06.11.2009 – Il fait froid, je veux des crèpes

In meinen Armen klingt Maggies «Hallelujah» von Jeff Buckley – ja, er hat es von Leonard Cohen gecovert und gezeigt, dass ein Cover auch besser sein kann als das Original – tröstend und wärmend. Weiterlesen

04.11.2009 La Philo c'est chouette

Ich schlafe nicht alleine in der Jugendherberge. Meine Zimmergenossin kommt aus Paris. Sie besucht ihre Mutter hier für einige Zeit. Am Vormittag verlässt sie die Cité und geht hinunter in die Stadt, wo ihre Mutter wohnt. Sie heißt Hélène. Ich habe mich mit ihr heute früh unterhalten nachdem ich vom Frühstück zurück gekommen war, um meine Sachen für den Tag zu packen. Sie geht durch die Stadt mit einer Aufmerksamkeit, die mir bisher fehlt. Heute Abend gäbe es ein Café Philosophie im Café «La Comédie»; morgen gäbe es ein Konzert im Châpeau Rouge.

An diesem Abend kehre ich nicht mehr zurück in die Cité. Ich besuche eine Buchhandlung. Ja, ich habe den Fehler bereits in Montpellier begangen, kann mich aber nicht beherrschen. Ich weiß nicht mehr, welches Buch ich dort kaufe. Ich suche «L’Amant» von Marguerite Duras. Es ist mein Lieblingsbuch. Mein literarisches Vorbild. Der Buchladen hat es nicht. Ich glaube fast, ich kaufe kein Buch hier und doch bin ich mir sicher, dass ich den Buchladen mit einem neuen Buch verlasse. Es ist «L’Amour». Weil es noch früh am Nachmittag ist, gehe ich in ein Café, das mir gefällt. Es ist nicht «La Comédie». Ich bestelle Tee und Kuchen und vertiefe mich in das Buch, in dem ich jedes zweite Wort in dem kleinen Wörterbuch heraussuchen muss, um den Text zu verstehen.

Am Abend gehe ich ins Café «La Comédie». Hier wird an den nächsten Abenden meine Heimat sein, beschließe ich. Um viertel vor sechs ist das Café fast leer. Ein Monsieur unterhält sich angeregt mit zwei Gästen und sieht mich erwartungsvoll an, als ich à la française mit schwarzem Barett den Raum betrete. Ich erwidere seinen Gruß und setze mich an einen Tisch. Eine Frau betritt das Café. Sie sieht etwas verwirrt aus. Ich schätze sie in ihren sechzigern. Ich bestelle einen grünen Tee mit Minze. Wer immer den erfunden hat, sollte an die Wand gestellt werden, gemeinsam mit demjenigen, der die Unart erfunden hat, jeglichen charakteristischen Geschmack in Vanillearoma ertränken zu müssen. Die Frau hat inzwischen am Nebentisch Platz genommen und wühlt in einer billig aussehenden Handtasche. Sie scheint gefunden zu haben, wonach sie suchte und holt eine Plastikflasche hervor. Es ist Körperlotion. Aber sie legt sie nicht beiseite, um etwas anderes in ihrer Handtasche zu suchen, nein, sie hebt die Flasche hoch an ihr Gesicht, zu ihrem Mund. Sie lässt einen Klecks Körperlotion heraus spritzen und verreibt die Lotion über ihrem geschlossenen Mund und zwar so, dass ein Rest der Lotion noch zwei Stunden später an ihrer Oberlippe zu sehen sein wird. Sie scheint meinen irritierten Blick bemerkt zu haben. Sie fühlt sich bewegt, sich mir zu erklären: «J’ai des lèvres sèches» – Ich habe trockene Lippen.

Sie spricht das Französisch sehr langsam. Beinahe überdeutlich. Wenn ich sie nicht für eine Französisn halten würde, könnte ich glauben, sie habe es soeben erst gelernt. Sie spricht alle Endungen und Vokale aus, die sonst verschluckt werden, die nicht ausgesprochen werden. Vielleicht bemüht sie sich um eine deutliche Aussprache. Ihre Vokale sind aber von derartiger Klarheit, wie man sie sonst nur von französischen Muttersprachlern hört. Ebenso verhält es sich mit ihrer Sprechmelodie. Es könnte eine wahre Freude sein, denke ich, ihr beim Sprechen zuzuhören, würde sie es nicht so langsam und betont tun. Erst jetzt fällt mir auf, dass ihre Füße nackt sind. Sie stecken nackt in Sandalen. Sie sind gepflegt, die Nägel mit neon-gelbem Nagellack bemalt. Draußen aber ist es herbstlich kühl, kein Wetter für Sandalen.

Der Professor ist sehr interessiert. Er kennt seine Schäfchen, seine Schüler. Jeden einzelnen. Mich kennt er noch nicht. Er kommt zu mir und spricht mit mir, fragt mich, woher ich komme, wer ich sei. Ich antworte ihm auf seine Fragen. Ich verstehe ihn gut. Ich sage, ich spreche nicht so gut französisch, aber ich verstehe schon sehr gut und ich sei gespannt, was ich hier heute Abend erfahren würde.

Das Café Philo, das lerne ich sehr schnell, ist keinesfalls eine lockere Plauderstunde am Stammtisch. Nein! Sie nimmt sich wichtig wie ein Seminar an der Universität. Es gibt Hausaufgaben. Meine habe ich nicht gemacht. Ich bin neu. Das Thema heißt «La philosophie n’est rien sans langage». Der Professor wird die meiste Zeit sprechen an diesem Abend. Seine Zuhörer sind seine Studenten, seine Schäfchen, die ihm aufmerksam zuhören, Fragen stellen und manchmal auch widersprechen.

Die Frau mit den Neonnägeln gehört auch zu seiner Entourage. Das habe ich schnell begriffen. Eine weitere Frau und ich stellen uns als Débutantes vor. Er erklärt die Regeln: Jede Woche bekommen die Teilnehmer Texte zu lesen auf, über die in der nächsten Sitzung gesprochen werden soll. Anders funktioniert Philosophie nicht. Das ist klar. Der Rest ist ein Uni-Seminar, nur dass dabei Café, Tee, Perrier und etwas zu Essen bestellt wird.

Das Thema scheint mir einleuchtend: «La philosophie n’est rien sans langage» Ohne Sprache ist die Philosophie nichts. Meine Laienhafte Übersetzung macht aus der «Philosophie» wahlweise «Weisheit der Sprache» oder «Weisheitsfreundlich». Doch anstatt über das Thema zu sprechen – auch das ist ganz wie an der Uni – darüber, was Philosophie und die Sprache verbindet und welche Rolle Sprache spielt, behandeln wir Themen der Philosophie. Ich mische mich nicht in das Gespräch ein. Das traue ich mich dann doch noch nicht zu. Ich höre nur zu.

04.11.2009 Ab durch die Mitte!

«Diamond ring – wear it on your hand! It’s gonna show the world I’m your only man …» Der Song geht mir seit gestern nicht mehr aus dem Kopf. Bevor ich in Rivesaltes aufgebrochen bin, habe ich mir das beste aller Bon Jovi-Alben auf den MP3-Player geladen: «These Days». Seitdem befinde ich mich in einem Zustand gewisser Melancholie. Ob ich an Daniel denke? Nein, ganz sicher nicht. Ich denke an einen anderen. Ich schreibe Briefe. Ich habe ihnen ein eigenes Notizbuch gewidmet. In dieses Buch schreibe ich die Briefe wie ich in ein anderes Gedichte schreibe. Ich fülle das Buch mit den Briefen an ihn. Ich fülle es mit schwarzer Tinte aus einem Schönschreibfüller, wie ich sonst meine Gedichte schreibe.

Er wird keinen einzigen davon jemals erhalten. Er wird sie niemals lesen. Diese Briefe versende ich nicht. Das erinnert mich an Marcelle Sauvageaut: Ein hoffnungsloser Fall und das stürzt mich noch tiefer in die Melancholie. Ich bade darin, ertränke mich in ihr. Diese Melancholie: ich koste dieses Gefühl vollkommen aus mit einer Wonne. Diese Melancholie ist es, die mich diese Briefe schreiben lässt, diese Gedichte, diese Geschichte. Das ist es, was meine Feder führt.

Daniel fehlt mir. Das Gegenteil möchte ich nicht behaupten. Es wäre nicht wahr. Nach zwei Wochen des Unterwegsseins fange ich an, meine Familie und meine Freunde zu vermissen. Zu der Melancholie gesellt sich ein gewisses Heimweh. Und doch, und das ist das seltsame: Wann immer ich mir vorstelle, wieder zuhause zu sein, schwindet der Wunsch dorthin zurückzukehren immer mehr.

Auf der einen Seite habe ich das Reisen satt. Auf der anderen Seite will ich aber nicht rasten. Die Freiheit, die mir das Reisen gibt, ist das Größte, was mir je widerfahren ist. Vielleicht will ich auch erstmal an einem Ort ankommen, wo ich etwas bleiben, meine Reisetasche auspacken und meine Kleider in einem Schrank verstauen kann. Einem Ort, wo ich nicht jeden Morgen in einer großen Tasche nach frischer Unterwäsche wühlen muss. Das ist wohl das Schicksal des Steins, wenn er erst einmal ins Rollen gekommen ist.

Um fünf Uhr am Morgen werfe ich mein Handy aus dem Bett. Ich habe mir den Wecker dort gestellt, damit ich das Frühstück nicht verschlafe und rechtzeitig aus dem Zimmer bin, denn es ist hier wie in jeder Jugendherberge: Tagsüber hat man in den Zimmern nichts zu suchen. Damit ich den Wecker nachher schneller ausstellen kann, wenn er klingelt, werde ich wach, stehe auf und krieche unter das Bett. Unterwegs begegne ich ein paar freundlich grüßenden Wollmäusen. Zum Glück bin ich schon lange genug in Frankreich, um auch die französischen Wollmäuse zu verstehen. Ich erkläre ihnen, dass alles in Ordnung sei und ich nur an mein Telefon will. Maggie, die ich in ihrem Bettchen unter das Bett gelegt hat, bestätigt das und bürgt für meine guten Absichten. Als ich endlich wieder unter dem Bett hervor komme, habe ich das Handy und meine Zimmergenossin schläft glücklicherweise immer noch.

Einschlafen kann ich nicht mehr. Wieder dieses Lied «Diamond ring …». Es muss sich irgendwann zwischen den Wollmäusen und meiner Rückkehr unter die viel zu kurze Decke ganz unbemerkt eingeschaltet haben. Jetzt, wo alle Aufregung vorbei ist, dröhnt es umso lauter. Dazu plätschert es draußen, als würde schon jemand duschen, inklusive der Ablüftung des Waschbereichs. Es könnte der Regen draußen sein, mutmaße ich. Weil meine Zimmergenossin aber die Vorhänge zugezogen hat, sehe ich nichts.

Stattdessen schalte ich meine Klemmleuchte ein und klemme sie an mein Buch: Ich versuche mich an Aristoteles’ Nikomachischer Ethik. Für alle, die es lesen müssen: Nehmt Euch was zu lesen mit! Für alle, die es lesen mussten und gelesen haben: Mein Beileid. Für alle, die interessiert, was drin steht hier die Kurzzusammenfassung: Es gibt für alles zwei extreme Ausprägungen. Der Mittelweg ist immer der beste. Ende.

Meine Zehen stoßen an das Bettende an. Ist das nicht der Fall, stößt mein Kopf am Kopfende an. Eine Partie sinnloser Handyspiele hilft da auch nicht beim Einschlafen. Also liege ich die nächsten Stunden mit einem Griechen im Bett, der nicht aufhören kann, mich mit dem Wesen des Glücks, Haltungen und Wesenszügen zuzutexten. Als es Zeit wird, aufzustehen und mein Wecker klingelt, habe ich das zweite Buch der Nikomachischen Ethik fast durch.

Im Dunkel des frühen Morgens schäle ich mich aus dem Bett. Irgendwo plätschert die Dusche. Im Hintergrund dröhnt die Entlüftung. Gibt es noch Autoren, die über Jugendherbergen schreiben? Ich meine, abgesehen von Kinder- und Jugendbuchliteratur ist dieses Thema bestimmt nicht breit gestreut. Ich kann es nachvollziehen. Wäre ich nicht alleine unterwegs, hätte ich die fünf Euro pro Nacht mehr für ein richtiges Bett, ein richtiges Bad mit Dusche sicherlich ausgeben können.

Die Dusche ist ein Raum mit einem Kleiderhaken, einem Abfluss, einer Duschstange samt Brause und einer kleinen Ablage für das Duschzeug. Die Dusche liegt nicht im Zimmer. Wie in Jugendherbergen üblich, ist es ein kleiner Raum über den Gang und weil dies so ist und ich nicht in ein Handtuch gewickelt durch die Gegend laufen will, nehme ich meine Kleider und Schuhe mit in diesen Raum, der keinerlei Möglichkeiten bietet, die Kleider nach dem Duschen trocken anzuziehen. Ich brauche eine bestimmte Technik zum Duschen, wenn ich meine Kleider trocken anziehen will und drunter passe ich auch nicht ganz.

Im Frühstücksraum folgt das geniale Jugendherbergsfrühstück. Der Kaffee ist nahezu ungenießbar und meine Vorfreude auf eine Schüssel Cornflakes mit Kakao schlägt mienenverzerrt um, als sich die bittere braune Masse meinen Zungengrund entlang in Richtung Speiseröhre robbt. Der Kakao ist nicht gezuckert. Das Frühstück artet plötzlich in hektisches Zuckertütchensuchenaufreißenunddrüberstreuen um – Ich liebe die deutsche Sprache für die Möglichkeit, wahllos Wörter aneinanderzuhängen ohne, dass das daraus entstehende Wortungetüm an Sinn verliert, was man von diesem Satz nicht behaupten kann. Aber was will man denn erwarten nach zwei Stunden griechischer Philosophie.

22.10.2009 Was zum Geier hab ich hier eigentlich zu suchen? III

In der Rue Foch – hinter dem Triumphbogen, der nicht wirklich hierher passt, aber in jeder größeren französischen Stadt anzutreffen ist – gibt es nichts außer Designerläden. Ich streife durch die kleinen Gassen links und rechts der Straße. Ich schaue hinein und wenn sie mir gefällt, gehe ich hinein. Ich liebe sie, besonders die Rue de l’Ancien Courrier, in deren Häuser noch die Halteringe für die Pferde befestigt sind. Ich finde keinen einzigen Supermarkt.

In den Galeries de Lafayette werde ich schließlich fündig. Es hat den Anschein als sei es in Frankreich anders um Supermärkte bestellt als in Deutschland. Wenigstens habe ich einen gefunden. Mein Mittagessen besteht aus einem Baguette von Paul, einem Stück jungen Roqueforts sowie Milch und einer Zeitung.

Ich sitze vor dem Einkaufszentrum mit meinem Roquefortsandwich. Die Leute sitzen alle hier auf den Treppenstufen oder auf dem Boden oder den wenigen Bänken und nehmen eine Auszeit. Als ich weiter in Richtung Le Corum am Jardin de Champ de Mars vorbei gehe, sehe ich, dass einige sogar ihre Gitarren mitgenommen haben und im Gras sitzen und «klampfen».

Das Wetter wird langsam ungemütlich. Hatte Benjamin nicht mal was von Sonne gesagt? Es zieht zu, will anfangen zu regnen. Also setze ich mich in ein Café und nehme einen Kaffee, nein, Tee, Earl Grey. Ich sollte besser bei Kaffee bleiben, denn mit Tee hat man in Frankreich noch weniger zu tun als in Deutschland: Ich bekomme ein Kännchen mit einem Teebeutel, was höchstens für Kräutertees – oder Infusionen, wie sie hier genannt werden – in Frage kommt.

Nach meiner Pause begehe ich einen großen Fehler. Kumar hat für mich einen günstigen Prepaid-Tarif herausgefunden. Ich will nicht teuer von meinem Vertragshandy telefonieren und besorge mir eine französische Telefonnummer. Also gehe ich in den Virgin Store, der direkt gegenüber von dem Café ist. Von nun an werde ich per Handy vorgeben, Jungfrau zu sein. Dabei bin ich im Dezember geboren.

Ich sehe mir den Laden genauer an und fahre in das erste Obergeschoss. Das ist der Fehler. Im ersten Stock befindet sich die Librairie. Ich komme nicht vorbei an den Büchern – es sind alles Taschenbücher – ohne drei Romane von Marguerite Duras mitzunehmen, natürlich auf französisch. An dieser Stelle möchte ich Ihnen, lieber Leser, ins Gedächtnis rufen, dass mein roter Rucksack nichts außer Büchern beinhaltet, die ich lesen will sowie Notizbücher und natürlich mein Notebook. Eine portable Bibliothek also. Ich überlasse es nun Ihnen darüber zu schmunzeln, lauthals zu lachen, oder auch einfach mit den Augen zu rollen, wenn ich Ihnen sage, dass ich in einer französischen Buchhandlung noch mehr Bücher gekauft habe. Allerdings reicht mein Bargeld nicht aus, um alle Bücher mitzunehmen, also lasse ich eines an der Kasse zurück.

Als ich den Laden verlasse, geschieht ein Wunder: Es fängt zu regnen an. Zumindest für diese Gegend ist das ein Wunder, denn angeblich hat es hier über 300 Sonnentage im Jahr. Dies war ein Grund für mich gewesen, auf einen Schirm in meinem Gepäck zu verzichten und lieber Bücher mitzunehmen. Ich erreiche die Allée Julien völlig durchnässt. Es ist eiskalt.

21.10.2009 – Die Reise beginnt IV

Couchsurfing ist eine interessante Sportart. Man trägt zwar nicht seine Couch zum Meer, in der Hoffnung auf eine gute Welle, sondern bietet anderen Leuten im Internet an, auf dieser zu übernachten bzw. nimmt dieses Angebot an. Meine Reise sollte daraus bestehen, dass ich zum letzten Teil dieser Internetgemeinde gehöre. Das erste Bild, das bei dieser Beschreibung entsteht ist besonders für Deutsche, nehme ich mal an, ein Schreckgespenst: Da übernachtet man einfach bei wildfremden Menschen in der Wohnung oder lässt wildfremde Menschen bei sich übernachten. Doch so schlimm ist es nicht. Man kann sich durchaus aussuchen, wo man übernachten möchte und sich umgekehrt auch seine Gäste aussuchen.

Als ich Kumars Foto im Internet sehe, hoffe ich, dass er nicht der einzige sein wird, der mir einen Platz zum Schlafen anbietet, später stelle ich fest, dass ich mir kaum einen besseren habe aussuchen können. Am Bahnhof erkenne ich ihn gleich, aber er mich nicht. Irgendwie haben wir es dann aber doch hinbekommen und ich surfe auf seiner Couch. Diese Couch ist eigentlich eine französische (also breite) Matraze, die wir in seinem kleinen Zimmer auf den Boden legen. Er hat eine Decke für mich und ein Kopfkissen. Super! Dass wir in einem Zimmer schlafen, stört mich nicht. Zum Schlafen ist jetzt ohnehin noch nicht die Zeit.

Kumar kommt aus Indien, macht gerade seinen dritten Abschluss im Weinhandel und sein Profil sieht durchaus interessant aus. (Wie ich auf meiner Reise feststellen werde, machen sich nicht viele Mitglieder die Mühe, ein Profil komplett auszufüllen.) Kumar lebt seit Jahren in Frankreich, hat seinen zweiten Abschluss mit einem Stipendium der EU in Belgien gemacht und macht nun den dritten in Frankreich. Für seine Diplomarbeit arbeitet er bei einem Weinhändler (keiner um die Ecke, sondern einem Unternehmen, dass Weine aus Südfrankreich ins Ausland exportiert.) und bringt nach Arbeitsschluss die Weine mit, die vom Verkosten übrig geblieben sind.

Kumars Zimmer ist spartanisch eingerichtet. Wie in Frankreich wohl üblich sind die Decken hoch. Die Wände sind weiß gestrichen, aber schmucklos. Nur unter einem Fenster liegt eine lange hübsch bunt bemalte Holzplatte. Sie macht den Charme des ganzen Zimmers aus. Am Fenster hängen grüne leichte Vorhänge, wohl eher billige Schals, wie man sie zumindest in Deutschland in jedem Baumarkt finden kann. Ein Schreibtisch und eine Couch stehen noch darin, an der Wand neben der Tür steht ein Regal, aber keine Bücher. Unsere kurzen Lebensgeschichten fassen wir auf der Busfahrt zusammen. Als wir in seiner Wohnung ankommen, bin ich ihm dankbar, mich vom Bahnhof abgeholt zu haben, denn diese kleine Seitenstraße hätte ich nun wirklich nicht gefunden.

« I’m seeing some friends later. Do you want to come with me? » fragt mich Kumar und dann finde ich mich wieder bei seinen Freunden: ein paar wundervolle junge Frauen (das klingt entweder ziemlich altväterlich oder als sei ich eine alte Frau. Nun, wie soll ichs sonst sagen?). Es gibt einen fürchterlichen, aber durchaus essbaren Gemüseeintopf mit Glasnudeln und Crème Fraiche und dazu Kumars wunderbaren Rotwein. Noch während ich mich mit meinem Französisch abmühe, stelle ich fest das Beverly (kurz Bev), der die Wohnung gehört und Lindsay, die später dazu kommt, aus England kommen und ein Jahr in Montpellier sind um den Kindern hier Englischunterricht zu geben. Miriam und ihre Freundin kommen aus den USA. Nur Peyou, die mit ihrem wirklich schönen Hund Sanguard da ist, und Lisette sind zumindest aus Frankreich. Ob sie aus Montpellier kommen weiß ich nicht.

Ist das nicht die Ironie schlechthin? Ich möchte einige Zeit in Frankreich verbringen um mal woanders zu leben und französisch zu lernen, also einfach mal wieder zu sprechen und zu hören. Und hier bin ich, frisch aus dem kalten Deutschland in Montpellier, wohne bei einem Inder und treffe gleich am ersten Abend ganz tolle Leute, mit denen ich allen Englisch spreche. Ich war jedenfalls froh, gleich am ersten Abend jemanden gefunden hatte, mit dem ich mich anfreunden konnte.

Eine Anmerkung möchte ich noch zur französischen Einstellung zu Häusern und dergleichen äußern. Ich weiß nicht, ob es Nachlässigkeit ist oder einfach die Lebenseinstellung. Aber sowohl das Haus, in dem Kumar sein Zimmer hatte wie auch das von Bev sind alt. Sehr charmant, übrigens. Bei Kumar habe ich immer Angst, ich könnte die Klinke der Zimmertüren zu fest anfassen. Sie hängen sehr locker und ich befürchte, sie plötzlich in der Hand zu haben, während ich mich auf der Toilette einschließen will. Also bin ich vorsichtig, mit dem Erfolg, dass ich mich eines Morgens nicht richtig eingeschlossen habe, sondern gerade auf der Schüssel sitze als mein Couchsurf-Gastgeber mit Genuss die Tür aufreißt und gleich danach mit einem gemurmelten Oh wieder zuschlägt. Na macht ja nix. Ist trotzdem peinlich.

Bei Bev sieht das Alter so aus, dass in diesem riesengroßen Haus, dessen Flur wie eine große hohe Halle oder wie ein Hof wirkt und das sehr verwinkelt ist, das Dach nicht ganz dicht zu sein scheint. Bei den zwei Regentagen im Monat, vielleicht nicht schlimm, führt aber regelmäßig zu Kurzschlüssen, wenn das Wasser zu den Schaltern und Steckdosen herunter rinnt. Aber wozu Dachziegel wenn es doch Handtücher gibt? Diese hat Bev schließlich mit Tesafilm an den Wänden über den kritischen Stellen angebracht. Und somit: Vive la France!