21.10.2009 – Die Reise beginnt IV

Couchsurfing ist eine interessante Sportart. Man trägt zwar nicht seine Couch zum Meer, in der Hoffnung auf eine gute Welle, sondern bietet anderen Leuten im Internet an, auf dieser zu übernachten bzw. nimmt dieses Angebot an. Meine Reise sollte daraus bestehen, dass ich zum letzten Teil dieser Internetgemeinde gehöre. Das erste Bild, das bei dieser Beschreibung entsteht ist besonders für Deutsche, nehme ich mal an, ein Schreckgespenst: Da übernachtet man einfach bei wildfremden Menschen in der Wohnung oder lässt wildfremde Menschen bei sich übernachten. Doch so schlimm ist es nicht. Man kann sich durchaus aussuchen, wo man übernachten möchte und sich umgekehrt auch seine Gäste aussuchen.

Als ich Kumars Foto im Internet sehe, hoffe ich, dass er nicht der einzige sein wird, der mir einen Platz zum Schlafen anbietet, später stelle ich fest, dass ich mir kaum einen besseren habe aussuchen können. Am Bahnhof erkenne ich ihn gleich, aber er mich nicht. Irgendwie haben wir es dann aber doch hinbekommen und ich surfe auf seiner Couch. Diese Couch ist eigentlich eine französische (also breite) Matraze, die wir in seinem kleinen Zimmer auf den Boden legen. Er hat eine Decke für mich und ein Kopfkissen. Super! Dass wir in einem Zimmer schlafen, stört mich nicht. Zum Schlafen ist jetzt ohnehin noch nicht die Zeit.

Kumar kommt aus Indien, macht gerade seinen dritten Abschluss im Weinhandel und sein Profil sieht durchaus interessant aus. (Wie ich auf meiner Reise feststellen werde, machen sich nicht viele Mitglieder die Mühe, ein Profil komplett auszufüllen.) Kumar lebt seit Jahren in Frankreich, hat seinen zweiten Abschluss mit einem Stipendium der EU in Belgien gemacht und macht nun den dritten in Frankreich. Für seine Diplomarbeit arbeitet er bei einem Weinhändler (keiner um die Ecke, sondern einem Unternehmen, dass Weine aus Südfrankreich ins Ausland exportiert.) und bringt nach Arbeitsschluss die Weine mit, die vom Verkosten übrig geblieben sind.

Kumars Zimmer ist spartanisch eingerichtet. Wie in Frankreich wohl üblich sind die Decken hoch. Die Wände sind weiß gestrichen, aber schmucklos. Nur unter einem Fenster liegt eine lange hübsch bunt bemalte Holzplatte. Sie macht den Charme des ganzen Zimmers aus. Am Fenster hängen grüne leichte Vorhänge, wohl eher billige Schals, wie man sie zumindest in Deutschland in jedem Baumarkt finden kann. Ein Schreibtisch und eine Couch stehen noch darin, an der Wand neben der Tür steht ein Regal, aber keine Bücher. Unsere kurzen Lebensgeschichten fassen wir auf der Busfahrt zusammen. Als wir in seiner Wohnung ankommen, bin ich ihm dankbar, mich vom Bahnhof abgeholt zu haben, denn diese kleine Seitenstraße hätte ich nun wirklich nicht gefunden.

« I’m seeing some friends later. Do you want to come with me? » fragt mich Kumar und dann finde ich mich wieder bei seinen Freunden: ein paar wundervolle junge Frauen (das klingt entweder ziemlich altväterlich oder als sei ich eine alte Frau. Nun, wie soll ichs sonst sagen?). Es gibt einen fürchterlichen, aber durchaus essbaren Gemüseeintopf mit Glasnudeln und Crème Fraiche und dazu Kumars wunderbaren Rotwein. Noch während ich mich mit meinem Französisch abmühe, stelle ich fest das Beverly (kurz Bev), der die Wohnung gehört und Lindsay, die später dazu kommt, aus England kommen und ein Jahr in Montpellier sind um den Kindern hier Englischunterricht zu geben. Miriam und ihre Freundin kommen aus den USA. Nur Peyou, die mit ihrem wirklich schönen Hund Sanguard da ist, und Lisette sind zumindest aus Frankreich. Ob sie aus Montpellier kommen weiß ich nicht.

Ist das nicht die Ironie schlechthin? Ich möchte einige Zeit in Frankreich verbringen um mal woanders zu leben und französisch zu lernen, also einfach mal wieder zu sprechen und zu hören. Und hier bin ich, frisch aus dem kalten Deutschland in Montpellier, wohne bei einem Inder und treffe gleich am ersten Abend ganz tolle Leute, mit denen ich allen Englisch spreche. Ich war jedenfalls froh, gleich am ersten Abend jemanden gefunden hatte, mit dem ich mich anfreunden konnte.

Eine Anmerkung möchte ich noch zur französischen Einstellung zu Häusern und dergleichen äußern. Ich weiß nicht, ob es Nachlässigkeit ist oder einfach die Lebenseinstellung. Aber sowohl das Haus, in dem Kumar sein Zimmer hatte wie auch das von Bev sind alt. Sehr charmant, übrigens. Bei Kumar habe ich immer Angst, ich könnte die Klinke der Zimmertüren zu fest anfassen. Sie hängen sehr locker und ich befürchte, sie plötzlich in der Hand zu haben, während ich mich auf der Toilette einschließen will. Also bin ich vorsichtig, mit dem Erfolg, dass ich mich eines Morgens nicht richtig eingeschlossen habe, sondern gerade auf der Schüssel sitze als mein Couchsurf-Gastgeber mit Genuss die Tür aufreißt und gleich danach mit einem gemurmelten Oh wieder zuschlägt. Na macht ja nix. Ist trotzdem peinlich.

Bei Bev sieht das Alter so aus, dass in diesem riesengroßen Haus, dessen Flur wie eine große hohe Halle oder wie ein Hof wirkt und das sehr verwinkelt ist, das Dach nicht ganz dicht zu sein scheint. Bei den zwei Regentagen im Monat, vielleicht nicht schlimm, führt aber regelmäßig zu Kurzschlüssen, wenn das Wasser zu den Schaltern und Steckdosen herunter rinnt. Aber wozu Dachziegel wenn es doch Handtücher gibt? Diese hat Bev schließlich mit Tesafilm an den Wänden über den kritischen Stellen angebracht. Und somit: Vive la France!

21.10.09 – Die Reise beginnt II

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Der Grund warum ich mir den Zug als Reisemittel ausgesucht habe, ist meinem Cineasmus geschuldet. Ich liebe es, Filme zu sehen, besonders dann, wenn sie schön gemacht sind. Ich hätte mit dem Flugzeug fliegen können. Das wäre bestimmt einfacher und auch günstiger gewesen, als mit der Bahn. Zum einen habe ich aber Maggie mitgenommen (Ich nenne meine Gitarre so. Ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem Grund benennt man seine Gitarre und aus irgendeinem anderen Grund sehe ich das sogar ein) und befürchte, dass der schlanke Hals beim Transport im Flugzeug brechen oder sie sonstwie beschädigt werden könnte. Zum anderen denke ich beim Zugfahren an « Before Sunrise », der Film, in dem sich Julie Delpy und Ethan Hawke in einem Zug begegnen.

Er ist Amerikaner mit einem Interrail-Ticket und kommt gerade aus Spanien, wo der seine Freundin besucht hat, die ihm dann aber den Laufpass gegeben hat. Sie ist Französin und hat gerade eine Tante in Ungarn besucht (zumindest glaube ich, dass es so war). Beide begegnen sich im Zug und kommen miteinander ins Gespräch: Er fliegt am nächsten Tag von Wien zurück in die Staaten und sie muss zurück nach Paris an die Sorbonne, wo sie studiert. Beide sind sehr jung. Jünger als ich es jetzt bin und keiner von beiden weiß genau, wo es sie eines Tages mal hin verschlagen wird und was sie aus ihrem Leben machen wollen. Als sie in Wien ankommen, verstehen sie sich schon so gut, dass Julie mit Ethan aussteigt und einen Abend lang mit ihr durch Wien zieht.

Diese romantische Einstellung zum Zugfahren mag einem etwas naiv erscheinen. Ich kann Ihnen aber sagen, dass ich mir sicher bin, dass sich solche Begebenheiten bereits zugetragen haben und sich beinahe täglich zutragen. Zum Beispiel traf ich einmal in einem Zug nach Brüssel zwei Frauen und, obwohl wir nicht viel miteinander gesprochen hatten, trafen wir uns kurze Zeit später in Brügge wieder, wobei sich herausstellte, dass eine der beiden aus Brügge stammte. Sie können sich Benjamins Gesicht vorstellen, als wir uns in den Gassen dieser schönen Stadt wieder trafen und anfingen, miteinander zu plaudern. Wildfremde Menschen. Und das ist der Grund, weshalb ich mit dem Zug fahre. Ich möchte die verschiedensten Menschen kennen lernen.

Auf diese Art und Weise kann Zug fahren sehr spannend sein. Es ist allerdings sehr unspektakulär, es sei denn, man freut sich auf sein Ziel. Für mich ist diese Abfahrt so aufregend, dass ich meinen Platz nicht gleich auf Anhieb finde und mich mehr darauf konzentriere, mein Gepäck in die Gepäckablagen über den Sitzen zu verstauen. Ich bin froh, dass der Zug leer ist. So habe ich genug Platz für einen großen Laptop-Rucksack mit den ganzen Büchern, die ich lesen will und den Notizbüchern mit Manuskripten, die ich in den Computer tippen und aus ihnen richtige Geschichten machen will, die große Reisetasche mit meiner Kleidung, meine Gitarrentasche, meine graue Umhängetasche und einen Beutel mit Reiseproviant.

Ich setze mich einfach auf einen freien Platz neben einen grauhaarigen, intellektuell wirkenden Mann. Er ist ebenfalls auf dem Weg nach Paris und wie es sich am Telefon anhört im Filmgeschäft. Keine Ahnung, was er wirklich macht. Er scheint Franzose zu sein. Es ist schwer, das auszumachen. Er spricht abwechselnd in fließendem, nach meinem ungeschulten Ohr zu urteilen, akzentfreiem Französisch und Deutsch in sein Telefon. Ich unterhalte mich nicht großartig mit ihm und er scheint mich nicht für außerordentlich interessant zu halten. Ich bin vielmehr damit beschäftigt, mir über das Kommende Gedanken zu machen:

Ich werde in Paris-Est den Bahnhof wechseln müssen. Darüber habe ich schon so viele Horrorgeschichtem gehört, die damit endeten, dass der Erzähler den Zug verpasst. Ich muss zum Gare de Lyon. Dazu nehme ich die Metro. Die Dame am Fahrkartenschalter in Mannheim sagte mir, ich brauche nur die Linie Fünf zum Gare de Lyon nehmen. Na, wird schon klappen. Aber mein ganzes Gepäck. Naja, egal. Es wird klappen, bin ja nun schonmal unterwegs.

Ich habe zwei Stunden, um den Zug zu wechseln. Bei diesem Gedanken blicke ich auf das Notizbuch, das ich angefangen habe zu beschreiben: Auf dem Buchumschlag lächelt mich die Joconde an. Ich habe da Vincis berühmtestes Werk noch nie im Original gesehen. Mir fällt ein, dass sie im Louvres in Paris hängt. Reichen zwei Stunden für den Louvres? Wohl nicht. Erst recht nicht, wenn man so bepackt ist, wie ich gerade. Ich werfe den Gedanken von mir und vermerke, auf dem Rückweg einige Tage Paris einzuplanen. Es ist eine Schande, so oft dort gewesen zu sein, ohne weder sie noch das Schloss von Versailles besucht zu haben.

Ich bin immer noch nervös und aufgeregt, wie gestern Abend. Das Gunpowder, den ich mir heute morgen noch zubereitet habe, hilft da nicht viel. Mittlerweile fahre ich mit 300 Sachen über die Schienen der SNCF. Die Eifelturmstadt (der wohl eines der größten Phallussymbole der Welt ist, sieht man einmal von den Wolkenkratzern in den USA und in Asien ab) rückt immer näher. « Stadt der Liebe » nennt man sie überall, aber was soll das? Ich sehe ein, warum man sie so nennt: Man muss sie lieben, denn sonst findet man sie einfach nur zum Kotzen. Mal ehrlich: An Paris ist nun wirklich gar nichts mehr romantisch, außer vielleicht noch einer Bootsfahrt auf der Seine oder einem Spaziergang am Seine-Ufer.