26.10.2009 Dingle ist ein Ort im Süden Irlands VII

Maureen kommt dazu und bringt Käse, Wurst und Brot. Sie habe angefangen Tin Pipe zu spielen als es ihr Enkel in der Schule lernen musste aber nicht wollte. (Ich erinnere mich an meine Schulzeit und den Blockflötenunterricht.) Sie habe ihn damit anspornen wollen, indem sie ihm sagte, sie wolle es selbst lernen. An Weihnachten lag eine Blechflöte unter dem Weihnachtsbaum, dazu habe sie fünf Unterrichtsstunden bekommen. Über zwei Jahre ist das her und sie spielt immer noch.

Maureen und Noel erzählen von Irland. Sie erzählen von den irischen Pubs, in denen es immer Live-Musik gibt. Man geht in einen Pub um ein Bier zu trinken oder um Musik zu machen. Jeder kann mitspielen.

Wir sitzen auf ihrer Terrasse in der Sonne. Nach dem langen Marsch bin ich mir sicher, dass ich am Ende dieses Tages ein verbranntes Gesicht haben werde. Ich mache mir nichts daraus. Dann sei es eben so.

In Irland lebt ein Delfin. Dingle heißt der Ort, der dank dieses Delfins eine Touristenattraktion geworden ist. Noel erzählt die Geschichte: Der Delfin heißt «Fungi» und ist wohl der berühmteste Einwohner der Stadt. Wie auch die Stadt, weiß niemand, woher er kam, und warum. Eines Tages im Jahr 1984 war er dann da und lebt seitdem vor der Küste. Fischer unternehmen regelmäßig Ausflüge zu Fungi und am Hafen ist sogar ein Denkmal errichtet worden. Ich lache. Die Geschichte ist tatsächlich drollig. Sollte ich nach Frankreich vielleicht einfach nach Irland gehen?

Ich verspreche, ihnen zu schreiben, wie es mir weiter ergangen ist auf meiner Reise. Ich verspreche, mich zu melden, wenn ich jemals nach Dublin komme – ein Versprechen, dass ich vorhabe einzuhalten (ob ist ja keine Frage, und ich zweifle daran, dass es noch lange dauern wird, bis ich nach Irland fahre und mir Dublin ansehe). Wir können uns treffen und einen Tee trinken. Ich freue mich schon jetzt darauf. Wir trinken noch Tee und machen Fotos von uns. Dann verabschiede ich mich von Noel. Maureen führt mich noch an den Strand und zeigt mir die Bushaltestelle, von der ich zwei Stunden den letzten Bus nehmen werde, zurück nach Narbonne.

«Should you miss it, please don’t mind to come back to our house and you can stay for the night.»

Vor dem Strand verabschiede ich mich auch von Maureen. Sie geht, die Sonne im Rücken, zurück in ihr Ferienhaus. Ich gehe an den Strand.

Draußen fährt ein Boot mit einem großen weißen Segel. Die Menschen spielen, gehen spazieren und amüsieren sich. Mitten auf dem Sand steht ein Fahnenmast, der auf einem Betonsockel aufgepflanzt ist. Das ist nun mein Platz.

Ich lege die Tasche mit Maggie in den Sand, hole Maggie heraus und stimme sie. Maggie auf dem Schoß blicke ich aufs Meer: Irgendwo da hinten ist Afrika, denke ich mir, dem weißen Segel hinterhersehend und greife in die Saiten. Ich spiele Afrika ein Hallelujah von Jeff Buckley und die Schwingungen des Nylons pflanzen sich in meinen Bauch fort.

Mir fällt auf, dass ich kaum an meinen Freund denke, dass ich seit meiner Abreise kaum mehr an ihn gedacht habe, es aber trotzdem schön finde, wenn er anruft. Ich denke an einen anderen, spiele gen Afrika und wünsche mir im rosanen Abendhimmel, er sei hier. Wäre er ein Zimmermann und ich eine Dame, ich würde ihn heiraten. Ich würde meine bunten Blusen und die Schuhpolitur vermissen, wenn er ein Müller wäre. Es tut mir weh, an ihn zu denken, aber ich tue es trotzdem um zu sehen, ob ich überhaupt noch etwas fühle. Wahrscheinlich war das auch der Grund für meine Reise. Ich denke an diesen Mann, der nicht mein Freund ist. Ich bin verliebt. Ich spiele Hallelujah bis die Sonne untergeht.

26.10.2009 Dingle ist ein Ort im Süden Irlands VI

Maureen und Noel haben ein Ferienhaus in Narbonne Plage. Fünf Wochen haben sie jetzt hier verbracht. Seit sie in Rente sind, verbringen sie im Jahr mehrere Monate hier. Übermorgen geht es zurück nach Dublin. Während Maureen in der kleinen Küche etwas zu essen vorbereitet sitze ich mit Noel auf der Terrasse und höre ihm zu. Er erzählt von Irland. Ich war noch nie da, will aber unbedingt bald auf die grüne Insel. Noel pflichtet mir bei, dass ich das unbedingt bald machen sollte.

Ich erzähle ihm, dass ich aus Mannheim komme. Er kennt Mannheim von seiner Arbeit her. Er war dort früher häufiger auf Geschäftsreise. Mir fällt natürlich ein, mit welcher Mannheimer Firma er da zu tun gehabt haben könnte. So viele Ölfirmen gibt es in Mannheim ja nicht. Auch Heidelberg ist ihm ein Begriff. (Ehrlich gesagt wundert es mich, dass er etwas mit Mannheim anfangen kann, denn meistens erkläre ich Mannheim immer als Nachbarstadt zu Mannheim.) Sie beide waren erst vor Kurzem dort gewesen, von hier aus.

Wir unterhalten uns über die Gitarre. Noel hat auch angefangen zu spielen, aber er sei ein schlechter Schüler versichert er mir. Sein Enkel spiele sehr viel besser als er. Ich erzähle ihm, wie ich erst vor Kurzem zu Maggie gekommen war, denn ich spiele erst seit ein paar Monaten.

Es war während meiner Abschlussprüfungen. Meine beste Freundin war für einige Zeit unterwegs und hatte mich gebeten, mich um ihre Hamster zu kümmern. Ich wohnte während der Zeit in ihrem Zimmer in einer WG in Mannheim. Ich saß meistens in der Küche um zu lesen und zu lernen.

Ich bewunderte insgeheim ihren Mitbewohner. Er spielte Gitarre. Ein Prachtexemplar von Western Halbakustik. Eine Höfner. Wenn er abends in seinem Zimmer spielte, hörte ich ihm von meinem Zimmer aus zu. Er spielte auch einfach so, aus Spaß. Ich sang dann meistens dazu.

Eines Tages dann hing sie plötzlich vor meiner Nase. Ich glaube, ich hatte sie damals schon «Pauley» benannt. Ich hatte irgendetwas in der Küche gewerkelt. Ich erinnere mich nicht mehr daran. Nur, dass plötzlich René im Zimmer stand und spielte, nach einer bestimmten Zeit auf die Uhr sah, feststellte, es sei Zeit für ihn zu gehen.

«Hier.»

Ich war schon versucht, die kleine wieder in ihren Koffer zu legen, als mir die Absurdität dieser Idee auffiel.

«Was soll ich damit?»

«Spielen!»

Ich muss ihn angesehen haben wie ein Auto, zumindest gab ich mir Mühe, ihn so anzusehen.

«Ich kann nicht spielen.»

Eine halbe Stunde später hatte ich von der anderen Mitbewohnerin ein Songbook bekommen und mühte mich damit ab, «Sailing» von Rod Steward zu spielen, besser gesagt, mit dem F-Dur Akkord. Eine Viertel Stunde später hatte ich es auf Renés Anraten aufgegeben und übte mich nun an “Knocking on Heaven’s Door” von Bob Dylan, und wer dieses Lied alles gecovert hat.

Der Rest ist Geschichte: Abend für Abend saß ich nach dem Lernen in der Küche und übte. Ich lernte Akkorde. Griff sie selbst noch im Halbschlaf, was zur Folge hatte, dass sie besser wurden. Ich suchte mir andere Lieder zum Spielen. Lernte, dass man unterschiedliche Saiten schlagen kann und ich lernte, was Bryan Adams meinte als er in «Summer of Sixty-Nine» sang «played until my fingers bled.» Einige Wochen später sah ich Maggie in einer Anzeige und gab schließlich ein zehntel meiner Reiseersparnisse für sie aus. Voilà! Seitdem mag ich sie nicht mehr aus der Hand legen.