz nach dem Aufwachen erinnern kann. Dann wird er mehr und mehr verblassen. Schließlich wird er ganz verschwunden sein. Eines Tages dann wird mir ein Licht, ein Geschmack, ein Gefühl auf der Haut oder auch ein Geruch in der Nase bekannt vorkommen, mich an diesen Monat erinnern, diese paar Tage, diese kleine Verliebtheit mit Sébastien.

Der erste Schluck Wein bringt meinen Staudamm zum Brechen. Es ist als würde mir mit einem Mal klar, dass dieses Kapitel meiner Reise nun vorbei war, dass meine Reise quasi vorbei war, dass es der ganze Inhalt meiner Reise war, Sébastien zu treffen, dass ich nie wieder einen solchen Menschen treffen würde und dass jeder weitere Tag, ob in Bordeaux oder in Toulouse ein Warten sein würde; ein seelenloses Warten auf den Tag der Abfahrt. Ich muss mir eingestehen, dass ich Sébastien liebe.

«Ist alles in Ordnung?»
«Ja klar. Wieso?»
«Du weinst.»

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