09.11.2009 Die Mauer fällt immer wieder

Heute ist Montag. Yannick und Geneviève sind schon zur Arbeit gegangen. Ich mache mir einen Kaffee und gehe mit meinem Frühstück in den Salon zum Fernseher. Heute vor 20 Jahren fiel in Deutschland die Mauer. Weiterlesen

09.11.2009 – «C’est une vieille maison»

Dass es draußen schon lange Tag ist, merke ich nicht. Das Haus ist alt, die Fenster dünn und unter meinen Gästebettdecken ist es wunderbar gemütlich. Vor den Fenstern gibt es Stores, die ich abends schließe, wenn es kalt wird. Denn Wärme kommt hier keine mehr rein, wenn die Sonne einmal untergegangen ist. Im Gegenteil. Sie entweicht wie ein Gefangener, dessen Zellentür versehentlich offen stehen gelassen wurde. Weiterlesen

08.11.2009 – Et maintenant?

Sébastien lässt nicht locker. Wir wollen uns dort treffen, in Toulouse. Als wir vorhin telefoniert haben, hat er noch einmal danach gefragt. Ich kann hören, wie er sich auf unser Rendez-vous freut. Er ist ganz außer sich. Ich dagegen habe noch keine Ahnung, was ich aus dieser Situation machen, oder wie ich aus ihr wieder heraus kommen soll. Weiterlesen

08.11.2009 – On reste tranquille

Heute ist Sonntag: Wir stehen spät auf und frühstücken.

«On reste tranquille.» hat Geneviève mir gestern angekündigt. Heißt: Wir spannen aus. Weiterlesen

07.11.2009 Mon Coeur

Während wir durch den Wald streifen, unterhalten wir uns die ganze Zeit miteinander. Die beiden erzählen mir von sich, berichten sich gegenseitig wie es gestern auf der Arbeit war und ich erzähle von mir. Ich erzähle, wo ich wohne, von meinen Eltern, meiner Schwester, meinem Freund. Weiterlesen

07.11.2009 Napoleons Hut im Chaos der Granitfelder

Wir verlassen den Buchladen nicht ohne drei Bücher zu kaufen: Eine Französisch-Grammatik, «L’amant» von Marguerite Duras und «No et Moi» von Delphine de Vigan. Die Grammatik ist reine Zeit- und Geldverschwendung, wie ich später feststellen soll, habe ich das meiste hier ohnehin schon beim Reden mit den Menschen gelernt und reicht mir die Zeit ohnehin nicht, um umständlich in ihr zu blättern und die richtige Formulierung nachzusehen. Weiterlesen

07.11.2009 – Zwei getrennte Leben

Er will mich sehen. Das trifft mich trotz der Möglichkeit, die ich in Betracht gezogen habe, unerwartet. Wo ich unterkommen werde, weiß ich noch nicht: Couchsurfer oder Jugendherberge. Aber was tut das zur Sache? Und mein Freund zuhause, in Mannheim? Plötzlich fängt mein Gewissen an, an mir zu nagen. Weiterlesen

07.11.2009 Un coup de téléphone

Als ich aufwache, steht die Sonne schon hoch am Himmel. Geneviève und Yannick haben mit dem Frühstück auf mich gewartet. Es gibt Kaffee und Milchbrötchen, etwas Marmelade – französisch. Weil heute Samstag ist, geht Geneviève einkaufen. Ich komme mit. Weiterlesen

06.11.2009 – Il fait froid, je veux des crèpes

In meinen Armen klingt Maggies «Hallelujah» von Jeff Buckley – ja, er hat es von Leonard Cohen gecovert und gezeigt, dass ein Cover auch besser sein kann als das Original – tröstend und wärmend. Weiterlesen

06.11.2009 – Like a Thief in the Night

Als Geneviève mich am Bahnhof aufliest und mich zu sich mitnimmt, stelle ich fest, dass Castres hinter dem Bahnhof doch ganz nett ist. Das kann aber auch daran liegen, dass die Wolkendecke plötzlich aufreißt und endlich die Sonne hervor kommt. Geneviève und Franck wohnen in einem Haus, das von außen relativ normal und auch von innen nach französischer Kleinstadt aussieht. Für mich aber ist das neu: Unten gibt es eine Küche mit einem Ausgang auf den Hof, der in etwa zwei Metern Höhe mit Wellblech überdacht ist. Wie überall in Frankreich gibt es auch hier einen Gasherd. Neben der Küche ist der Salon oder Wohn- und Esszimmer. Die Treppe nach oben zeigt Geneviève mir mein Gästezimmer links und ihr Zimmer, das rechts davon liegt. Wie auf einer Perlenkette aufgefädelt liegen dahinter zwei weitere Zimmer. Es macht den Eindruck eines dieser Barockschlösser nach dem Versailler Vorbild.

Heute ist Freitag. Geneviève und Franck gehen freitags aus. Ich komme gerne mit ihnen mit und lasse mir von den beiden die Stadt zeigen. Vorher aber haben wir noch ein bisschen Zeit. Ich lege mich ins Bett und schlafe.

Als ich wieder aufwache, ist es längst dunkel. Die Nacht ist sternenklar. Ich ziehe mich an, schminke mich, frisiere mich. Ausgehfein eben. Neben mir liegt Maggie in ihrem roten Bettchen und schläft. Von zuhause aus bin ich es gewohnt, keinen unnötigen Krach zu machen. Ich korrigiere mich: Ich bin es gewohnt, mich zu bemühen, gar keinen Krach zu machen. Also hole ich Maggie aus ihrem Bett und zupfe, nur ganz leise. Die Töne, die dieses Instrument verströmt, gehen direkt in den Bauch.

Ich gebe es ganz offen zu. Wenn ich hier alleine unterwegs bin, fühle ich mich einsam, abgeschieden von meiner Welt, abgeschieden von allem. Ich genieße diesen Zustand ein bisschen. Er macht mich aber auch traurig. Auf der anderen Seite verspüre ich einen leichten Anflug von Ärger, wenn sich mein eigentliches Leben – das abseits der Reise, die Menschen zu Hause, vornehmlich meine Familie und mein Freund – bei mir melden und mich anrufen. Daniel vermisst mit einfach nur und hätte gerne, dass ich schnell wieder zurückkomme. Dieser Egoist. Will ich zu ihm zurückkommen? Meine Familie ist plötzlich ganz stolz auf mich. Stolz darauf, dass ich diese Reise unternehme. So ganz alleine. Unter Tränen sagen sie mir, ich solle dort bleiben wenn es mir gefällt und ich es möglich machen könne.

Wenn sie mir das sagen, fühle ich mich ein bisschen wie der Glücksritter, die sie immer sein wollten, es aber nicht konnten oder wie sie es gerne noch werden würden: Ausbrechen aus der Welt aus dem bestehenden System aus Aufstehen, zur Arbeit gehen und abends nur noch die Füße auf das Sofa legen. Ich weiß, dass auch ich dieses Leben anstrebe, dass es quasi von mir verlangt wird. Dass dieses Leben von mir verlangt werden wird, weil sie es nicht anders kennen. Weil es kaum jemand anders kennt als so.

Seht mich an: Ich bin 25 Jahre alt, habe die Entscheidung für einen Beruf mit einem Studium aufgeschoben, das zu keinem bestimmten Beruf führt. Ich habe die Entscheidung für einen Beruf aufgeschoben durch eine Reise, die ich schon unternehmen wollte, als ich 16 war, als ich 19 war und gerade Abitur gemacht habe und die zu unternehmen ich mich all die Jahre nicht getraut habe. War es wirklich so schwierig? War es wirklich so schwierig, eine Fahrkarte zu kaufen, Geld zu sparen, die Taschen zu packen und in einen Zug zu steigen? Sobald ich mir einmal gesagt habe, dass es einfacher ist, als mit den Fingern zu schnippen, flachen alle Hindernisse, alle Bedenken, einfach alles ab und das Feld der Möglichkeiten liegt vor mir so flach wie die Niederlande oder Norddeutschland.

Oder habe ich meinen Beruf längst gewählt, mich längst zum Schreiben entschlossen und muss diesen Entschluss durch diese Reise noch bestätigen? Die späte Erlösung durch die Gitarre, die ganzen Gedichte, Geschichten, die ich all den Jahren en passant geschrieben habe und die es mir eiskalt den Rücken hinunter laufen lassen, wenn ich sie lese, der Spaß, den ich auf der Bühne habe – spricht all das dafür, dass es kein normales Leben für mich geben wird, wie es mein Umfeld kennt und von mir erwartet? In diesem Moment steht für mich fest, dass ich die Politikwissenschaft weiter verfolgen und promovieren will, mit dem Ziel, am Ende ebenfalls als Professor vor meinen Studenten zu stehen und mich den wichtigen Fragen dieser Welt zu widmen. Doch noch bin ich hier in Castres, in Südfrankreich.