11.11.2009 – Aufgewacht

Ich kann die Uhrzeit auf meinem Handy kaum entziffern. Meine Augen sind vor Tränen noch ganz verklebt. Ich muss sie wegwischen, wenn ich etwas erkennen will. Halb vier am Morgen. Die Zahlen auf dem Display brennen sich in meine Netzhäute. Weiterlesen

22.10.2009 Was zum Geier hab ich hier eigentlich zu suchen? I

Der erste Tag in einer fremden Stadt, in einem fremden Land ist so ziemlich das Irrealste, was ich mir vorstellen kann. Ich wache auf als Kumars Wecker klingelt. Als er aus dem Haus geht, schlafe ich weiter. Ich wache auf. Die Sonne scheint durch das Zimmerfenster. Ich kann nicht aufstehen. Ich bin aber nicht mehr müde. Ich kann nicht aufstehen, weil ich Angst habe. Ich habe Angst vor dem, was draußen ist, hinter dem Fenster, im Sonnenlicht. Ich werde mir über meine Absichten hier im Klaren: Job finden, Zimmer finden. Das hilft, ich stehe auf.

Da ich nicht weiß, was ich in der Küche benutzen darf und was nicht, gehe ich auf meiner Suche nach dem Frühstück nach draußen. In dem Haus, in dem Kumar wohnt, habe ich Angst, zu fest an den Türklinken zu ziehen; sie hängen lose aus den Türen. Ich befürchte, mich einsperren zu können. Überhaupt stelle ich fest, dass die Häuser hier zwar sehr schön, aber nicht sonderlich gut in Schuss sind. Das gibt ihnen einen gewissen Charme. Würde es alles neu aussehen, läge ein Hauch von Künstlichkeit über den Häusern und über der Stadt. Doch da man sich hier nicht sonderlich um sein Haus kümmert, hat man auch Probleme. Bei Kumars Freundin, Bev, bei der wir gestern waren, regnet es in die Wohnung herein. Zwar kommt das nicht häufig vor, weil es in Montpellier kaum regnet, weil es hier an den meisten Tagen nicht einmal Wolken am Himmel sind. Gestern Abend aber hat es geregnet. Um ihre Steckdosen und Lichtschalter, also die Elektrik im Haus vor einem Kurzschluss zu bewahren, hatte Bev über den Steckdosen und Lichtschaltern Küchenhandtücher mit Tesafilm befestigt.

« You go this direction, you find a boulangerie. They’re very good. » Hatte Kumar mir gestern Abend noch erklärt und dabei in seinem Zimmer mit dem Arm in eine Richtung gewiesen. Ich kann nichts damit anfangen: Im Zimmer seiend kann ich mich nicht auf Richtungen draußen konzentrieren. Also laufe ich die Avenue d’Assass in der Richtung entlang, in die ich denke, die Kumar gewiesen hatte. Ich treffe auf so ziemlich alles: Verwunschene kleine Häuschen, die über und über mit Pflanzen überwuchert sind, und in denen « Chambres d’Hôtes » angeboten werden. Die Straße ist gesäumt von Platanen und es ist noch ein wenig frisch. Doch langsam wird es wärmer, fast sommerlich. Einen Bäcker finde ich aber nicht.

Ich beschließe umzukehren und verfluche schon fast die Stadt und mich für meine dämliche Idee einen auf Selbstfindungstrip machen zu müssen. Et voilà: Hier bin ich in Montpellier, weit weg von zuhause und finde nichts zu Frühstücken (wer mich näher kennt, wird an dieser Stelle vielleicht in lautes Lachen ausbrechen, ich werde aber nicht erklären, wieso). Am Ausgangspunkt meiner Frühstücksodyssee treffe ich schließlich auf « Paul », eine Bäckereikette in Frankreich. Ich hätte mir den Weg und den Ärger ersparen können. So weiß ich wenigstens, wo ich in den nächsten Tagen mein Frühstück besorgen kann.

Ich stelle fest, dass ich nicht viel brauche, um morgens wach zu werden bzw. um die Evolutionsstufe vom Homo Sapiens zum Homo Sapiens Sapiens zu schaffen. Dazu braucht es vor allem Koffein, Teein und ein Croissant. Ich nehme meinen Kaffee, der hier unten eher nach einem Espresso aussieht und mein Pain au Chocolat (in Deutschland ist das ein Schokocroissant und in den Pyrenäen eine Chocolatine) und setze mich an einen der ausnahmslos verlassenen Tische des Cafés.

Hier, inmitten der Menschen, die kaum etwas anderes als Französisch verstehen, fühle ich mich wie eine Fremde. Das liegt natürlich daran, dass ich hier fremd bin, aber das Gefühl ist ein etwas anderes. Ich bin nicht daran gewohnt, Französisch zu sprechen. Ich habe Angst. Angst davor, Fehler zu machen. Angst davor, man könne mir meine Fremdheit anmerken. Wenn ich reise möchte ich in meine neue Umgebung eintauchen, eine neue Identität annehmen, in sie hineinschlüpfen wie in ein maßgeschneidertes Kleid. Ich möchte wissen wie es ist, Französin zu sein. Wie es sich lebt. Doch ich habe Angst, einen Fehler zu machen und verhaspele mich, ich vergesse alle Höflichkeitsfloskeln und muss ungeheuer ungehobelt wirken.

Angst und Unsicherheit machen sich in mir breit. Ich habe nicht schlecht Lust, mir eine Fahrkarte nach Hause zu kaufen und mich in den nächsten Zug zu setzen. Ich streiche diesen Gedanken aus meinem Kopf. Ich würde nicht nur vor meiner Familie und meinen Freunden als Versagerin dastehen, sondern auch (und das ist das schlimmste) mir selbst Vorwürfe machen, mal wieder den sprichwörtlichen Schwanz eingezogen zu haben. Ich befinde mich in einem Dilemma. Die fremde Welt da draußen kommt mir unheimlich, ja unwirtlich und ungastlich vor.

Ich gehe nicht zurück, zumindest jetzt noch nicht. Ich bleibe auch nicht, das steht bereits jetzt fest. Ich beschließe, zu reisen: Vielleicht eine Woche Montpellier und danach wer weiß? Carcassonne? Ich blättere im Reiseführer und suche mir neue Ziele aus. Es ist schwierig, irgendwo zu bleiben, wenn man keine Mission, keine Bestimmung an diesem Ort hat.