13.11.2009 – Nicht zurück gehen

CIMG4842Erschöpft von dem Spurt lasse ich mich auf eine Bank fallen. Es braucht ein paar Minuten, bis ich überhaupt etwas anderes höre, als das Pochen meines Herzens. Dann lausche ich in die Nacht. Was ist zu tun? Mein Gepäck steht noch in Felix’ Wohnung. Finde ich wieder dorthin? Weiterlesen

13.11.2009 – Nur weg!

Wir wollen nicht nach hause. Ich will nicht nach hause. Ich will nicht dahin zurück, wo meine Taschen stehen. Ich würde nur dasitzen können, die Uhr anstarren, die Taschen, Sébastien und darauf warten, dass die Zeit ablaufen würde, und ich in zum Bahnhof gehen und in den Zug nach Bordeaux steigen kann. Weiterlesen

11.11.2009 – Hals- und Herzbruch

Der Bahnhof von Toulouse sieht immer noch genauso aus, wie ich ihn vor ein paar Tagen gesehen habe. Ich verlasse das Gebäude, in dem einmal mehr der Strom ausgefallen ist. Die Fahrkartenautomaten fahren sich zum fünften mal hoch, nur um dann wieder abzustürzen. Als ich das letzte Mal hier war, musste ich nach dem Eingang nach rechts zum Busbahnhof gehen. Heute gehe ich geradeaus. Weiterlesen

06.11.2009 – Was für ein tristes Loch!

Die Nacht war kurz: das Café Poésie, Sébastien. Der Wecker klingelt. Ich drehe mich um. Noch einmal einkuscheln, bevor wir aufstehen. Ich muss mein Zimmer bis zehn Uhr geräumt haben, sonst muss ich einen Tag länger bezahlen. Es gibt heißen Kaffee und Butterbrioche, die ich à la française in den Bol mit Kaffee tunke. Als ich mein Zimmer betrete, ist meine Zimmergenossin nicht da. Entweder sitzt sie noch beim Frühstück oder ist schon unterwegs. Meine Sachen sind schnell gepackt: der große Rucksack über die Schulter, die Reisetasche in die eine, Maggie in die andere Hand. Ich gehe nach unten. Ich checke aus.

Sebastien fährt mich an den Bahnhof. Ich habe beschlossen, doch mit dem Zug zu fahren. Nicht die komfortabelste Variante in diesem Fall, wie ich feststellen muss. Eineinhalb Stunden Zugfahren später steige ich in Toulouse um: in einen Bus. Nach weiteren eineinhalb Stunden spuckt mich der Bus in Castres aus. Es ist grau. Es ist kalt. Es ist trostlos. Ich habe noch ein paar Stunden bevor ich Geneviève und Franck treffe. Die beiden sind noch auf der Arbeit und dies war die einzige Verbindung, die nicht zu früh und nicht zu spät in Castres ankommt.

Der Bahnhof ist tot. Ich finde nichts, wo ich meine Sachen einschließen oder mir einen Kaffee besorgen kann. Nur ein Zeitungsladen hat geöffnet, der Süßigkeiten zu überteuerten Preisen verkauft. Also schleppe ich mein Gepäck zu der Bäckerei gegenüber, bestelle mir einen Kaffee und einen Éclairs. Ich bin wieder in der französischen Kleinstadt gelandet. Die Bäckerei stellt zwei Tische und Stühle zur Verfügung. Ich stelle meine Sachen erst einmal ab und bestelle mir dann einen doppelten Kaffee und einen Éclair au Chocolat. Ich habe nun einmal ein Faible für die französische Pâtisserie und die französischen Pâtissiers schaffen aus einfachen Kuchen kleine Kunstwerke, die zum Essen schon fast zu schade sind. Eigentlich will ich keinen Kaffee und keine Éclairs. Mir ist kalt und ich bin müde. Ich will ein Bett. Ich denke an heute früh, als ich bei Sébastien aufgewacht bin.

Die Bäckerei ist eine große Halle, die mehr improvisiert als geplant in einen Produktionsraum und einen Verkaufsraum aufgeteilt ist. Der Blick in die Backstube ist notdürftig mit Papierbahnen verhängt und eine der Verkäuferinnen, die Bäckerin oder die Frau des Bäckers hat ihre ganze Kreativität entfaltet und Fotos von Steinen mit Blumen an goldfarbenen Bändern an die Wand und vor die Papierbahnen geklebt. All das hilft nichts. Der Raum ist und bleibt trist.

Eine Schiebetür nach draußen öffnet bei Jedem, der auch nur an ihr vorbei geht. Die Tische und Stühle stehen direkt davor. Es zieht. So muss ich die nächsten zwei Stunden warten. Diese Stadt sei verflucht. Dazu dudelt ein Radio französische Chansons und Werbung. Normalerweise würde ich die Sprüche jetzt wiedergeben, aber ich bin einfach zu müde und unkonzentriert um zuzuhören. Also bleibe ich eine Stunde hier, bezahle und gehe wieder zum Bahnhof, um dort die restliche Stunde zu verbringen.

05.11.2009 – What a Difference an „a“ makes…

Die meisten Besucher des Café de la Comédie sind schon gegangen. Unter ihnen haben auch die meisten Besucher des Café Poésie den Heimweg angetreten. Ich bleibe und höre den Gitarren zu und dem französischen Hugh Grant, der da auf seinem Barhocker sitzt und gemeinsam mit seinem Freund ihre Chansons singt. Eines Tages will auch ich so spielen können. Dann ist das Konzert aus. Schluss für heute. Die Musiker sind müde.

Ich gehe an die Bar, herunter von dieser Empore, ein paar Stufen. Ich will meinen Café bezahlen. Es ist schon spät. Ich muss morgen früh aufstehen, auschecken aus der Jugendherberge und meinen Zug nach Castres bekommen. Der Kellner steht an der Bar und unterhält sich mit Hugh Grant.

Habe ich gestern, bei dem Café Philo von ihm geschrieben? Ich glaube nicht. Wieso sollte ich auch von ihm geschrieben haben? Es bestand kein Grund dazu. Er hat mir schon gestern gefallen, ja. Aber wert, über ihn zu schreiben, war er mir gestern nicht. Heute ist das anders. Heute schreibe ich über ihn, weil er eine Geschichte hat, weil er eine Rolle in meiner Geschichte spielt. Sie werden gleich sehen warum. Insgeheim hatte ich gehofft, ihn wieder hier zu treffen. Schon als ich heute Abend hierher gekommen bin, habe ich ihn gesehen. Ich habe ihn wiedererkannt. Ich lächle ihn an. Ich habe gestern meinen Tee bei ihm bezahlt, daher weiß er, dass ich Deutsche bin. Dass er wieder da ist, gefällt mir. Er gefällt mir.

Er fragt, ob ich etwas essen möchte. Er fragt auf Französisch. Deutsch spricht er nicht, aber er hat Verwandte in Deutschland, auch das hat er mir gestern Abend gesagt. Ich sage «Danke.» Essen wolle ich nichts.

«Nur zusehen?»

«Ja, nur zusehen. Und etwas trinken.»

Er weist mir den Weg nach oben, zum Podium. Den kenne ich schon von gestern, aber ich lasse ihn. Er sieht sich nach einem Platz für mich um. Die Tische an den rot-ledern gepolsterten Sitzbänken, die sich an der Wand entlang schlängeln, sind voll besetzt. Alles Poeten und deren Entourage an Zuhörern, denke ich. Sie alle haben schon bestellt, essen, trinken. Oh ja! Die Franzosen wissen zu speisen und das Leben zu genießen.

«In der Mitte ist der beste Platz, wenn nachher das Spectacle beginnt.»

Ich «installiere mich».

Ich bleibe lange ohne ein Getränk. Auch als die Poesie-Runde schon lange angefangen hat, habe ich nichts zu trinken. Um mich herum laufen die Kellner, servieren Salate, Entrcôtes, Wein und Desserts. Natürlich könnte ich einen von ihnen ansprechen und etwas bestellen, aber ich will bei ihm bestellen.

Er dreht sich von hinten zu mir herum und ich bestelle einen Café au Lait. Ich habe gestern gesehen, wie er serviert wird: In einer großen Schale mit etwas Milchschaum. Die Tasse wird vor dem Gast abgesetzt und der Café mit heißer Milch vor ihm aufgegossen. Ich möchte das auch von ihm. Als der Café an meinen Tisch gebracht wird, bin ich enttäuscht. Eine Kellnerin bringt ihn. Er ist an der Bar beschäftigt.

Der Abend gefällt mir. Die Gitarristen spielen bis nach Mitternacht.

«Kannst du das?»

Einer fängt an, singt. Der andere stimmt mit einer Improvisation ein. Nur durchs Hören. Der Abend ist großartig.

Mit meinem Ticket gehe ich zur Bar. Ich möchte bezahlen. Es ist kurz nach zwölf. Er sagt, er habe gleich Feierabend, wenn die letzten Gäste gegangen sind. Das sind wir. Er fragt wo ich wohne.

«In der Cité.»

«Und wie kommen Sie jetzt noch dorthin?»

«Na zu Fuß. Ich laufe.»

Er widerspricht mir. Er hat etwas dagegen, mich alleine zu dieser späten Stunde in die Cité laufen zu lassen. Es würde ihn freuen, mich zur Cité zu begleiten.

Ich lächle und sage «Danke. Mit Vergnügen.» Ich habe nichts gegen Gesellschaft wenn ich nachts nach hause laufe. Dazu gefällt es mir. Also nehme ich sein Angebot an.

Draußen regnet es. Ein Mann, vermutlich ein Soldat, schleicht durch die leere Einkaufspassage und murmelt etwas auf Französisch. Er sucht wohl Deckung vor dem Feind. Ein Betrunkener schleicht durch die Straßen. Alleine könnte ich jetzt Angst bekommen. Ich habe aber nichts zu befürchten.

Wir unterhalten uns. Er heißt Sebastien und ist in Marseille geboren. Er hat eine Schwester und einen Hund. Als Jugendlicher hat er seine Passion für das Barkeeperhandwerk entdeckt. Er sieht gar nicht aus wie ein Barkeeper, sage ich. Ich weiß nicht, wie er aussieht. Ich erzähle von mir. Oft kämpfe ich um jedes einzelne Wort, das mir nicht einfallen will. Darüber muss er lachen.

Worüber wir uns auf dem Weg unterhalten, weiß ich nicht mehr. Wir überqueren die Pont Neuf zum Stadtteil am Fuße der Cité. Es heißt «Trinquelle». Über unseren Köpfen erheben sich die leuchtenden Mauern der Cité. Sie werden nachts von Scheinwerfern angestrahlt.

Wir gehen über die Aude. Er erzählt mir von dem Fluss, von der Cité. Wir sind mittlerweile in Trinquelle. Er wirkt etwas aufgeregt. Ich versuche, meine Aufregung zu verbergen. Fröhlich. Er freut sich über meine Gesellschaft, wie ich erfreut bin über die seine. Ich bin wie trunken, lache viel. Er lacht auch, aber nicht so.

An der Porte Narbonnaise verabschiede ich mich von ihm. Er sei schön gewesen, unser nächtlicher Spaziergang. Es sei spät. Auch er müsse nach hause. Erst jetzt fällt mir auf, dass wir Vollmond haben. Seine Augen glitzern mit dem Mondlicht auf der Aude um die Wette. Ich bewege mich auf ihn zu, um ihm eine Bise zu geben und plötzlich stehen wir in der Porte Narbonnaise und küssen uns. Unsere Lippen treffen sich eine auf die andere. Keine Bise. Ich greife seine Hand, erwiedere den Kuss. Die Münder geöffnet, schlingen sich unsere Zungen umeinander. Dort, im Dunkeln der Mundhöhlen, die jetzt eine sind, nehmen unsere Zungen unsere Körper vorweg. Es ist erst das Vorspiel dessen, was gleich passieren wird. In einer Nische in der Porte Narbonnaise stehen wir und küssen uns. Der kalte Wind aus der Montagne Noir kann uns nichts anhaben. Und dort, in der Porte Narbonnaise, beschließen auch unsere Körper, es unseren Zungen gleich zu tun.

Ich erkläre ihm, dass ich mein Herbergszimmer teile und morgen früh abreise. Er bietet mir an, bei ihm zu bleiben. Er habe ein Auto und würde mich morgen früh in die Jugendherberge fahren, um meine Sachen zu packen und auszuchecken. Wenn ich will, würde er mich auch nach Castres fahren, mein Zugticket kann ich morgen zurückgeben.


03.11.2009 Aus Blau wird Grau

Am Horizont zeigt sich noch ein Zug. Meine Tasche und mein Rucksack hängen immer noch an mir. Ich habe sie nach dem letzten TGV nicht abgelegt. Die Zugmaschine zieht wieder an mir vorbei. Der Zug auch: Es ist ein Güterzug. Erst zwei Züge später hält einer. Es ist mein Zug nach Narbonne.

Unterwegs verabschiede ich mich von dem Meer. Ich weiß noch nicht, dass ich es hier zum letzten Mal sehe. Ich tausche das Meer gegen die Berge und als ich den ersten Schritt aus dem Zug auf den Bahnhof von Carcassonne mache, verfluche ich mich für diesen Tausch. Ich habe mich dafür schon gestern verflucht, nachdem ich auf dem Stadtplan gesehen habe, wohin ich mit meinen fünf Taschen vom Bahnhof aus muss – natürlich erst nachdem ich die Jugendherberge gebucht hatte.

Die überaus freundliche Demoiselle am Fahrkartenschalter der SNCF weiß nichts von einem Bus zur Cité oder einer Jugendherberge. Das Rondell, zu dem sie mich schickt und das sich «Office de Tourisme» nennt, hat natürlich geschlossen. Dazu ist heute nicht gerade der wärmste Tag.

Die Bushaltestelle liegt direkt dahinter, also praktisch vor der Nase der Demoiselle von der SNCF. Auch mein Bus fährt hier ab und es ist nicht die 2, wie auf der Webseite der Jugendherberge angegeben, sondern die 4. Teuer ist das Busfahren hier, wundere ich mich, als mir der Busfahrer den Preis für die Fahrt zur Cité nennt. Ich lege das Geld passend in den Münzteller, worauf er mich ungläubig ansieht und mir unerwartet mein Wechselgeld in die Hand drückt. Sein Akzent hatte nur € 5,20 aus € 1,20 gemacht. Ich verstaue Maggie und die Taschen auf einem der Sitze und setze mich daneben. Der Bus fährt los, mein Magen knurrt. Höchste Zeit anzukommen und etwas zu essen zu suchen, denke ich während draußen eine graue Stadt an mir vorbeizieht.

03.11.2009 "La Essaie Haine CF"

Das Funkeln am Horizont wird größer. «Il y a un train là!» freuen sich die Fahrgäste, die wie ich auf dem Bahnsteig den Zug nach Narbonne erwarten. Auch ich sehne mich danach, endlich in den Zug steigen und dem Meer auf Wiedersehen sagen zu können. Der Wind pfeift von den Bergen «Il souffle.» Ich möchte an dieser Stelle spöttisch bemerken, dass Rivesaltes tatsächlich ein Hauptknotenpunkt im französischen Schienenfernverkehrsnetz ist. Mittlerweile ist es 13.45 Uhr. Der Zug hat 15 Minuten Verspätung und mein Anschlusszug wird nicht lange warten. Der nächste Zug in die gleiche Richtung fährt um 15.56 Uhr. Es ist nicht nur der nächste Zug nach Narbonne. Es ist der nächste Zug, der überhaupt an diesem Bahnhof ankommen wird.

An der Tatsache, dass sich das Funkeln zu schnell in einen Zug verwandelt hat, schließe ich, dass dieser Zug nicht hier halten wird. Er kommt sehr schnell näher und knallt die wartenden Fahrgäste von ihren Plätzen auf die andere Seite des Bahnsteigs. Es ist ein TGV sehe ich, als er vorbeifährt. Das erklärt die Geschwindigkeit. Eine Lautsprecheransage gibt es nicht: Kein «Attention TGV passant» oder ähnliches.

Einige Minuten später erscheint wieder dieses verheißungsvolle Funkeln am Horizont. Es wird größer, bis ich einen Zug ausmachen kann. Ich gehe zu meinen Taschen, die auf dem Bahnsteig aufgebaut habe, und nehme eine der vier in die Hand (ich habe sie um eine reduziert) – wenn der Zug hielt, würde es schnell gehen müssen – und bepacke mich wieder wie einen Esel oder ein Kamel auf der eigenen Expedition. Wenn ich mich manchmal von außen betrachte, komme ich mir manchmal wie einer dieser Menschen in China vor, die ihre Last in Bergen aufgetürmt zum nächsten Dorf schleppen. Wenn diese Tasche doch nur Rollen hätte!

Die Zugmaschine rollt wieder an mir vorbei und der Luftstoß, den sie verursacht, drückt mich abermals in Richtung der anderen Bahnsteigseite. Dazu pfeift mir der Wind aus den Pyrenäen um die Ohren. Etwas stimmt nicht mit diesem Zug. Er gibt sich nicht einmal die Mühe, zu versuchen, zu bremsen. Die Aufkleber an den Seiten verraten mir auch warum: Noch ein TGV! Ich warte auf den Ter.

Meine Mitfahrer werden verständlicherweise ungeduldig; jetzt, nach 15 Minuten Verspätung! Eine Durchsage oder eine Hinweistafel gibt es natürlich nicht. Von den Bergen hinter mir bläst der Wind. Er ist stark. Ich muss aufpassen, dass Maggie nicht umgeweht wird. Es sind die orientalischen Pyrenäen, die sich dort hinten auftafeln und daneben die Corbièren.

Das Paar neben mir regt sich auf – nein, die Frau regt sich auf. Sie findet das alles skandalös. Wohlgemerkt: Nach 15 Minuten warten. In Deutschland hätte ich das auch unmöglich gefunden, aber hier geht es. Ich habe ja keine Eile. Das einzige Problem, dass ich bekommen könnte, wäre zu spät oder gar nicht in Carcassonne anzukommen. Ansonsten ist das alles ein großes Abenteuer. Während sich das Paar über die Verspätung aufregt kommt auf der anderen Seite der Gleise eine Dame aus dem Bahnhofshäuschen herausgelaufen «Cinquants minutes en retard» ruft sie zu uns herüber. Praktischerweise erreicht man diese Seite der Gleise von meinem – Gleis 2 – nur über eine Brücke. Nach der Vorstellung, aus dem Bahnhofsgebäude herauszulaufen, mit meinen vier Taschen über die Brücke zu hechten und dann den Zug doch noch zu verpassen, habe ich diese Option für mich verworfen.

Fast eine Stunde Verspätung – Meinen Anschlusszug in Narbonne werde ich wohl verpassen. Hoffentlich fährt nachher noch einer rüber. Vor allem weil ich noch einmal umsteigen muss, einmal hinter Castelnaudary glaube ich. Der Mann des Paares bleibt übrigens ganz gelassen und ich finde es zumindest skandalös, dass die Verspätung nirgends angezeigt wird.

29.10.2009 Les Tambours du Bronx I

Wenn man nicht miteinander redet, kann das Leben sehr schwer sein; vor allem wenn man sich in der gleichen Wohnung aufhält. Vergessen wir George! Ich hätte ihn wahrscheinlich gemocht. Aber mal ehrlich: Wenn er nicht den Mund aufkriegt ….

Heute morgen reise ich ab. Eher diesen Mittag. Ich bin früh aufgestanden, habe mich zurecht gemacht, einen Kaffee getrunken und mich im Internetcafé von Narbonne noch einmal vergewissert, dass ich auf meine Frage nach einem Zimmer in Carcassonne noch keine Antwort bekommen habe. Wenigstens habe ich eine Couch in Perpignan gefunden, oder eher bei Perpignan, nämlich in Rivesaltes. Es ist eine Freundin von Kumar, an einem der letzten Tage haben wir telefoniert und Emails ausgetauscht.

Ich treffe letzte Vorkehrungen: Kaufe ein paar Dinge zum Naschen ein, für die Fahrt, wie üblich Käse und Baguette. Wenn ich noch einmal eine solche Reise mache, nehme ich weniger Gepäck mit. Davon habe ich entschieden zu viel und wenn ich auch weder Souvenirs oder ähnliches kaufe, so werden meine Taschen doch von Station zu Station schwerer zu packen und zu tragen.

Weil ich diese Stille in Georges Wohnung nicht länger ertrage, gehe ich so früh als möglich: Früh genug, um nicht unhöflich zu erscheinen und früh genug um nicht lange warten zu müssen. Am Bahnhof mache ich eine neue Entdeckung: Eine Horde von Kindern mit der gleichen Mütze und Schildern, die ihnen um ihre Hälse baumeln. Weil in Frankreich alles nach Paris strebt, wollen auch die Kinder am Wochenende nach Paris um ihre Großeltern zu besuchen, ein anderes Elternteil oder sie leben in Paris und haben das Wochenende hier unten verbracht.

Damit sie nicht alleine reisen müssen, vertrauen ihre Eltern sie liebevoll, dafür eigens geschultem, Personal der SNCF an. Dieses verteilt dann Mützen und klebt Namensschilder auf jedes Kind. Kaum ist der Zug da, geht die Fahrt los. Diese Dienstleistung sehe ich hier zum ersten Mal. Möglicherweise halte ich mich in Deutschland zu selten an Bahnhöfen auf, als dass ich soetwas hätte bemerken können. Vielmehr tendiere ich aber zu der Überzeugung, dass es das einfach nicht gibt. Es ist ein großes Chaos, als die Rasselbande in Richtung Zug zieht. Endlich steht auch mein Gleis fest und ich ziehe mit meinem ganzen Gepäck los.

Als ich in den Zug einsteige, mit Mühe mein Gepäck in dem überfüllten Wagon verstaue und zusehe, dass die Steiff-Franzosen (ja auch diese gibt es hier, meist sind sie Teenager, denen sowieso alles scheißegal ist), auch ja nicht über meine Tasche und über Maggie stolpern, die nunmal, weil nicht anders möglich, mitten im Weg stehen, sehe ich bei einem Blick nach draußen immer mal wieder das Mittelmeer. Es sind kleine Etangs, manchmal fahren wir fast durch einen hindurch. Im warmen Glitzern der Sonne stehen Flamingos: Sie sind nicht rosarot, wie die in der Werbung, eher blassrosa, fast weiß. Es sind die ersten wild lebenden Flamingos, die ich sehe. Während ich fahre und das Meer betrachte, weiß ich noch nicht, dass es das letzte Mal gewesen sein wird, dass ich das Meer auf dieser Reise sehe.

21.10.2009 – Die Reise beginnt III

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Als ich in Paris aussteige, regnet es. Ich denke daran, dass es in Montpellier anders sein würde. Der Wetterbericht hatte es so gesagt: Warm und ein bisschen wolkig. Ich suche nach dem Zugang zur Métro und folge den Schildern. Ich gehe vorbei an der großen Halle, in deren Fotofixautomaten schon Amélie nach einem Phantom gesucht hat und in dem noch zwei Tage zuvor Jet Li in « Kiss of the Dragon » einem Auftrag für die chinesische Polizei nachgegangen war. Es sieht natürlich alles so aus, wie im Film.

Meine Metrokarte hatte ich mir schon im Zug gekauft. Trotzdem reihe ich mich in die Schlange am Informationsschalter der Métro ein. Natürlich hatte die Frau am Service-Point (man stelle sich solche Dämlichkeiten nur mal in Frankreich vor: Einen Point de Service in Servicepoint umzubenennen.) die Métrokarte nicht richtig gelesen. Wäre ich mit der Linie 5 durchgefahren, wäre ich nie angekommen.

Ich hieve mein Gepäck durch die Zugangsschranken zur Métro. Als ich meine Karte in den Schlitz stecke, leuchten die Lampen grün auf, ich kann passieren. In der Métro kommt es niemals vor, dass man schwarz fährt und wenn doch, hat man doch viel kriminelle Energie. Zum Glück passe ich durch, denn mit den vielen Taschen kann niemand von mir behaupten, ich sei handlich. Ich haste den Schildern hinterher, die mich zum richtigen Bahnsteig bringen (Richtung Bastille, dort muss ich umsteigen). Endlich habe ich ihn gefunden und kann nur von Glück sagen, dass immer eine Bahn kommt. Und auch die hat es in sich: Kaum angekommen, reißen die Türen auf und entlassen eine Heerschar von Menschen. Es bleibt wenig Zeit, man muss alles Gepäck auf einmal hineinstellen, denn kurz danach heult eine Sirene auf dem Bahnsteig auf, Lichter leuchten und mit einem lauten Getöse schnellen die Türen wieder zu « Rumms! ». Als ich an der Bastille umsteige, muss ich mich auch hier erst wieder in dem Gewusel zurecht finden. Hier kann man sich ganz schnell verlaufen, wenn man nicht aufpasst. Ich finde wieder meinen Bahnsteig, die übernächste Station ist der Gare de Lyon.

Am Gare de Lyon bin ich zunächst einmal froh, hier zu sein. Ich suche mir ein Plätzchen zum Sitzen und setze mich mit meinem ganzen Gepäck auf eine der Bänke, die für die Wartenden aufgestellt ist. Die Gleise haben hier Buchstaben fällt mir auf und ein Blick auf die Anzeigetafel sagt mir, dass sie auch Farben haben. Ein zweiter Blick verrät mir die Bedeutungen der Farben: Blau steht für die Gleise mit Buchstaben, gelb für die Gleise mit Zahlen. Mein Zug kommt auf einem gelben Gleis an (noch so eine Besonderheit: In Frankreich weiß man nicht, auf welchem Gleis die Züge ankommen, erst 20 Minuten vor Abfahrt lüftet sich das Geheimnis. Der Grund? Entweder weiß man es wirklich nicht und stellt das Gleis je nach Verfügbarkeit bereit, oder aber man verhindert so, dass sich ganze Menschentrauben für verschiedene Züge auf dem gleichen Gleis versammeln. Denn das können mitunter so viele sein, dass es indische Ausmaße annimmt.). Nur habe ich keine Ahnung, wo ich diese Gleise befinden, doch zum Glück gibt es ja Hinweisschilder und ich finde mich fünf Minuten später ans andere Ende des Bahnhofs hastend. Wer dieses System nicht versteht, hat entweder Glück, seinen Zug zu erreichen, oder aber er verpasst ihn.

In Deutschland (ich mache Deutschland zum Maßstab meiner Beobachrungen, weil das das einzige Land ist, in dem ich bisher so ausgiebig Zug gefahren bin) weiß man immer schon in der Weihnachtszeit, wann und vor allem auch wo sein Zug abfahren wird. Am Gare de Lyon und in Paris weiß man nur, wie bei Wilhelm Tell « Durch diese hohle Gasse muss er kommen! » Also aus welcher Richtung der Zug kommen wird. In Frankreich hat man mit seinen Zügen also seine liebe Not (Das heißt eigentlich ja nicht, weil ich mal davon ausgehe, dass man in Frankreich weiß, wie die Züge und Bahnhöfe ticken und sich eben darauf schon eingestellt hat.). Wo der Zug genau ankommt, weiß man erst dann, wenn er auch wirklich auf dem Gleis steht und das ist dann der Zeitpunkt, an dem alle Wartenden auf den Bahnsteig strömen. Auch ich: Wagen 15, Sitz 17 steht in Abschnitt X also ganz am anderen Ende des Bahnsteigs. Mit meinen fünf Taschen mache ich mich also auf den Weg. Was solls, hilft ja doch nicht.

Wie auch die Fahrt mit dem ICE ist die Fahrt mit dem TGV trotz aller romantischen Erwartungen an eine Zugfahrt ziemlich unspektakulär, vom Regen mal abgesehen. Der war eher enttäuschend. Denn auch wenn ich mit zunehmender Nähe zum Mittelmeer mit blauem Himmel und Sonnenschein gerechnet habe, bleibt auch diese Erwartung unerfüllt. In Montpellier jedenfalls regnete es dann nicht mehr, nur die Pfützen waren noch da.