13.11.2009 – Alles bleibt gleich

«Ich werde morgen Abend nicht mehr bei dir sein.»

«Du willst nach Bordeaux fahren.»

«Und von da zurück nach Hause, nach Mannheim.»

«Ja, das hast du beschlossen.»

«Ich werde dich nicht mehr wiedersehen können.»

«Ich kann dich anrufen. Du kannst mich anrufen. Du musst nicht fahren.»

Ich wolle gar nicht fahren, aber es sei notwendig, dass ich fahre. Meine Familie, meine Freunde, mein Freund. Alle warten auf mich. Warten darauf, dass ich zurück komme.

«Hör zu! Es ist egal, wer dir etwas sagt. Es ist egal, was sie sagen. Glaube nicht, dass es etwas bringt, auf Deine Eltern zu hören, oder Deinem Freund hinterherzurennen. Ich sage Dir das nicht, weil ich Dich hier behalten will. Ich hätte Dich lieber hier bei mir. Aber am Ende zählt, was Du willst.»

«Ich habe Angst, ich könnte Dich dort vergessen; dass Du eines Tages so verblasst bist, dass von Dir nicht mehr übrig ist, als der Hauch einer Erinnerung.»

«Dann solltest Du Dir alles hier gut einprägen, so wie es jetzt ist.»

Ich finde, es sieht aus, wie überall in den französischen Städten. Er sagt, ich habe Recht. Es sei überall gleich.

Als wir aus dem Restaurant gehen, fällt mir auf, dass ich von der Stadt kaum etwas gesehen habe. Anders als bei meinen Besuchen in den anderen Städten, bin ich hier nicht durch die Gegend gezogen, gestreunt; wie eine herrenlose Katze auf der Suche nach einem kleinen Faden Erkenntnis, der zu einem großen Wollknäuel führt, von dem ich die Erkenntnis über mein Leben Zentimeter für Zentimeter abspulen kann. Diesen Faden, dieses Fadenende, habe ich gesucht: In den Kirchen, der verfallenen und verfallenden Gassen der Städte, in den Bars, bei den Menschen, die ich getroffen habe, den Dingen, die ich erlebt habe. Und irgendwo habe ich diesen Faden gefunden, ihn in irgendeiner Ecke aufgehoben, mit ihm gespielt, mich in ihm verheddert, habe ihn auf langen Fußmärschen aufgedreht bis in die kleinste Faser auf der Suche. Ich habe etwas gefunden.

Es ist hier, als ich realisiere, dass ich Sébastien nie wieder sehen werde, er daher kein weiteres Stück meiner Aufmerksamkeit verdient; es ist hier, dass ich die Stadt zum ersten Mal sehe: Im Dunkeln. Im Regen. In dieser Atmosphäre ist sie in eine Stimmung gehüllt wie mein erster Abend in Carcassonne: Toulouse ist laut, nass, unruhig durch die Spiegelungen in den Straßen. Ich erkenne keinen Unterschied zu Montpellier oder Carcassonne. Zu Narbonne und Rivesaltes oder Castres, ja, da gibt es Unterschiede. Die Häuser sind sehr viel kleiner, die engen Straßen in den kleinen Städten sind weniger von Autos belegt als von Fußgängern.

Wir wollen nicht nach hause. Ich will nicht nach hause. Ich will nicht dahin zurück, wo meine Taschen stehen. Ich würde nur dasitzen können, die Uhr anstarren, die Taschen, Sébastien und darauf warten, dass die Zeit ablaufen würde, und ich in zum Bahnhof gehen und in den Zug nach Bordeaux steigen kann. Es wäre erbärmlich anzusehen, denke ich mir. Ich habe Angst vor diesem langen Moment der Stille, der nur Warten wäre; Warten auf die Abfahrt des Zuges. Doch das ist jeder Moment ab jetzt ohnehin schon. Ich werde mir dieser Erbärmlichkeit bewusst. Ich will sie nicht haben. Dann renne ich los.

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