11.11.2009 – La maison de Lisette

Es ist in einem Reihenhaus etwas außerhalb der Innenstadt. Wir können bequem hinlaufen. Wir sind trotzdem langsam. Wir kommen kaum voran, weil wir immer wieder anhalten, uns küssen, uns eng umschlungen in Hauseingängen herumdrücken. Weiterlesen

08.11.2009 – Et maintenant?

Sébastien lässt nicht locker. Wir wollen uns dort treffen, in Toulouse. Als wir vorhin telefoniert haben, hat er noch einmal danach gefragt. Ich kann hören, wie er sich auf unser Rendez-vous freut. Er ist ganz außer sich. Ich dagegen habe noch keine Ahnung, was ich aus dieser Situation machen, oder wie ich aus ihr wieder heraus kommen soll. Weiterlesen

05.11.2009 – Vive la Démocracie!

Habe ich nicht schon einmal geschrieben, dass ich die Franzosen liebe? Das habe ich zweifellos bereits getan. Ich liebe sie dafür, direkt auf einen Menschen zuzugehen, wenn sie dich sympathisch finden. Sie finden Menschen sympathisch, die ihre Sprache sprechen. Sie antworten grundsätzlich jedem, der sie anspricht. Selbst ein Bettler fragt mich nach einem «Bonjour Mademoiselle» höflich nach etwas Kleingeld, worauf ich ihn ansehe und mit einem bedauernden Gesicht antworte «J’suis désolée.» In Deutschland wäre ich angehauen worden, auf die rabiate Art. Ich hätte es entweder ignoriert oder hätte mit einem «Nein Danke» abgeschmettert. Hier unterhält man sich auch mit dem Punk auf der Straße und gibt, wenn man nicht wenigstens eine Zigarette für das Herrchen hat, seinem Hund ein Leckerli.

In Carcassonne suche ich die Rue Verdun. Dort, am Fuße der Cité hat einst Joë Bousquet gewohnt, sagt mein Reiseführer. Er war Schriftsteller und seit seiner Verwundung im Ersten Weltkrieg am Rückgrat gelähmt. Welche Ironie, dass er ausgerechnet in der Rue Verdun gelebt hat. Direkt nebenan ist das Katharer-Museum. Die Katharer lassen mich seit Narbonne nicht mehr los. Ich will wissen, was es mit ihnen auf sich hatte.

Auf dem Weg zur Rue Verdun überquere ich den Place d’Aude. «Ma-dö-moa-sellö!» Ich erkenne diesen Akzent, diese Art, jede einzelne Silbe so übertrieben deutlich auszusprechen, dass es nicht mal mehr grotesk ist. Es ist die Mademoiselle mit der Körperlotion für die «lèvres sèches». Ich entdecke sie in einem der Cafés mit denen der Platz gesäumt ist. In einem von ihnen habe ich heute Vormittag ein zweites Frühstück gegessen. Sie fragt mich, wie es mir geht. Gut sage ich. «Et vous?» Das Wetter sei ja so schön heute, da habe sie sich in ein Café gesetzt, um die Sonne zu genießen. Der Akzent bricht niemals ab, wird niemals flüssiger. Ihr französisch bleibt eine bizarre Verballhornung dieser Sprache.

Ich erzähle ihr, ich sei auf der Suche nach der Rue Verdun und könne sie nicht finden. Ja, das Katharer-Museum wolle ich besuchen. Die Ma-dö-moa-sellö kennt die Straße. Sie ist nur zwei Straßen weiter vom Place d’Aude. Ich verabschiede mich von ihr und gehe in die Richtung, in die sie gezeigt hat. Wenige Minuten später biege ich in die Rue Verdun ein und finde den Eingang zum Museum. Es ist kurz vor Mittag. Ich habe schon festgestellt, dass die Mittagspause von zwei bis drei Stunden Länge heilig sind. Deshalb gehe ich erst gar nicht hinein, sondern beschließe, am Nachmittag wiederzukommen.

Statt das Museum zu besuchen, besorge ich Briefmarken für die Postkarten, die ich von jeder Station aus verschicke. Meine Eltern bekommen eine, Benjamin und die WG. Sie bekommen eine Karte von jeder meiner Stationen. So ausgerüstet setze ich mich in ein Café und bestelle grünen Tee mit Jasmin (dieses Café ist eines der wenigen mit Teeauswahl). Der Kellner bringt den Tee. Ich packe meine Postkarten, Briefmarken und Füller aus und beginne zu schreiben. Um eins breche ich auf. Ich bin fertig mit meinen zehn Postkarten, also bezahle ich und ziehe weiter. Ich möchte noch etwas sehen, bevor ich morgen wieder abreise. Ich suche eine Kirche, die ich besuchen kann, obwohl ich mittlerweile von Kirchen die Nase voll habe, mögen sie auch noch so schön und prachtvoll sein.

War es an diesem Tag, als mich der junge Mann ansprach? Ich bin mir nicht mehr sicher. Ich habe die drei Tage in Carcassonne hauptsächlich auf den Straßen der Stadt verbracht. Trotzdem erinnere ich mich nicht mehr an den Namen der Straße. Nein, es ist nicht sonderlich wichtig, weil der junge Mann in dieser Geschichte nicht weiter wichtig ist. Ich habe ihn nur bemerkt. Er steht auf der anderen Straßenseite, doch ich wüsste den Namen der Straße selbst dann nicht, wenn die Straßen, die übrigens quadratisch angeordnet sind, nach einem Schachbrettmuster benannt wären – mit der Porte des Jacobins als Orientierungspunkt. Es ist westlich der Porte, in Höhe der Place de l’Aude in einer Parallelstraße der Rue Georges-Clémenceau.

Den restlichen Nachmittag verbringe ich abwechselnd im Katharer-Museum, in dem eine Schulklasse gerade dabei ist, neues über ihre Vorfahren zu lernen, und dem Museum über Joë Bousquet, in dem Handschriften, Fotos und sogar sein altes Arbeits- und Schlafzimmer ausgestellt werden. Die ganze Wohnung ist so belassen, wie zu Lebzeiten des Schriftstellers: Wo Stufen sind, führen Rampen entlang, damit Bousquet sich mit dem Rollstuhl frei bewegen konnte. Vor allem das Zimmer sieht so aus, als könnte er noch in dem Bett liegen.

22.10.2009 Was zum Geier hab ich hier eigentlich zu suchen? I

Der erste Tag in einer fremden Stadt, in einem fremden Land ist so ziemlich das Irrealste, was ich mir vorstellen kann. Ich wache auf als Kumars Wecker klingelt. Als er aus dem Haus geht, schlafe ich weiter. Ich wache auf. Die Sonne scheint durch das Zimmerfenster. Ich kann nicht aufstehen. Ich bin aber nicht mehr müde. Ich kann nicht aufstehen, weil ich Angst habe. Ich habe Angst vor dem, was draußen ist, hinter dem Fenster, im Sonnenlicht. Ich werde mir über meine Absichten hier im Klaren: Job finden, Zimmer finden. Das hilft, ich stehe auf.

Da ich nicht weiß, was ich in der Küche benutzen darf und was nicht, gehe ich auf meiner Suche nach dem Frühstück nach draußen. In dem Haus, in dem Kumar wohnt, habe ich Angst, zu fest an den Türklinken zu ziehen; sie hängen lose aus den Türen. Ich befürchte, mich einsperren zu können. Überhaupt stelle ich fest, dass die Häuser hier zwar sehr schön, aber nicht sonderlich gut in Schuss sind. Das gibt ihnen einen gewissen Charme. Würde es alles neu aussehen, läge ein Hauch von Künstlichkeit über den Häusern und über der Stadt. Doch da man sich hier nicht sonderlich um sein Haus kümmert, hat man auch Probleme. Bei Kumars Freundin, Bev, bei der wir gestern waren, regnet es in die Wohnung herein. Zwar kommt das nicht häufig vor, weil es in Montpellier kaum regnet, weil es hier an den meisten Tagen nicht einmal Wolken am Himmel sind. Gestern Abend aber hat es geregnet. Um ihre Steckdosen und Lichtschalter, also die Elektrik im Haus vor einem Kurzschluss zu bewahren, hatte Bev über den Steckdosen und Lichtschaltern Küchenhandtücher mit Tesafilm befestigt.

« You go this direction, you find a boulangerie. They’re very good. » Hatte Kumar mir gestern Abend noch erklärt und dabei in seinem Zimmer mit dem Arm in eine Richtung gewiesen. Ich kann nichts damit anfangen: Im Zimmer seiend kann ich mich nicht auf Richtungen draußen konzentrieren. Also laufe ich die Avenue d’Assass in der Richtung entlang, in die ich denke, die Kumar gewiesen hatte. Ich treffe auf so ziemlich alles: Verwunschene kleine Häuschen, die über und über mit Pflanzen überwuchert sind, und in denen « Chambres d’Hôtes » angeboten werden. Die Straße ist gesäumt von Platanen und es ist noch ein wenig frisch. Doch langsam wird es wärmer, fast sommerlich. Einen Bäcker finde ich aber nicht.

Ich beschließe umzukehren und verfluche schon fast die Stadt und mich für meine dämliche Idee einen auf Selbstfindungstrip machen zu müssen. Et voilà: Hier bin ich in Montpellier, weit weg von zuhause und finde nichts zu Frühstücken (wer mich näher kennt, wird an dieser Stelle vielleicht in lautes Lachen ausbrechen, ich werde aber nicht erklären, wieso). Am Ausgangspunkt meiner Frühstücksodyssee treffe ich schließlich auf « Paul », eine Bäckereikette in Frankreich. Ich hätte mir den Weg und den Ärger ersparen können. So weiß ich wenigstens, wo ich in den nächsten Tagen mein Frühstück besorgen kann.

Ich stelle fest, dass ich nicht viel brauche, um morgens wach zu werden bzw. um die Evolutionsstufe vom Homo Sapiens zum Homo Sapiens Sapiens zu schaffen. Dazu braucht es vor allem Koffein, Teein und ein Croissant. Ich nehme meinen Kaffee, der hier unten eher nach einem Espresso aussieht und mein Pain au Chocolat (in Deutschland ist das ein Schokocroissant und in den Pyrenäen eine Chocolatine) und setze mich an einen der ausnahmslos verlassenen Tische des Cafés.

Hier, inmitten der Menschen, die kaum etwas anderes als Französisch verstehen, fühle ich mich wie eine Fremde. Das liegt natürlich daran, dass ich hier fremd bin, aber das Gefühl ist ein etwas anderes. Ich bin nicht daran gewohnt, Französisch zu sprechen. Ich habe Angst. Angst davor, Fehler zu machen. Angst davor, man könne mir meine Fremdheit anmerken. Wenn ich reise möchte ich in meine neue Umgebung eintauchen, eine neue Identität annehmen, in sie hineinschlüpfen wie in ein maßgeschneidertes Kleid. Ich möchte wissen wie es ist, Französin zu sein. Wie es sich lebt. Doch ich habe Angst, einen Fehler zu machen und verhaspele mich, ich vergesse alle Höflichkeitsfloskeln und muss ungeheuer ungehobelt wirken.

Angst und Unsicherheit machen sich in mir breit. Ich habe nicht schlecht Lust, mir eine Fahrkarte nach Hause zu kaufen und mich in den nächsten Zug zu setzen. Ich streiche diesen Gedanken aus meinem Kopf. Ich würde nicht nur vor meiner Familie und meinen Freunden als Versagerin dastehen, sondern auch (und das ist das schlimmste) mir selbst Vorwürfe machen, mal wieder den sprichwörtlichen Schwanz eingezogen zu haben. Ich befinde mich in einem Dilemma. Die fremde Welt da draußen kommt mir unheimlich, ja unwirtlich und ungastlich vor.

Ich gehe nicht zurück, zumindest jetzt noch nicht. Ich bleibe auch nicht, das steht bereits jetzt fest. Ich beschließe, zu reisen: Vielleicht eine Woche Montpellier und danach wer weiß? Carcassonne? Ich blättere im Reiseführer und suche mir neue Ziele aus. Es ist schwierig, irgendwo zu bleiben, wenn man keine Mission, keine Bestimmung an diesem Ort hat.

21.10.2009 – Die Reise beginnt IV

Couchsurfing ist eine interessante Sportart. Man trägt zwar nicht seine Couch zum Meer, in der Hoffnung auf eine gute Welle, sondern bietet anderen Leuten im Internet an, auf dieser zu übernachten bzw. nimmt dieses Angebot an. Meine Reise sollte daraus bestehen, dass ich zum letzten Teil dieser Internetgemeinde gehöre. Das erste Bild, das bei dieser Beschreibung entsteht ist besonders für Deutsche, nehme ich mal an, ein Schreckgespenst: Da übernachtet man einfach bei wildfremden Menschen in der Wohnung oder lässt wildfremde Menschen bei sich übernachten. Doch so schlimm ist es nicht. Man kann sich durchaus aussuchen, wo man übernachten möchte und sich umgekehrt auch seine Gäste aussuchen.

Als ich Kumars Foto im Internet sehe, hoffe ich, dass er nicht der einzige sein wird, der mir einen Platz zum Schlafen anbietet, später stelle ich fest, dass ich mir kaum einen besseren habe aussuchen können. Am Bahnhof erkenne ich ihn gleich, aber er mich nicht. Irgendwie haben wir es dann aber doch hinbekommen und ich surfe auf seiner Couch. Diese Couch ist eigentlich eine französische (also breite) Matraze, die wir in seinem kleinen Zimmer auf den Boden legen. Er hat eine Decke für mich und ein Kopfkissen. Super! Dass wir in einem Zimmer schlafen, stört mich nicht. Zum Schlafen ist jetzt ohnehin noch nicht die Zeit.

Kumar kommt aus Indien, macht gerade seinen dritten Abschluss im Weinhandel und sein Profil sieht durchaus interessant aus. (Wie ich auf meiner Reise feststellen werde, machen sich nicht viele Mitglieder die Mühe, ein Profil komplett auszufüllen.) Kumar lebt seit Jahren in Frankreich, hat seinen zweiten Abschluss mit einem Stipendium der EU in Belgien gemacht und macht nun den dritten in Frankreich. Für seine Diplomarbeit arbeitet er bei einem Weinhändler (keiner um die Ecke, sondern einem Unternehmen, dass Weine aus Südfrankreich ins Ausland exportiert.) und bringt nach Arbeitsschluss die Weine mit, die vom Verkosten übrig geblieben sind.

Kumars Zimmer ist spartanisch eingerichtet. Wie in Frankreich wohl üblich sind die Decken hoch. Die Wände sind weiß gestrichen, aber schmucklos. Nur unter einem Fenster liegt eine lange hübsch bunt bemalte Holzplatte. Sie macht den Charme des ganzen Zimmers aus. Am Fenster hängen grüne leichte Vorhänge, wohl eher billige Schals, wie man sie zumindest in Deutschland in jedem Baumarkt finden kann. Ein Schreibtisch und eine Couch stehen noch darin, an der Wand neben der Tür steht ein Regal, aber keine Bücher. Unsere kurzen Lebensgeschichten fassen wir auf der Busfahrt zusammen. Als wir in seiner Wohnung ankommen, bin ich ihm dankbar, mich vom Bahnhof abgeholt zu haben, denn diese kleine Seitenstraße hätte ich nun wirklich nicht gefunden.

« I’m seeing some friends later. Do you want to come with me? » fragt mich Kumar und dann finde ich mich wieder bei seinen Freunden: ein paar wundervolle junge Frauen (das klingt entweder ziemlich altväterlich oder als sei ich eine alte Frau. Nun, wie soll ichs sonst sagen?). Es gibt einen fürchterlichen, aber durchaus essbaren Gemüseeintopf mit Glasnudeln und Crème Fraiche und dazu Kumars wunderbaren Rotwein. Noch während ich mich mit meinem Französisch abmühe, stelle ich fest das Beverly (kurz Bev), der die Wohnung gehört und Lindsay, die später dazu kommt, aus England kommen und ein Jahr in Montpellier sind um den Kindern hier Englischunterricht zu geben. Miriam und ihre Freundin kommen aus den USA. Nur Peyou, die mit ihrem wirklich schönen Hund Sanguard da ist, und Lisette sind zumindest aus Frankreich. Ob sie aus Montpellier kommen weiß ich nicht.

Ist das nicht die Ironie schlechthin? Ich möchte einige Zeit in Frankreich verbringen um mal woanders zu leben und französisch zu lernen, also einfach mal wieder zu sprechen und zu hören. Und hier bin ich, frisch aus dem kalten Deutschland in Montpellier, wohne bei einem Inder und treffe gleich am ersten Abend ganz tolle Leute, mit denen ich allen Englisch spreche. Ich war jedenfalls froh, gleich am ersten Abend jemanden gefunden hatte, mit dem ich mich anfreunden konnte.

Eine Anmerkung möchte ich noch zur französischen Einstellung zu Häusern und dergleichen äußern. Ich weiß nicht, ob es Nachlässigkeit ist oder einfach die Lebenseinstellung. Aber sowohl das Haus, in dem Kumar sein Zimmer hatte wie auch das von Bev sind alt. Sehr charmant, übrigens. Bei Kumar habe ich immer Angst, ich könnte die Klinke der Zimmertüren zu fest anfassen. Sie hängen sehr locker und ich befürchte, sie plötzlich in der Hand zu haben, während ich mich auf der Toilette einschließen will. Also bin ich vorsichtig, mit dem Erfolg, dass ich mich eines Morgens nicht richtig eingeschlossen habe, sondern gerade auf der Schüssel sitze als mein Couchsurf-Gastgeber mit Genuss die Tür aufreißt und gleich danach mit einem gemurmelten Oh wieder zuschlägt. Na macht ja nix. Ist trotzdem peinlich.

Bei Bev sieht das Alter so aus, dass in diesem riesengroßen Haus, dessen Flur wie eine große hohe Halle oder wie ein Hof wirkt und das sehr verwinkelt ist, das Dach nicht ganz dicht zu sein scheint. Bei den zwei Regentagen im Monat, vielleicht nicht schlimm, führt aber regelmäßig zu Kurzschlüssen, wenn das Wasser zu den Schaltern und Steckdosen herunter rinnt. Aber wozu Dachziegel wenn es doch Handtücher gibt? Diese hat Bev schließlich mit Tesafilm an den Wänden über den kritischen Stellen angebracht. Und somit: Vive la France!