05.11.2009 – What a Difference an „a“ makes…

Die meisten Besucher des Café de la Comédie sind schon gegangen. Unter ihnen haben auch die meisten Besucher des Café Poésie den Heimweg angetreten. Ich bleibe und höre den Gitarren zu und dem französischen Hugh Grant, der da auf seinem Barhocker sitzt und gemeinsam mit seinem Freund ihre Chansons singt. Eines Tages will auch ich so spielen können. Dann ist das Konzert aus. Schluss für heute. Die Musiker sind müde.

Ich gehe an die Bar, herunter von dieser Empore, ein paar Stufen. Ich will meinen Café bezahlen. Es ist schon spät. Ich muss morgen früh aufstehen, auschecken aus der Jugendherberge und meinen Zug nach Castres bekommen. Der Kellner steht an der Bar und unterhält sich mit Hugh Grant.

Habe ich gestern, bei dem Café Philo von ihm geschrieben? Ich glaube nicht. Wieso sollte ich auch von ihm geschrieben haben? Es bestand kein Grund dazu. Er hat mir schon gestern gefallen, ja. Aber wert, über ihn zu schreiben, war er mir gestern nicht. Heute ist das anders. Heute schreibe ich über ihn, weil er eine Geschichte hat, weil er eine Rolle in meiner Geschichte spielt. Sie werden gleich sehen warum. Insgeheim hatte ich gehofft, ihn wieder hier zu treffen. Schon als ich heute Abend hierher gekommen bin, habe ich ihn gesehen. Ich habe ihn wiedererkannt. Ich lächle ihn an. Ich habe gestern meinen Tee bei ihm bezahlt, daher weiß er, dass ich Deutsche bin. Dass er wieder da ist, gefällt mir. Er gefällt mir.

Er fragt, ob ich etwas essen möchte. Er fragt auf Französisch. Deutsch spricht er nicht, aber er hat Verwandte in Deutschland, auch das hat er mir gestern Abend gesagt. Ich sage «Danke.» Essen wolle ich nichts.

«Nur zusehen?»

«Ja, nur zusehen. Und etwas trinken.»

Er weist mir den Weg nach oben, zum Podium. Den kenne ich schon von gestern, aber ich lasse ihn. Er sieht sich nach einem Platz für mich um. Die Tische an den rot-ledern gepolsterten Sitzbänken, die sich an der Wand entlang schlängeln, sind voll besetzt. Alles Poeten und deren Entourage an Zuhörern, denke ich. Sie alle haben schon bestellt, essen, trinken. Oh ja! Die Franzosen wissen zu speisen und das Leben zu genießen.

«In der Mitte ist der beste Platz, wenn nachher das Spectacle beginnt.»

Ich «installiere mich».

Ich bleibe lange ohne ein Getränk. Auch als die Poesie-Runde schon lange angefangen hat, habe ich nichts zu trinken. Um mich herum laufen die Kellner, servieren Salate, Entrcôtes, Wein und Desserts. Natürlich könnte ich einen von ihnen ansprechen und etwas bestellen, aber ich will bei ihm bestellen.

Er dreht sich von hinten zu mir herum und ich bestelle einen Café au Lait. Ich habe gestern gesehen, wie er serviert wird: In einer großen Schale mit etwas Milchschaum. Die Tasse wird vor dem Gast abgesetzt und der Café mit heißer Milch vor ihm aufgegossen. Ich möchte das auch von ihm. Als der Café an meinen Tisch gebracht wird, bin ich enttäuscht. Eine Kellnerin bringt ihn. Er ist an der Bar beschäftigt.

Der Abend gefällt mir. Die Gitarristen spielen bis nach Mitternacht.

«Kannst du das?»

Einer fängt an, singt. Der andere stimmt mit einer Improvisation ein. Nur durchs Hören. Der Abend ist großartig.

Mit meinem Ticket gehe ich zur Bar. Ich möchte bezahlen. Es ist kurz nach zwölf. Er sagt, er habe gleich Feierabend, wenn die letzten Gäste gegangen sind. Das sind wir. Er fragt wo ich wohne.

«In der Cité.»

«Und wie kommen Sie jetzt noch dorthin?»

«Na zu Fuß. Ich laufe.»

Er widerspricht mir. Er hat etwas dagegen, mich alleine zu dieser späten Stunde in die Cité laufen zu lassen. Es würde ihn freuen, mich zur Cité zu begleiten.

Ich lächle und sage «Danke. Mit Vergnügen.» Ich habe nichts gegen Gesellschaft wenn ich nachts nach hause laufe. Dazu gefällt es mir. Also nehme ich sein Angebot an.

Draußen regnet es. Ein Mann, vermutlich ein Soldat, schleicht durch die leere Einkaufspassage und murmelt etwas auf Französisch. Er sucht wohl Deckung vor dem Feind. Ein Betrunkener schleicht durch die Straßen. Alleine könnte ich jetzt Angst bekommen. Ich habe aber nichts zu befürchten.

Wir unterhalten uns. Er heißt Sebastien und ist in Marseille geboren. Er hat eine Schwester und einen Hund. Als Jugendlicher hat er seine Passion für das Barkeeperhandwerk entdeckt. Er sieht gar nicht aus wie ein Barkeeper, sage ich. Ich weiß nicht, wie er aussieht. Ich erzähle von mir. Oft kämpfe ich um jedes einzelne Wort, das mir nicht einfallen will. Darüber muss er lachen.

Worüber wir uns auf dem Weg unterhalten, weiß ich nicht mehr. Wir überqueren die Pont Neuf zum Stadtteil am Fuße der Cité. Es heißt «Trinquelle». Über unseren Köpfen erheben sich die leuchtenden Mauern der Cité. Sie werden nachts von Scheinwerfern angestrahlt.

Wir gehen über die Aude. Er erzählt mir von dem Fluss, von der Cité. Wir sind mittlerweile in Trinquelle. Er wirkt etwas aufgeregt. Ich versuche, meine Aufregung zu verbergen. Fröhlich. Er freut sich über meine Gesellschaft, wie ich erfreut bin über die seine. Ich bin wie trunken, lache viel. Er lacht auch, aber nicht so.

An der Porte Narbonnaise verabschiede ich mich von ihm. Er sei schön gewesen, unser nächtlicher Spaziergang. Es sei spät. Auch er müsse nach hause. Erst jetzt fällt mir auf, dass wir Vollmond haben. Seine Augen glitzern mit dem Mondlicht auf der Aude um die Wette. Ich bewege mich auf ihn zu, um ihm eine Bise zu geben und plötzlich stehen wir in der Porte Narbonnaise und küssen uns. Unsere Lippen treffen sich eine auf die andere. Keine Bise. Ich greife seine Hand, erwiedere den Kuss. Die Münder geöffnet, schlingen sich unsere Zungen umeinander. Dort, im Dunkeln der Mundhöhlen, die jetzt eine sind, nehmen unsere Zungen unsere Körper vorweg. Es ist erst das Vorspiel dessen, was gleich passieren wird. In einer Nische in der Porte Narbonnaise stehen wir und küssen uns. Der kalte Wind aus der Montagne Noir kann uns nichts anhaben. Und dort, in der Porte Narbonnaise, beschließen auch unsere Körper, es unseren Zungen gleich zu tun.

Ich erkläre ihm, dass ich mein Herbergszimmer teile und morgen früh abreise. Er bietet mir an, bei ihm zu bleiben. Er habe ein Auto und würde mich morgen früh in die Jugendherberge fahren, um meine Sachen zu packen und auszuchecken. Wenn ich will, würde er mich auch nach Castres fahren, mein Zugticket kann ich morgen zurückgeben.


05.11.2009 – Dans un nuage poupre

Das Café Poésie betrete ich nicht ohne mich vorher aufzubrezeln: Haare kämmen, Pferdeschwanz, Schminke – fertig. Ich bin eitel und mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. In Anbetracht dessen, dass ich meine Habe in Taschen mit mir herum schleppe, ziemlich gut sogar. Der eisige Wind und der Regen machen den Aufwand zunichte als ich von der Cité wieder in die Innenstadt wandere, zum Café Comédie, in dem das Café Poésie heute Abend stattfindet.

In dem Aushang am Café war von «Gitarristen» die Rede gewesen. Ich hätte Maggie zu gerne mitgenommen, es dann aber doch wieder verworfen. Ich bin noch nicht gut genug.

Die Dame mit den trockenen Lippen und der überdeutlichen Aussprache ist heute Abend nicht dabei. Es sind viele neue Gesichter. Vor allem ältere. Sie sind bereits vor Stunden gekommen, haben sich das «Menu Poésie» schmecken lassen und sitzen nun rechts und links der Bühne an der Wand. Franzosen lieben es, zu essen. Am günstigsten ist meistens ein Menü, meist mit drei Gängen.

Ich nehme an einem Tisch in der Mitte des Raumes Platz: ganz nah an der Bühne, an einem kleinen runden Bistro-Tisch, auf den kaum eine Kaffeetasse Platz hat. Noch rennen überall Kellner umher, tragen Teller und Gläser umher. Ich erkenne den Kellner von gestern Abend. Er ist wieder hier. Ich weiß nicht, ob ich etwas bestellen möchte. Ich bestelle nichts. Niemand fragt mich. Den Blicken der Kellner weiche ich aus, deshalb fragt auch niemand.

Ich hole mein Buch heraus und fange an, zu schreiben, bis das Café Poésie anfängt. Eine alte Dame kommt auf mich zu und spricht mich an. Sie habe mich schon einmal gesehen. Wo? Frage ich sie. Letztes Jahr sei das gewesen, hier in Carcassonne, in diesem Café. Ich hätte mich gerne an sie erinnert, doch ich bin zum ersten Mal in diesem Café, in dieser Stadt.

Die Bühne ist nicht sonderlich groß. Im Grunde genommen existiert sie gar nicht: Ein Mikrophon, zwei Barhocker und am Rand stehen ein paar Gitarren. Eine Frau geht zum Mikrophon: Sie ist klein, untersetzt und in ihrem weißen Zopfpullover herrlich unglamourös für diesen Abend. Das Café Poésie wird bei Radio Marseillette live übertragen und wer im Radio kümmert sich schon darum, wie der Moderator aussieht?

Französische Lyrik hat mit französischer Sprache nichts zu tun. Vielleicht teilen sie sich die Vokabeln. Die Syntax und die Bilder aber erscheinen aufgelöst wie in einem expressionistischen Gemälde. Ich verstehe kaum ein Wort. Ich bemerke nur das große Entsetzen an einer Stelle und erinnere mich, das Wort «putain» – Hure – gehört zu haben. Es hört sich so hübsch an. Ich liebe die französische Sprache: Man kann sich die derbsten Schimpfwörter an den Kopf werfen, es wird nie so klingen. Es wird immer nur wunderschön sein. So wie die Gedichte, die ich nicht verstehe. Ich verstehe aber die Gitarristen, die ihre eigenen Kompositionen vortragen. Den einen nenne ich «Hugh Grant». Er heißt «Erwens» Dabei sprechen die Franzosen den Namen «Eruhäns» aus. An den Namen seines Kollegen erinnere ich mich nicht, obwohl er ein sehr schönes Lied über die Prinzessinnenkatze seiner Tochter, ein Angora, geschrieben hat.

Ich erinnere mich an die Texte. Nicht an deren Inhalt, aber an die Texte. Französische Poesie versteht sich eher schlecht, aber sie klingt. Sie klingt nach einem Rausch, nach eine Sprachwolke aus Rosarot. Wie soll ich es anders beschreiben? In einem Gedicht fällt plötzlich das Wort «putain». «Uff!» macht es überall um mich herum und «uiuiui!». «Putain» heißt «Hure», «Schlampe», «Prostituierte».

Sind die Südfranzosen jetzt so unglaublich freundlich, dass sie so empört auf dieses Wort antworten, das zu den schlimmsten Fluchwörtern in der Sprache zählt? Oder wollen sie einfach keine Prostituierten in ihrer Mitte haben, und stoßen das Wort deshalb mit einem lauten «ohlala!» von sich?

Berauscht von den Gedichten und der Musik der Sprache, dem Klang der Gitarren, vergesse ich die Zeit. Längst sind alle Gedichte gelesen. Niemand will mehr etwas vortragen. Nur Hugh Grant und sein Kollege begleiten sich gegenseitig improvisierend auf ihren Gitarren zu den Liedern des anderen. Morgen fahre ich weiter, nach Castres. Mein Zug fährt früh und ich muss früh aufstehen, um auszuchecken. Also will ich nicht so lange bleiben und bleibe dann doch bis Hugh und sein Freund die Instrumente einpacken und der letzte Gast sich noch am Thresen mit dem Kellner von gestern Abend unterhält. Ich bleibe bis zum Schluss.