Der Narr und die weiße Dame

Man könnte wirklich fast meinen, Heinrich liebe seine weiße Dame. Jeden Abend vor dem allwöchentlichen Schachspiel mit Peter staubt er die Figuren ab, die seit der Woche zuvor auf dem Wohnzimmertisch stehen.
Weisse Dame3Er setzt sich auf seinen Stuhl und putzt die Figuren mit einem Staubtuch ab. Dann stellt er sie wieder zurück auf ihre Plätze.  So ein Bauer kann froh sein, wenn er überhaupt mal ne Streicheleinheit mit dem Lappen abbekommt. Reden wir nicht von den schwarzen. Mit der Dame dagegen ist er immer ganz besonders sorgfältig. Die wird nicht nur entstaubt, angehaucht und poliert bis sie in den Augen brennt. Heinrich erzählt ihr Geschichten. Er erzählt ihr, was ihm in der Woche passiert ist, und manchmal, wenn er abends nach dem Abendessen noch in einem seiner Bücher liest, schaut er wehmütig zum Schachbrett rüber und bekommt glasige Augen. Er starrt es ein, zwei Minuten an, seufzt einmal tief und fest, und schaut dann wieder auf sein Buch zurück. Manchmal kullert ihm dann eine Träne von der Oberlippe.

Sentimentaler alter Mann! Hängt da irgendeinem Mädchen nach, anstatt sich darauf zu konzentrieren, endlich mal den Aufzug für ein paar Wochen lahmzulegen, um dem alten Schrappnell von ganz oben die Tour zu vermasseln; die mit dem Wohlstandswampenherzinfarktmann. Die stürmt nämlich zehn Minuten später mit ihren Bälgern aus der Wohnung, um sie in die Schule zu bringen. Der Jüngste ist schon in der dritten Klasse, und sie bringt sie immer noch jeden Morgen hin und wartet nachmittags vor dem Schultor. Wie die sich wohl vorstellt, was ihre Kinder mal ohne sie machen? Wahrscheinlich gibt es diesen Gedanken bei Glucken gar nicht. Jedenfalls hat sie es noch nicht raus, dass der Weg nach unten mit dem Aufzug dreimal so lange dauert, wie die Treppe zu nehmen – vor allem dann, wenn die liebe alte Dame vom Stockwerk unter ihr ausgerechnet zur selben Zeit vom Bäcker wiederkommt und der Aufzug erst einmal zu ihr ins Erdgeschoss und wieder hoch muss. Jeden Morgen gibts Gezeter mit den Bälgern:

“Thorben-Erik, nimm die Hände aus den Hosentaschen! Noah-Gabriel, hör auf, Deine Schwester zu schubsen und Nele-Marie lass doch bitte endlich die Heulerei! Die Leute reden schon über uns und fragen sich, was ich mit Euch mache, dass Ihr immer so schrecklich rumrennt.”

Dann geht das Geheul erst richtig los: Nele-Marie brüllt die ganze Fahrstuhlfahrt über. Das fängt an, sobald die Türen oben zu sind und hört erst auf, wenn sich die Türen im Erdgeschoss wieder öffnen. Der Aufzugschacht transportiert das alles nach unten in Heinrichs kleine Wohnung. Wäre Heinrich tagsüber zu hause, würde er wahrscheinlich den Fahrstuhl sabotieren, damit er seine Ruhe hat. Ihr glaubt gar nicht, wie schön es ist, wenn er mal krank ist.

Ein Gedanke zu „Der Narr und die weiße Dame

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