Narrenwelt

Wenn Heinrich um sieben zur Arbeit geht, ist die Wohnung am ruhigsten. Eine halbe Stunde lang ist erst einmal nichts zu hören. Dann geht es los: Der Aufzug rumpelt in einem fort, weil die Leute zu bequem sind, Treppen zu laufen und sich lieber in einen Holzkasten zusammenpferchen lassen, um bloß keinen Schritt zu tun. Besonders schlimm ist es, wenn die Familie im obersten Stockwerk aufbricht.

Zuerst stürmt der Vater aus der Tür und kann es gar nicht abwarten, dass die Aufzugkabine oben ankommt. Würde er Treppe laufen, könnte er unten sein, noch ehe der Aufzug im mittleren Stockwerk angekommen wäre. Wie oft Heinrich ihm das schon insgeheim sagen wollte? Aber das würde ja die Wohlstandswampe gefährden und den armen Kerl ins Schwitzen bringen. Er würde in fünfzehn Jahren nicht an einem Herzinfarkt sterben und seine Frau mit einer fetten Witwenrente und einem Erbe zurücklassen, dass ihr ein schönes Leben bescheren würde. Die ganze Familienplanung wäre dahin.

Stattdessen rauscht pünktlich um halb acht morgens das Gegengewicht des Aufzugs in Heinrichs Wohnung. Zumindest hört sich das immer so an, weil der Schacht direkt neben der Wohnungstür endet: links der Aufzugschacht, rechts die Treppe hoch ins Erdgeschoss. Dazwischen liegt Heinrichs Wohnungstür. Wenn man etwas hört, dann den Aufzug. Heinrich hört ihn nicht mehr. Wenn er Feierabend hat, sind alle zu hause oder er hat das Hörgerät ausgeschaltet. Gibt ja eh niemanden in der Wohnung, den man hören könnte: Die Schachfiguren reden nicht, auch wenn Heinrich sich manchmal mit der weißen Dame unterhält, als wäre sie eine verflossenen Geliebte. Aber das zählt zu den kleinen Kauzeleien, die sich ein alter Mann irgendwann mal zulegt, wenn es denn keine Frau ist.

 

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