03.11.2009 Wieder unterwegs

Ich stelle fest, dass ich mich langsam hier heimisch fühle. Mit «hier» meine ich Rivesaltes. Ich stelle auch fest, dass mir das immer dann passiert, wenn ich ein paar Tage am gleichen Ort zugebracht habe. Das Gefühl, das mich nach dieser Zeit erfasst, ist eine Mischung aus Trägheit und Rastlosigkeit. Hier bin ich schon einen Tag länger geblieben als in den anderen beiden Städten und länger als eigentlich gedacht war. Aber so ist das mit Plänen Reisender: Sie wechseln wie der Wind die Richtung. Mein Wind bläst aber konstant von den Bergen. Er ist kalt.

Als Nicolette gestern Abend zu mir in Morganes Büro gekommen war, um sich zu verabschieden, lief alles ganz schnell: Plötzlich konnte ich es nicht mehr erwarten, in diesen Zug zu steigen und in die nächste Stadt zu fahren. Ich habe für dieses Mal keine Couch gefunden und werde in einer Jugendherberge übernachten müssen. Besser als unter der Brücke ist das allemal, wenn es auch die Reisekasse ein wenig stärker strapaziert. Dafür ist sie aber auch sicherer. Zudem liegt die Herberge mitten in der mittelalterlichen Cité de Carcassonne, der Hauptattraktion der Stadt und der Grund, weshalb ich dort hin fahre. Und was die Reisekasse angeht, besteht ja noch die Möglichkeit, es Rod Steward gleichzutun und Straßenmusiker zu werden.

Ehe ich mich versehe, ist die Reise geplant: Ich buche ein Bett mit Frühstück und bin einmal mehr froh, mir für diese Reise etwas Plastikgeld eingepackt zu haben. Ein Frühstück zur Übernachtung ist hier übrigens nicht üblich, wie es zuhause der Fall ist, obwohl das Frühstück sicher die günstigste Mahlzeit ist, die man hier einnehmen kann: ein Café und ein Croissant oder Milchbrötchen, fertig. Allerdings ist der Café hier, in der Nähe der spanischen Grenze, ein wenig enttäuschend klein. Es ist schon eher ein Espresso. In der Jugendherberge gibt es glücklicherweise ein Frühstück. Wie viel Glück das ist, soll ich aber erst später erfahren. Ich suche mir den Weg vom Bahnhof zur Jugendherberge heraus und der Trip ist geplant. Jetzt stehe ich hier, an diesem verlassenen Bahnsteig, an dem alle zwei Stunden ein Zug hält, wenn man Glück hat, und warte auf meinen.

Ich hätte vielleicht auch noch da bleiben können, Morgane und die anderen weiter bekochen können. Aber irgendwann wird es Zeit, zu gehen. Spätestens wenn die Koffer gepackt sind und alles wieder so hinein gepasst hat, wie noch vor zwei Wochen, will ich los. Weiter ziehen. Ich fühle den kalten Wind aus den Bergen in meinem Nacken und höre dazu wieder einmal Keith Richard an der Gitarre und Bob Dylan an der Mundharmonika und zwischendurch singt er: «How does it feel? How does it feel to be on your own with no direction home. Just like a rolling stone.»

01.11.2009 Der reiselustige Kater (Küss den Frosch!)

Es ist Sonntag. Das Wetter ist schon nicht mehr so schön wie in den letzten Tagen. Der Himmel ist zugezogen, wolkenverhangen und der Wind gestern Abend hat kalte Luft hergebracht. Wie es an einem Sonntag so üblich ist, schlafen wir lange. Ich stehe sogar noch vor Morgane auf. Die Katzen sind schon unterwegs. Hatte ich erzählt, dass bei Morgane, Jean und Nicolette vier Katzen herumlaufen? Ich bin mir nicht sicher. Ich bin mir aber sicher, dass ich noch nicht von den Katzen erzählt habe.

Es sind also vier. Zwei gehören Morgane: Bolek und Minette. Billy-Jean (ja, benannt nach dem Lied eines erst kürzlich verstorbenen Pop-Idols) und Minou gehören zu Jean und Nicolette. Am interessantesten von den beiden ist sicherlich Bolek, ein Tabby-Kater.

Wir machen uns einen Spaß. Wir nennen ihn Jean-Bolek und den anderen Jean-Billy. Wir haben festgestellt, dass alle Franzosen «Jean» heißen: Jean-Paul, Jean-Pierre oder Jean-Luc zum Beispiel und wenn man im französischen von “den Leuten” spricht, heißen sie “gens”. Lustigerweise kam der Einfall von Jean. Also nennen wir die Kater auch Jean.

Jean-Bolek kommt aus Polen. Er ist eher ein Wildkater und so verhält er sich auch. Bolek und Billy kämpfen häufig, weil es der kleine Billy in seinem jugendlichen Leichtsinn hin und wieder übertreibt und sich dann auch mal ein Tatze einfängt. Morgane hatte ihn gefunden, als sie auf Reisen in Polen war. Er war herrenlos. Ein Landstreicher. Wie ich, denke ich mir und höre wieder Bob Dylan und Mick Jagger singen «How does it feel?», wobei Keith Richard im Hintergrund spielt. Eine Orgel ist auch noch dabei. Es fühlt sich saugut an, denke ich bei mir.

Bolek ist weit gereist: Morgane hatte ihn aus Polen mit in die USA genommen und von dort aus zu ihrem Job in den Niederlanden, dann nach Belgien und wieder zurück hierher nach Rivesaltes. Er und ich verstehen uns von Anfang an: Am ersten Tag entdecke ich ihn schlafend in Maggies Tasche, nachts schläft er bei mir auf dem ausgeklappten Gästesofa im Studio.

Jean Baptiste Bolek ist ein wenig eifersüchtig. Er scheint sich von mir vernachlässigt vorzukommen. Ich wache morgens auf, weil ich ein seltsames Gefühl habe, begleitet von einem seltsamen, nicht starken, Geruch. Es riecht nach nassem Stoff und das Gefühl kommt von einer Pfütze, die eine der Katzen – da Bolek die ganze Nacht drin war, nehme ich an, dass er es war – auf meinem Laken hinterlassen hat. Bolek ist böse. Er und Minou jagen sich durch das Studio. Sie fauchen. Sie können sich nicht ausstehen. Morgane trennt sie regelmäßig und schmeißt Minou aus der Wohnung.

26.10.2009 Dingle ist ein Ort im Süden Irlands VI

Maureen und Noel haben ein Ferienhaus in Narbonne Plage. Fünf Wochen haben sie jetzt hier verbracht. Seit sie in Rente sind, verbringen sie im Jahr mehrere Monate hier. Übermorgen geht es zurück nach Dublin. Während Maureen in der kleinen Küche etwas zu essen vorbereitet sitze ich mit Noel auf der Terrasse und höre ihm zu. Er erzählt von Irland. Ich war noch nie da, will aber unbedingt bald auf die grüne Insel. Noel pflichtet mir bei, dass ich das unbedingt bald machen sollte.

Ich erzähle ihm, dass ich aus Mannheim komme. Er kennt Mannheim von seiner Arbeit her. Er war dort früher häufiger auf Geschäftsreise. Mir fällt natürlich ein, mit welcher Mannheimer Firma er da zu tun gehabt haben könnte. So viele Ölfirmen gibt es in Mannheim ja nicht. Auch Heidelberg ist ihm ein Begriff. (Ehrlich gesagt wundert es mich, dass er etwas mit Mannheim anfangen kann, denn meistens erkläre ich Mannheim immer als Nachbarstadt zu Mannheim.) Sie beide waren erst vor Kurzem dort gewesen, von hier aus.

Wir unterhalten uns über die Gitarre. Noel hat auch angefangen zu spielen, aber er sei ein schlechter Schüler versichert er mir. Sein Enkel spiele sehr viel besser als er. Ich erzähle ihm, wie ich erst vor Kurzem zu Maggie gekommen war, denn ich spiele erst seit ein paar Monaten.

Es war während meiner Abschlussprüfungen. Meine beste Freundin war für einige Zeit unterwegs und hatte mich gebeten, mich um ihre Hamster zu kümmern. Ich wohnte während der Zeit in ihrem Zimmer in einer WG in Mannheim. Ich saß meistens in der Küche um zu lesen und zu lernen.

Ich bewunderte insgeheim ihren Mitbewohner. Er spielte Gitarre. Ein Prachtexemplar von Western Halbakustik. Eine Höfner. Wenn er abends in seinem Zimmer spielte, hörte ich ihm von meinem Zimmer aus zu. Er spielte auch einfach so, aus Spaß. Ich sang dann meistens dazu.

Eines Tages dann hing sie plötzlich vor meiner Nase. Ich glaube, ich hatte sie damals schon «Pauley» benannt. Ich hatte irgendetwas in der Küche gewerkelt. Ich erinnere mich nicht mehr daran. Nur, dass plötzlich René im Zimmer stand und spielte, nach einer bestimmten Zeit auf die Uhr sah, feststellte, es sei Zeit für ihn zu gehen.

«Hier.»

Ich war schon versucht, die kleine wieder in ihren Koffer zu legen, als mir die Absurdität dieser Idee auffiel.

«Was soll ich damit?»

«Spielen!»

Ich muss ihn angesehen haben wie ein Auto, zumindest gab ich mir Mühe, ihn so anzusehen.

«Ich kann nicht spielen.»

Eine halbe Stunde später hatte ich von der anderen Mitbewohnerin ein Songbook bekommen und mühte mich damit ab, «Sailing» von Rod Steward zu spielen, besser gesagt, mit dem F-Dur Akkord. Eine Viertel Stunde später hatte ich es auf Renés Anraten aufgegeben und übte mich nun an “Knocking on Heaven’s Door” von Bob Dylan, und wer dieses Lied alles gecovert hat.

Der Rest ist Geschichte: Abend für Abend saß ich nach dem Lernen in der Küche und übte. Ich lernte Akkorde. Griff sie selbst noch im Halbschlaf, was zur Folge hatte, dass sie besser wurden. Ich suchte mir andere Lieder zum Spielen. Lernte, dass man unterschiedliche Saiten schlagen kann und ich lernte, was Bryan Adams meinte als er in «Summer of Sixty-Nine» sang «played until my fingers bled.» Einige Wochen später sah ich Maggie in einer Anzeige und gab schließlich ein zehntel meiner Reiseersparnisse für sie aus. Voilà! Seitdem mag ich sie nicht mehr aus der Hand legen.

21.10.2009 – Die Reise beginnt I

Ein Eichhoernchen in Suedfrankreich

Bob Dylan und Mick Jagger im Duett; Keith Richards an der Lead-Gitarre und zwischendrin spielt Bob auf der Mundharmonika, die ihm ständig durch ein Drahtgestell dargeboten wird: « How does it feel? How does it feel? To be on your own. With no direction home? Like a rolling stone. »

Tränen bei der ersten Idee, bei der Vorbereitung und schließlich bei der ersten Abfahrt. Ich gebe zu, dass ich bis vor ein paar Wochen selbst nicht ganz daran geglaubt habe, heute nach Montpellier zu fahren, aber auf einmal hatte ich alles, was ich brauchte, gepackt, arrangiert, habe eine Bleibe dort gefunden und mich mit Reiseführer und Wörterbuch ausgestattet und mir mein Ticket gekauft. Das war gestern. Ich stehe im ICE nach Paris-Est. Ich stehe am Eingang, vor mir steht Benjamin. Wir haben beide Tränen in den Augen, doch es gibt kein Zurück mehr. Ich würde mich auch nicht gut dabei fühlen; als hätte ich letzten Endes mal wieder den Schwanz (den ich als Frau ja nicht habe) eingezogen.

Ein letzter Kuss; Tränen in den Augen; ein Pfiff, dann geht die Tür zu und ich sehe Benjamin von meinem Platz aus auf dem Bahnsteig an meinem Fenster vorbei fahren. Ich bin auf dem Weg. Mannheim liegt hinter mir und Paris vor mir und danach Montpellier und das Ungewisse. Es waren ja nur zwei Monate, zumindest war das der Plan.

Mein Plan besteht überhaupt nur aus einem Fragezeichen neben dem anderen: Ich will nach Montpellier, nicht weil ich schon mal da war, oder weil mir irgendwer irgendwann mal gesagt hatte, ich müsse dort unbedingt mal hin, sondern, weil meine Eltern auf dem Weg in das Ferienhaus ihrer Freunde dort hindurch müssen und erzählt haben, wie schön es dort sei und weil Ryanair zu ihren Anfangszeiten im Radio damit Werbung gemacht haben, sie flögen auch nach Montpellier und weil ich mal irgendwann irgendwo von irgendwem gehört habe, dort gebe es eine Universität. Deshalb nach Montpellier. Ich bin einfach neugierig. Des weiteren habe ich folgendes « geplant »: In Montpellier bleibe ich per Couchsurfing bei einem Inder (er war der einzige, der mir so kurzfristig eine Couch anbieten konnte), suche mir dann in den ersten paar Tagen einen Job in einer Boulangerie oder einer Crèperie und ein möbliertes Zimmer mit einem Bett und einem Schrank und vielleicht einem Schreibtisch, wo ich auch die Küche mitbenutzen kann, um mir Kaffee oder Tee zu kochen. Das Ungewisse war also das einzige Reiseziel und die Rückkehr war für Weihnachten geplant.

Gestern Abend war ich sehr aufgeregt, ich konnte kaum essen, wusste nicht, ob ich hungrig war oder ob mir schlecht war. Das Gefühl, das einen ergreift, wenn man plötzlich ganz allein weit weg geht, wo man niemanden kennt, ist beinahe überwältigend. Anna sagt mir, es sei normal. Schon will man die ganze Reise abblasen, doch was tun? Die ganze Reisevorbereitungen in den Wind schießen? Das Bahnticket verfallen lassen? Umsonst 30 Euro für Reiseführer und Wörterbuch ausgegeben haben und zu guter Letzt sich diese Möglichkeit, diese Chance durch die Finger gehen zu lassen? Ich denke mir, ach hätte ich das niemals angefangen. Ich könnte mir hier einen Arbeitsplatz suchen und mit Benjamin in diese Wohnung ziehen. Doch dann packt mich die Gewissheit, dass ich damit die wohl größte Chance meines Lebens vertun würde und mir das mein Leben lang vorwerfen würde. Deshalb sitze ich an diesem Mittwoch morgen im Zug, mit einem Haufen Gepäck um mich herum und fahre im Schneckentempo der französischen Grenze entgegen.