13.11.2009 – Nicht zurück gehen

CIMG4842Erschöpft von dem Spurt lasse ich mich auf eine Bank fallen. Es braucht ein paar Minuten, bis ich überhaupt etwas anderes höre, als das Pochen meines Herzens. Dann lausche ich in die Nacht. Was ist zu tun? Mein Gepäck steht noch in Felix’ Wohnung. Finde ich wieder dorthin?

Und wenn ja? Wie käme ich an meine Sachen? Ich habe keine Lust zurück zu gehen; zurück zu gehen zu Sébastien, angekrochen kommen wie ein geprügelter Hund, wie ein aufgescheuchtes Pferd, das zu seinem Stall zurück findet. Nein, das will ich nicht. Es ist halb eins. Ich muss acht Stunden irgendwie herum kriegen. Vorher fährt mein Zug morgen früh nicht.

Erst einmal will ich mir ein Café oder eine Brasserie oder Bar suchen, in der ich die Nacht verbringen kann.

«Folgen Sie dieser Straße.» weist mir die Kellnerin im Cyber Point den Weg zurück zum Capitole. Es sei ein Stück zu gehen. Ich sage, das mache nichts. Ich sei laufen gewöhnt. Bis ich dort wäre, würde mir schon eingefallen sein, was zu tun sei.

Es dauert nicht lange auf meinem Weg, da merke ich, dass es in meiner Tasche vibriert. Zu spät bekomme ich mein Handy in der Tasche zu fassen: Als ich den Knopf drücke, um den Anruf anzunehmen, ist er bereits vorbei. Es war Sébastien. In der Liste meiner verpassten Anrufe sehe ich, dass er es schon zum fünften Mal versucht hat. Ob ich zurück rufen soll? Ich würde es später tun. Nicht hier in der kalten, windigen Straße, wo mich jeder hören kann. Nicht jetzt, wo ich noch nicht einmal weiß, was ich ihm überhaupt sagen sollte. Warum war ich plötzlich weggelaufen? Warum war ich nicht ans Telefon gegangen. Was sollte all das? Fragen, die ich ihm nicht beantworten wollte, mit denen ich mich gerade nicht herum schlagen will.

Als ich am Capitole ankomme, ist es Mitternacht. Die Bars und Restaurants machen noch keine Anstalten, zu schließen. Mir ist kalt, also setze ich mich an einen Tisch und bestelle heiße Schokolade, um mich aufzuwärmen. Als der Kellner wieder geht, krame ich mein Handy aus der Tasche. Meine Mailbox ist voll mit Nachrichten von Sébastien. Ich solle mich melden, bittet er mich. Ich solle zurück kommen. Er würde die ganze Nacht warten. Ich habe ein schlechtes Gewissen, ihn nicht anzurufen.

«Wo steckst du?» er hört sich besorgt und aufgeregt an. Wieso ich fortgerannt sei, fragt er. Er scheint verwirrt. Mit so etwas hatte er nicht gerechnet. Ich sage ihm, ich habe mit einem Mal das Gefühl verspürt, loszurennen, fort zu laufen, fort von ihm, fort von der schrecklichen Vorstellung uns trennen zu müssen am nächsten Tag; fort von dem ewigen Warten auf das Eintreten der Katastrophe.

Er versteht nicht. Er versteht mich nicht, so wie auch Daniel mich nicht versteht, nie verstanden hat. Auch Sébastien wird mich nie verstehen können. Ich bin verdammt dazu, unverstanden zu werden. Doch anstatt es ihm begreiflich zu machen, irgendwie, behalte ich es für mich, mache ich mir nicht die Mühe, ihm zu erklären, was mich antreibt, wieso es mich antreibt, wohin es mich treibt.

Es treibt mich in den Wahnsinn, dass ich es selbst nicht weiß. Wenn ich es selbst nicht begreife, wie sollte es jemand anderes tun? Oder ist es mein einziges Bestreben, denjenigen zu finden, der es begreift? Der mich begreift? Denn denjenigen zu finden könnte doch am Ende bedeuten, bei demjenigen sein zu können – sein zu dürfen – wer ich wirklich bin, mich nicht verstecken zu müssen, wie ich es wohl die letzten Jahre getan habe.

Mich verstecken zu müssen, nur um dem anderen zu gefallen, mich ihm anzugleichen und dabei mich selbst zu verstecken, mich am Ende sogar zu verleugnen. Sébastien wird mich nie verstehen. Er wird mich nie nachvollziehen können. Es wird mit ihm genauso sein, wie mit Daniel. Ich werde auch mit ihm alleine bleiben.

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