03.11.2009 Hunger, müde, kalt – Was mach ich nur in Carcassonne?

Carcassonne wird nicht meine Lieblingsstadt werden. Ich erinnere mich immer noch an Montpellier. Das waren Tage! Die Straßen in Carcassonne sind nicht gerade die saubersten. Ihre Glanzzeiten sind auch schon länger her. Genauso steht es um die Häuser. Dieser Zustand wundert mich nicht. Seit ich in Frankreich unterwegs bin haben sich schöne Häuser in Grenzen gehalten. In Montpellier und Narbonne fand ich das noch ganz charmant. Es hatte schon etwas: Dieser Charme des Verfalls.

Hier in Carcassonne aber stößt mich der Zustand der Häuser ab, ebenso wie der Zustand der Straßen, ja der ganzen Stadt. Ich finde es ekelhaft. Liegt es daran, dass der Himmel von grauen Wolken verhangen ist und das gestreute Licht glanzlos auf die Fassaden fällt? In Montpellier und Carcassonne hat immer die Sonne geschienen. Es waren herrliche Tage, fast noch Sommertage, und das Ende Oktober. Hier aber will ich gerade wieder sofort raus.

Der Bus fährt durch die Stadt, der Cité entgegen. An jeder Haltestelle rechne ich damit, dass ich aussteigen muss. Hatte Georges nicht gesagt, Carcassonne sei schön? Der Bus biegt nach rechts um eine Ecke. Vor meinen Augen öffnet sich die Mauer aus Häuserfassaden und im Licht der in der Abenddämmerung begriffenen Sonne erstrahlen hoch oben auf einem Hügel Türme, Erker hinter einer steinernen Mauer: Die Cité von Carcassonne.

Sie sieht ein bisschen aus wie das Dornröschenschloss aus Disneyland. Nicht ganz, aber etwas – als gehöre diese Stadt nicht hierher. Angeblich war Walt Disney tatsächlich von der Cité de Carcassonne inspiriert als er das Schloss zeichnete. Sie ist die älteste erhaltene Mittelalterstadt der Welt und ich werde die nächsten drei Tage dort wohnen.

Der Bus hält direkt vor dem Eingangstor der Cité. Von einem Stadtplan weiß ich etwa wie ich zur Jugendherberge laufen muss: Immer geradeaus und irgendwann nach links. Ich habe Glück: Trotz meiner Verspätung komme ich immer noch rechtzeitig zum Einchecken. Ich teile das Zimmer mit jemand anderem. Ihre Sachen hängen um ihr Bett. Die Flurfenster bieten einen tollen Ausblick über die Dächer von Carcassonne und wieder meldet sich mein Magen.

Ich ziehe los und stelle schnell fest, dass ein billiges Abendessen aus dem Supermarkt nicht drin ist: In der Cité gibt es keinen. Es gibt Restaurants, in denen man teure Menüs bestellen kann und es gibt Imbissbuden, die schon geschlossen haben, weil es ja Abend ist.

Die Cité im Rücken suche ich mir einen Weg in die Stadt. Irgendwo unterwegs wird es schon soetwas wie einen Supermarkt geben. Den ersten lasse ich erst einmal beiseite. Ich will in die Stadt. Schilder gibt es hier nur für Autos und so folge ich ihnen. Hinter mir geht die Sonne über der Stadt unter. Ich habe meinen Herbstmantel angezogen und die schwarze Baskenmütze tief ins Gesicht gezogen.

Diese Häuserfassaden gehen mir nicht aus dem Kopf: Wie gesagt, sie waren bisher alle nicht sonderlich schön, aber so? Etwas ist anders. Ich weiß nicht, ob es diese Stadt ist, die ich nicht leiden kann, ob es an meinem Blutzuckerspiegel liegt, der momentan im Keller liegt und mir nur ein saftiges Steak als Schönheit erscheinen lässt, oder ob mir nach zwei Wochen in Frankreich dieser Stil des Heruntergekommenen auf die Nerven geht. Wahrscheinlich ist es eine Kombination aus allem: Der Verkehr brüllt, es ist laut und von den Abgasen sehen die Häuser noch schlimmer aus. Charme hat diese Stadt keinen.

Ich merke es wieder: Mit Supermärkten ist es in Frankreich ziemlich schlecht bestellt: In den Städten und Dörfern gibt es eher Läden, die nach der Größe, eher an Tante-Emma-Läden erinnern. Sie sind klein, haben ein paar kleine Regale mit Lebensmitteln, eine Kühltruhe, vielleicht eine Tiefkühltruhe und einen Stand mit Obst und Gemüse. Wirklich viel Auswahl gibt es zwar nicht. Hungrig bleibt hier aber niemand. Die größeren Supermärkte oder sogar Hypermärkte liegen außerhalb der Städte und sind nur mit dem Auto zu erreichen.

Dass ich nicht gleich den ersten dieser Tante-Emma-Läden aufgesucht habe, der mir auf dem Weg lag, stellt sich gleich als Fehler heraus. In der Dunkelheit (mittlerweile wird es sehr früh dunkel und das schnell) kommt es mir in den verlassenen Straßen vor, als sei es mitten in der Nacht. Dabei ist es nicht einmal sieben Uhr am Abend. Je länger ich gehe, desto stärker überlege ich, nicht doch bei einem Imbiss zu halten und mir eine Portion Pommes Frites zu genehmigen (Ich gebe zu, die Speisekarte des Rucksackreisenden ist stark begrenzt vor allem durch die begrenzte Reisekasse).

Zu meinem Hunger hat sich jetzt noch Trotz gesellt: Ich habe keine Lust, etwas mitzunehmen und unterwegs zu essen und zum hinsetzen ist es in diesen Imbissbuden auch nicht gemütlich genug. Außerdem will ich jetzt keine ungesunden Fritten, sondern lieber ein Baguette, etwas Käse und etwas Obst. Der Laden dafür ist weit und breit nicht zu sehen und so laufe ich weiter, immer der Route hinterher, von der ich annehme, dass sie der Bus vorhin gefahren ist.

Langsam verliere ich die Geduld. Hinter jeder Biegung versprechen neue bunte Bilder die Erfüllung meiner kulinarischen Wünsche und jedes Mal zerplatzen die Hoffnungen wie Seifenblasen. Es scheint fast so, als lebte man hier nicht an großen Straßen – ein Habitus, den ich durchaus nachvollziehen kann. Wo in Deutschland die Supermärkte aber meist dort zu finden sind, scheinen sich die Lebensmittelläden in Frankreich in kleinen verwinkelten Straßen zu verstecken. Die findet man kaum, wenn man nicht weiß wo sie sind oder zufällig über ein Hinweisschild stolpert.

Ich habe auch keine Lust, nach ihnen zu suchen, und mich in den Gassen zu verlaufen. Zu alldem ist es kalt und der Wind pfeift. Trotzdem laufe ich weiter. Ich befinde mich wieder in diesem Zustand, der mich ein Bein vor das andere setzen lässt, ohne darüber nachzudenken. Ich sehe plötzlich Schienen. Hier muss bald der Bahnhof sein und tatsächlich: Schräg vor mir zeigt er sich plötzlich, mitten aus dem Dunkel. Ich höre die Ansage auf dem Bahnsteig. Hinter einer Unterführung erkenne ich, wo ich vor ein paar Stunden aus dem Zug gestiegen bin und finde die Innenstadt.

Ohne länger zu suchen steuere ich dann aber doch ein Restaurant einer weltweiten Kette an. Ich schreibe das deshalb, weil mir an diesem Restaurant etwas interessant vorkommt. Gleich am Eingang empfängt mich eine junge Frau in der für die Kette typischen Uniform. Sie fragt mich was ich essen möchte. Ich suche mir ein Menü aus und bestelle es bei ihr. Sie nennt eine Zahl. Aha! Ich warte also, bis ich aufgerufen werde. Also setze ich mich an einen Tisch. Das Restaurant ist fast leer. Nach einer Weile habe ich vom Warten genug. Ich gehe an die Theke. Die junge Frau dahinter fragt mich nach meiner Nummer. Ich sage sie ihr, gebe ihr den Bon, den ich für meine Bestellung bekommen habe und habe kurz danach mein Tablett in der Hand.

03.11.2009 Wieder unterwegs

Ich stelle fest, dass ich mich langsam hier heimisch fühle. Mit «hier» meine ich Rivesaltes. Ich stelle auch fest, dass mir das immer dann passiert, wenn ich ein paar Tage am gleichen Ort zugebracht habe. Das Gefühl, das mich nach dieser Zeit erfasst, ist eine Mischung aus Trägheit und Rastlosigkeit. Hier bin ich schon einen Tag länger geblieben als in den anderen beiden Städten und länger als eigentlich gedacht war. Aber so ist das mit Plänen Reisender: Sie wechseln wie der Wind die Richtung. Mein Wind bläst aber konstant von den Bergen. Er ist kalt.

Als Nicolette gestern Abend zu mir in Morganes Büro gekommen war, um sich zu verabschieden, lief alles ganz schnell: Plötzlich konnte ich es nicht mehr erwarten, in diesen Zug zu steigen und in die nächste Stadt zu fahren. Ich habe für dieses Mal keine Couch gefunden und werde in einer Jugendherberge übernachten müssen. Besser als unter der Brücke ist das allemal, wenn es auch die Reisekasse ein wenig stärker strapaziert. Dafür ist sie aber auch sicherer. Zudem liegt die Herberge mitten in der mittelalterlichen Cité de Carcassonne, der Hauptattraktion der Stadt und der Grund, weshalb ich dort hin fahre. Und was die Reisekasse angeht, besteht ja noch die Möglichkeit, es Rod Steward gleichzutun und Straßenmusiker zu werden.

Ehe ich mich versehe, ist die Reise geplant: Ich buche ein Bett mit Frühstück und bin einmal mehr froh, mir für diese Reise etwas Plastikgeld eingepackt zu haben. Ein Frühstück zur Übernachtung ist hier übrigens nicht üblich, wie es zuhause der Fall ist, obwohl das Frühstück sicher die günstigste Mahlzeit ist, die man hier einnehmen kann: ein Café und ein Croissant oder Milchbrötchen, fertig. Allerdings ist der Café hier, in der Nähe der spanischen Grenze, ein wenig enttäuschend klein. Es ist schon eher ein Espresso. In der Jugendherberge gibt es glücklicherweise ein Frühstück. Wie viel Glück das ist, soll ich aber erst später erfahren. Ich suche mir den Weg vom Bahnhof zur Jugendherberge heraus und der Trip ist geplant. Jetzt stehe ich hier, an diesem verlassenen Bahnsteig, an dem alle zwei Stunden ein Zug hält, wenn man Glück hat, und warte auf meinen.

Ich hätte vielleicht auch noch da bleiben können, Morgane und die anderen weiter bekochen können. Aber irgendwann wird es Zeit, zu gehen. Spätestens wenn die Koffer gepackt sind und alles wieder so hinein gepasst hat, wie noch vor zwei Wochen, will ich los. Weiter ziehen. Ich fühle den kalten Wind aus den Bergen in meinem Nacken und höre dazu wieder einmal Keith Richard an der Gitarre und Bob Dylan an der Mundharmonika und zwischendurch singt er: «How does it feel? How does it feel to be on your own with no direction home. Just like a rolling stone.»