13.11.2009 – Nur weg!

Wir wollen nicht nach hause. Ich will nicht nach hause. Ich will nicht dahin zurück, wo meine Taschen stehen. Ich würde nur dasitzen können, die Uhr anstarren, die Taschen, Sébastien und darauf warten, dass die Zeit ablaufen würde, und ich in zum Bahnhof gehen und in den Zug nach Bordeaux steigen kann.

Es wäre erbärmlich anzusehen, denke ich mir. Ich habe Angst vor diesem langen Moment der Stille, der nur Warten wäre; Warten auf die Abfahrt des Zuges. Doch das ist jeder Moment ab jetzt ohnehin schon. Ich werde mir dieser Erbärmlichkeit bewusst. Ich will sie nicht haben. Dann renne ich los.


Alles, was ich höre, sind meine Schritte auf dem Kopfsteinpflaster und meinen Namen, den Sébastien über den Place de Capitole schreit. Ich weiß nicht, ob er mir folgt, oder nicht. Es ist mir egal. Ich muss weg. Ich sehe nichts mehr: Nicht die Menschen, um die herum ich mich schlängele, nicht die Autos, denen ich ausweiche, oder die mir ausweichen, um mich nicht zu überfahren. Ich sehe auch nicht in welche Richtung ich renne, oder in welche Straßen ich biege.


Einmal, am Ende des Platzes, hab ich mich noch einmal umgedreht. Ich habe Sébastien nicht mehr gesehen. Unter den vielen Menschen war er in dem Dunkel der Nacht mit den vielen Lichtreflektionen in den Pfützen nicht mehr zu erkennen. Aber ich hörte meinen Namen. Es war seine Stimme. Ich hörte meinen Namen immer näher kommen, und schnelle Schritte. Ich musste weg. Ich habe mich umgedreht und bin wieder losgerannt. Ich weiß nicht, was es war, was diese Panik – denn anders konnte ich es nicht nennen, als Panik – in mir auslöste. Es war, als müsste ich laufen, um bei Verstand zu bleiben, als würde ich andernfalls – sollte Sébastien, sollte mein Name mich einholen, mich erreichen, mich ergreifen und festhalten – verrückt werden bei klarem Verstand. Also rannte ich.


Ich bog mal nach rechts, mal nach links. Dann stand ich vor dem Bahnhof. Immer noch hörte ich meinen Namen durch die engen Straßen hallen. Er kam mir immer noch näher. In den Bahnhof konnte ich nicht, wollte ich noch nicht. Ich folgte der großen Straße und bog gleich die nächste Straße wieder nach rechts. Als ich den Platz am Ende der Straße erreiche, höre ich noch einmal in die dunklen Straßen hinter mir. In dem kleinen Straßencafé sitzen noch ein paar letzte Gäste und tippen in ihre Laptops. Wäre es Sommer, hätten sie wohl alles übertönt, aber der Herbst ist zu kühl, um draußen zu sitzen. Mein Herz rast so laut, dass ich nichts höre. Ich bin völlig außer Atem. Aber ich höre Sébastien nicht mehr.

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