13.11.2009 – Nicht zurück gehen

CIMG4842Erschöpft von dem Spurt lasse ich mich auf eine Bank fallen. Es braucht ein paar Minuten, bis ich überhaupt etwas anderes höre, als das Pochen meines Herzens. Dann lausche ich in die Nacht. Was ist zu tun? Mein Gepäck steht noch in Felix’ Wohnung. Finde ich wieder dorthin? Weiterlesen

11.11.2009 – Aufgewacht

Ich kann die Uhrzeit auf meinem Handy kaum entziffern. Meine Augen sind vor Tränen noch ganz verklebt. Ich muss sie wegwischen, wenn ich etwas erkennen will. Halb vier am Morgen. Die Zahlen auf dem Display brennen sich in meine Netzhäute. Weiterlesen

11.11.2009 – Hals- und Herzbruch

Der Bahnhof von Toulouse sieht immer noch genauso aus, wie ich ihn vor ein paar Tagen gesehen habe. Ich verlasse das Gebäude, in dem einmal mehr der Strom ausgefallen ist. Die Fahrkartenautomaten fahren sich zum fünften mal hoch, nur um dann wieder abzustürzen. Als ich das letzte Mal hier war, musste ich nach dem Eingang nach rechts zum Busbahnhof gehen. Heute gehe ich geradeaus. Weiterlesen

06.11.2009 – Il fait froid, je veux des crèpes

In meinen Armen klingt Maggies «Hallelujah» von Jeff Buckley – ja, er hat es von Leonard Cohen gecovert und gezeigt, dass ein Cover auch besser sein kann als das Original – tröstend und wärmend. Weiterlesen

06.11.2009 – Like a Thief in the Night

Als Geneviève mich am Bahnhof aufliest und mich zu sich mitnimmt, stelle ich fest, dass Castres hinter dem Bahnhof doch ganz nett ist. Das kann aber auch daran liegen, dass die Wolkendecke plötzlich aufreißt und endlich die Sonne hervor kommt. Geneviève und Franck wohnen in einem Haus, das von außen relativ normal und auch von innen nach französischer Kleinstadt aussieht. Für mich aber ist das neu: Unten gibt es eine Küche mit einem Ausgang auf den Hof, der in etwa zwei Metern Höhe mit Wellblech überdacht ist. Wie überall in Frankreich gibt es auch hier einen Gasherd. Neben der Küche ist der Salon oder Wohn- und Esszimmer. Die Treppe nach oben zeigt Geneviève mir mein Gästezimmer links und ihr Zimmer, das rechts davon liegt. Wie auf einer Perlenkette aufgefädelt liegen dahinter zwei weitere Zimmer. Es macht den Eindruck eines dieser Barockschlösser nach dem Versailler Vorbild.

Heute ist Freitag. Geneviève und Franck gehen freitags aus. Ich komme gerne mit ihnen mit und lasse mir von den beiden die Stadt zeigen. Vorher aber haben wir noch ein bisschen Zeit. Ich lege mich ins Bett und schlafe.

Als ich wieder aufwache, ist es längst dunkel. Die Nacht ist sternenklar. Ich ziehe mich an, schminke mich, frisiere mich. Ausgehfein eben. Neben mir liegt Maggie in ihrem roten Bettchen und schläft. Von zuhause aus bin ich es gewohnt, keinen unnötigen Krach zu machen. Ich korrigiere mich: Ich bin es gewohnt, mich zu bemühen, gar keinen Krach zu machen. Also hole ich Maggie aus ihrem Bett und zupfe, nur ganz leise. Die Töne, die dieses Instrument verströmt, gehen direkt in den Bauch.

Ich gebe es ganz offen zu. Wenn ich hier alleine unterwegs bin, fühle ich mich einsam, abgeschieden von meiner Welt, abgeschieden von allem. Ich genieße diesen Zustand ein bisschen. Er macht mich aber auch traurig. Auf der anderen Seite verspüre ich einen leichten Anflug von Ärger, wenn sich mein eigentliches Leben – das abseits der Reise, die Menschen zu Hause, vornehmlich meine Familie und mein Freund – bei mir melden und mich anrufen. Daniel vermisst mit einfach nur und hätte gerne, dass ich schnell wieder zurückkomme. Dieser Egoist. Will ich zu ihm zurückkommen? Meine Familie ist plötzlich ganz stolz auf mich. Stolz darauf, dass ich diese Reise unternehme. So ganz alleine. Unter Tränen sagen sie mir, ich solle dort bleiben wenn es mir gefällt und ich es möglich machen könne.

Wenn sie mir das sagen, fühle ich mich ein bisschen wie der Glücksritter, die sie immer sein wollten, es aber nicht konnten oder wie sie es gerne noch werden würden: Ausbrechen aus der Welt aus dem bestehenden System aus Aufstehen, zur Arbeit gehen und abends nur noch die Füße auf das Sofa legen. Ich weiß, dass auch ich dieses Leben anstrebe, dass es quasi von mir verlangt wird. Dass dieses Leben von mir verlangt werden wird, weil sie es nicht anders kennen. Weil es kaum jemand anders kennt als so.

Seht mich an: Ich bin 25 Jahre alt, habe die Entscheidung für einen Beruf mit einem Studium aufgeschoben, das zu keinem bestimmten Beruf führt. Ich habe die Entscheidung für einen Beruf aufgeschoben durch eine Reise, die ich schon unternehmen wollte, als ich 16 war, als ich 19 war und gerade Abitur gemacht habe und die zu unternehmen ich mich all die Jahre nicht getraut habe. War es wirklich so schwierig? War es wirklich so schwierig, eine Fahrkarte zu kaufen, Geld zu sparen, die Taschen zu packen und in einen Zug zu steigen? Sobald ich mir einmal gesagt habe, dass es einfacher ist, als mit den Fingern zu schnippen, flachen alle Hindernisse, alle Bedenken, einfach alles ab und das Feld der Möglichkeiten liegt vor mir so flach wie die Niederlande oder Norddeutschland.

Oder habe ich meinen Beruf längst gewählt, mich längst zum Schreiben entschlossen und muss diesen Entschluss durch diese Reise noch bestätigen? Die späte Erlösung durch die Gitarre, die ganzen Gedichte, Geschichten, die ich all den Jahren en passant geschrieben habe und die es mir eiskalt den Rücken hinunter laufen lassen, wenn ich sie lese, der Spaß, den ich auf der Bühne habe – spricht all das dafür, dass es kein normales Leben für mich geben wird, wie es mein Umfeld kennt und von mir erwartet? In diesem Moment steht für mich fest, dass ich die Politikwissenschaft weiter verfolgen und promovieren will, mit dem Ziel, am Ende ebenfalls als Professor vor meinen Studenten zu stehen und mich den wichtigen Fragen dieser Welt zu widmen. Doch noch bin ich hier in Castres, in Südfrankreich.

06.11.2009 – Was für ein tristes Loch!

Die Nacht war kurz: das Café Poésie, Sébastien. Der Wecker klingelt. Ich drehe mich um. Noch einmal einkuscheln, bevor wir aufstehen. Ich muss mein Zimmer bis zehn Uhr geräumt haben, sonst muss ich einen Tag länger bezahlen. Es gibt heißen Kaffee und Butterbrioche, die ich à la française in den Bol mit Kaffee tunke. Als ich mein Zimmer betrete, ist meine Zimmergenossin nicht da. Entweder sitzt sie noch beim Frühstück oder ist schon unterwegs. Meine Sachen sind schnell gepackt: der große Rucksack über die Schulter, die Reisetasche in die eine, Maggie in die andere Hand. Ich gehe nach unten. Ich checke aus.

Sebastien fährt mich an den Bahnhof. Ich habe beschlossen, doch mit dem Zug zu fahren. Nicht die komfortabelste Variante in diesem Fall, wie ich feststellen muss. Eineinhalb Stunden Zugfahren später steige ich in Toulouse um: in einen Bus. Nach weiteren eineinhalb Stunden spuckt mich der Bus in Castres aus. Es ist grau. Es ist kalt. Es ist trostlos. Ich habe noch ein paar Stunden bevor ich Geneviève und Franck treffe. Die beiden sind noch auf der Arbeit und dies war die einzige Verbindung, die nicht zu früh und nicht zu spät in Castres ankommt.

Der Bahnhof ist tot. Ich finde nichts, wo ich meine Sachen einschließen oder mir einen Kaffee besorgen kann. Nur ein Zeitungsladen hat geöffnet, der Süßigkeiten zu überteuerten Preisen verkauft. Also schleppe ich mein Gepäck zu der Bäckerei gegenüber, bestelle mir einen Kaffee und einen Éclairs. Ich bin wieder in der französischen Kleinstadt gelandet. Die Bäckerei stellt zwei Tische und Stühle zur Verfügung. Ich stelle meine Sachen erst einmal ab und bestelle mir dann einen doppelten Kaffee und einen Éclair au Chocolat. Ich habe nun einmal ein Faible für die französische Pâtisserie und die französischen Pâtissiers schaffen aus einfachen Kuchen kleine Kunstwerke, die zum Essen schon fast zu schade sind. Eigentlich will ich keinen Kaffee und keine Éclairs. Mir ist kalt und ich bin müde. Ich will ein Bett. Ich denke an heute früh, als ich bei Sébastien aufgewacht bin.

Die Bäckerei ist eine große Halle, die mehr improvisiert als geplant in einen Produktionsraum und einen Verkaufsraum aufgeteilt ist. Der Blick in die Backstube ist notdürftig mit Papierbahnen verhängt und eine der Verkäuferinnen, die Bäckerin oder die Frau des Bäckers hat ihre ganze Kreativität entfaltet und Fotos von Steinen mit Blumen an goldfarbenen Bändern an die Wand und vor die Papierbahnen geklebt. All das hilft nichts. Der Raum ist und bleibt trist.

Eine Schiebetür nach draußen öffnet bei Jedem, der auch nur an ihr vorbei geht. Die Tische und Stühle stehen direkt davor. Es zieht. So muss ich die nächsten zwei Stunden warten. Diese Stadt sei verflucht. Dazu dudelt ein Radio französische Chansons und Werbung. Normalerweise würde ich die Sprüche jetzt wiedergeben, aber ich bin einfach zu müde und unkonzentriert um zuzuhören. Also bleibe ich eine Stunde hier, bezahle und gehe wieder zum Bahnhof, um dort die restliche Stunde zu verbringen.

05.11.2009 – Dans un nuage poupre

Das Café Poésie betrete ich nicht ohne mich vorher aufzubrezeln: Haare kämmen, Pferdeschwanz, Schminke – fertig. Ich bin eitel und mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. In Anbetracht dessen, dass ich meine Habe in Taschen mit mir herum schleppe, ziemlich gut sogar. Der eisige Wind und der Regen machen den Aufwand zunichte als ich von der Cité wieder in die Innenstadt wandere, zum Café Comédie, in dem das Café Poésie heute Abend stattfindet.

In dem Aushang am Café war von «Gitarristen» die Rede gewesen. Ich hätte Maggie zu gerne mitgenommen, es dann aber doch wieder verworfen. Ich bin noch nicht gut genug.

Die Dame mit den trockenen Lippen und der überdeutlichen Aussprache ist heute Abend nicht dabei. Es sind viele neue Gesichter. Vor allem ältere. Sie sind bereits vor Stunden gekommen, haben sich das «Menu Poésie» schmecken lassen und sitzen nun rechts und links der Bühne an der Wand. Franzosen lieben es, zu essen. Am günstigsten ist meistens ein Menü, meist mit drei Gängen.

Ich nehme an einem Tisch in der Mitte des Raumes Platz: ganz nah an der Bühne, an einem kleinen runden Bistro-Tisch, auf den kaum eine Kaffeetasse Platz hat. Noch rennen überall Kellner umher, tragen Teller und Gläser umher. Ich erkenne den Kellner von gestern Abend. Er ist wieder hier. Ich weiß nicht, ob ich etwas bestellen möchte. Ich bestelle nichts. Niemand fragt mich. Den Blicken der Kellner weiche ich aus, deshalb fragt auch niemand.

Ich hole mein Buch heraus und fange an, zu schreiben, bis das Café Poésie anfängt. Eine alte Dame kommt auf mich zu und spricht mich an. Sie habe mich schon einmal gesehen. Wo? Frage ich sie. Letztes Jahr sei das gewesen, hier in Carcassonne, in diesem Café. Ich hätte mich gerne an sie erinnert, doch ich bin zum ersten Mal in diesem Café, in dieser Stadt.

Die Bühne ist nicht sonderlich groß. Im Grunde genommen existiert sie gar nicht: Ein Mikrophon, zwei Barhocker und am Rand stehen ein paar Gitarren. Eine Frau geht zum Mikrophon: Sie ist klein, untersetzt und in ihrem weißen Zopfpullover herrlich unglamourös für diesen Abend. Das Café Poésie wird bei Radio Marseillette live übertragen und wer im Radio kümmert sich schon darum, wie der Moderator aussieht?

Französische Lyrik hat mit französischer Sprache nichts zu tun. Vielleicht teilen sie sich die Vokabeln. Die Syntax und die Bilder aber erscheinen aufgelöst wie in einem expressionistischen Gemälde. Ich verstehe kaum ein Wort. Ich bemerke nur das große Entsetzen an einer Stelle und erinnere mich, das Wort «putain» – Hure – gehört zu haben. Es hört sich so hübsch an. Ich liebe die französische Sprache: Man kann sich die derbsten Schimpfwörter an den Kopf werfen, es wird nie so klingen. Es wird immer nur wunderschön sein. So wie die Gedichte, die ich nicht verstehe. Ich verstehe aber die Gitarristen, die ihre eigenen Kompositionen vortragen. Den einen nenne ich «Hugh Grant». Er heißt «Erwens» Dabei sprechen die Franzosen den Namen «Eruhäns» aus. An den Namen seines Kollegen erinnere ich mich nicht, obwohl er ein sehr schönes Lied über die Prinzessinnenkatze seiner Tochter, ein Angora, geschrieben hat.

Ich erinnere mich an die Texte. Nicht an deren Inhalt, aber an die Texte. Französische Poesie versteht sich eher schlecht, aber sie klingt. Sie klingt nach einem Rausch, nach eine Sprachwolke aus Rosarot. Wie soll ich es anders beschreiben? In einem Gedicht fällt plötzlich das Wort «putain». «Uff!» macht es überall um mich herum und «uiuiui!». «Putain» heißt «Hure», «Schlampe», «Prostituierte».

Sind die Südfranzosen jetzt so unglaublich freundlich, dass sie so empört auf dieses Wort antworten, das zu den schlimmsten Fluchwörtern in der Sprache zählt? Oder wollen sie einfach keine Prostituierten in ihrer Mitte haben, und stoßen das Wort deshalb mit einem lauten «ohlala!» von sich?

Berauscht von den Gedichten und der Musik der Sprache, dem Klang der Gitarren, vergesse ich die Zeit. Längst sind alle Gedichte gelesen. Niemand will mehr etwas vortragen. Nur Hugh Grant und sein Kollege begleiten sich gegenseitig improvisierend auf ihren Gitarren zu den Liedern des anderen. Morgen fahre ich weiter, nach Castres. Mein Zug fährt früh und ich muss früh aufstehen, um auszuchecken. Also will ich nicht so lange bleiben und bleibe dann doch bis Hugh und sein Freund die Instrumente einpacken und der letzte Gast sich noch am Thresen mit dem Kellner von gestern Abend unterhält. Ich bleibe bis zum Schluss.

03.11.2009 Aus Blau wird Grau

Am Horizont zeigt sich noch ein Zug. Meine Tasche und mein Rucksack hängen immer noch an mir. Ich habe sie nach dem letzten TGV nicht abgelegt. Die Zugmaschine zieht wieder an mir vorbei. Der Zug auch: Es ist ein Güterzug. Erst zwei Züge später hält einer. Es ist mein Zug nach Narbonne.

Unterwegs verabschiede ich mich von dem Meer. Ich weiß noch nicht, dass ich es hier zum letzten Mal sehe. Ich tausche das Meer gegen die Berge und als ich den ersten Schritt aus dem Zug auf den Bahnhof von Carcassonne mache, verfluche ich mich für diesen Tausch. Ich habe mich dafür schon gestern verflucht, nachdem ich auf dem Stadtplan gesehen habe, wohin ich mit meinen fünf Taschen vom Bahnhof aus muss – natürlich erst nachdem ich die Jugendherberge gebucht hatte.

Die überaus freundliche Demoiselle am Fahrkartenschalter der SNCF weiß nichts von einem Bus zur Cité oder einer Jugendherberge. Das Rondell, zu dem sie mich schickt und das sich «Office de Tourisme» nennt, hat natürlich geschlossen. Dazu ist heute nicht gerade der wärmste Tag.

Die Bushaltestelle liegt direkt dahinter, also praktisch vor der Nase der Demoiselle von der SNCF. Auch mein Bus fährt hier ab und es ist nicht die 2, wie auf der Webseite der Jugendherberge angegeben, sondern die 4. Teuer ist das Busfahren hier, wundere ich mich, als mir der Busfahrer den Preis für die Fahrt zur Cité nennt. Ich lege das Geld passend in den Münzteller, worauf er mich ungläubig ansieht und mir unerwartet mein Wechselgeld in die Hand drückt. Sein Akzent hatte nur € 5,20 aus € 1,20 gemacht. Ich verstaue Maggie und die Taschen auf einem der Sitze und setze mich daneben. Der Bus fährt los, mein Magen knurrt. Höchste Zeit anzukommen und etwas zu essen zu suchen, denke ich während draußen eine graue Stadt an mir vorbeizieht.

03.11.2009 "La Essaie Haine CF"

Das Funkeln am Horizont wird größer. «Il y a un train là!» freuen sich die Fahrgäste, die wie ich auf dem Bahnsteig den Zug nach Narbonne erwarten. Auch ich sehne mich danach, endlich in den Zug steigen und dem Meer auf Wiedersehen sagen zu können. Der Wind pfeift von den Bergen «Il souffle.» Ich möchte an dieser Stelle spöttisch bemerken, dass Rivesaltes tatsächlich ein Hauptknotenpunkt im französischen Schienenfernverkehrsnetz ist. Mittlerweile ist es 13.45 Uhr. Der Zug hat 15 Minuten Verspätung und mein Anschlusszug wird nicht lange warten. Der nächste Zug in die gleiche Richtung fährt um 15.56 Uhr. Es ist nicht nur der nächste Zug nach Narbonne. Es ist der nächste Zug, der überhaupt an diesem Bahnhof ankommen wird.

An der Tatsache, dass sich das Funkeln zu schnell in einen Zug verwandelt hat, schließe ich, dass dieser Zug nicht hier halten wird. Er kommt sehr schnell näher und knallt die wartenden Fahrgäste von ihren Plätzen auf die andere Seite des Bahnsteigs. Es ist ein TGV sehe ich, als er vorbeifährt. Das erklärt die Geschwindigkeit. Eine Lautsprecheransage gibt es nicht: Kein «Attention TGV passant» oder ähnliches.

Einige Minuten später erscheint wieder dieses verheißungsvolle Funkeln am Horizont. Es wird größer, bis ich einen Zug ausmachen kann. Ich gehe zu meinen Taschen, die auf dem Bahnsteig aufgebaut habe, und nehme eine der vier in die Hand (ich habe sie um eine reduziert) – wenn der Zug hielt, würde es schnell gehen müssen – und bepacke mich wieder wie einen Esel oder ein Kamel auf der eigenen Expedition. Wenn ich mich manchmal von außen betrachte, komme ich mir manchmal wie einer dieser Menschen in China vor, die ihre Last in Bergen aufgetürmt zum nächsten Dorf schleppen. Wenn diese Tasche doch nur Rollen hätte!

Die Zugmaschine rollt wieder an mir vorbei und der Luftstoß, den sie verursacht, drückt mich abermals in Richtung der anderen Bahnsteigseite. Dazu pfeift mir der Wind aus den Pyrenäen um die Ohren. Etwas stimmt nicht mit diesem Zug. Er gibt sich nicht einmal die Mühe, zu versuchen, zu bremsen. Die Aufkleber an den Seiten verraten mir auch warum: Noch ein TGV! Ich warte auf den Ter.

Meine Mitfahrer werden verständlicherweise ungeduldig; jetzt, nach 15 Minuten Verspätung! Eine Durchsage oder eine Hinweistafel gibt es natürlich nicht. Von den Bergen hinter mir bläst der Wind. Er ist stark. Ich muss aufpassen, dass Maggie nicht umgeweht wird. Es sind die orientalischen Pyrenäen, die sich dort hinten auftafeln und daneben die Corbièren.

Das Paar neben mir regt sich auf – nein, die Frau regt sich auf. Sie findet das alles skandalös. Wohlgemerkt: Nach 15 Minuten warten. In Deutschland hätte ich das auch unmöglich gefunden, aber hier geht es. Ich habe ja keine Eile. Das einzige Problem, dass ich bekommen könnte, wäre zu spät oder gar nicht in Carcassonne anzukommen. Ansonsten ist das alles ein großes Abenteuer. Während sich das Paar über die Verspätung aufregt kommt auf der anderen Seite der Gleise eine Dame aus dem Bahnhofshäuschen herausgelaufen «Cinquants minutes en retard» ruft sie zu uns herüber. Praktischerweise erreicht man diese Seite der Gleise von meinem – Gleis 2 – nur über eine Brücke. Nach der Vorstellung, aus dem Bahnhofsgebäude herauszulaufen, mit meinen vier Taschen über die Brücke zu hechten und dann den Zug doch noch zu verpassen, habe ich diese Option für mich verworfen.

Fast eine Stunde Verspätung – Meinen Anschlusszug in Narbonne werde ich wohl verpassen. Hoffentlich fährt nachher noch einer rüber. Vor allem weil ich noch einmal umsteigen muss, einmal hinter Castelnaudary glaube ich. Der Mann des Paares bleibt übrigens ganz gelassen und ich finde es zumindest skandalös, dass die Verspätung nirgends angezeigt wird.

01.11.2009 Von Schnecken und Froschschenkeln (Küss den Frosch!)

Habe ich schon einmal von dem französischen Essen berichtet? Ich glaube, in Montpellier und Narbonne bin ich außer dem guten Baguette, dem Wein und dem Käse noch nicht mit viel davon in Berührung gekommen. Ich meine, in Rivesaltes darf ich zum ersten Mal an einem richtigen französischen Sonntagsessen teilnehmen. Nicht ganz zum ersten Mal, denn ich kann mich noch an den Schüleraustausch nach Frankreich erinnern.

Die Franzosen lieben das Essen. Man sieht es ihnen förmlich an: Die Lebensmittel im Supermarkt sind nicht so herumgeworfen. Alles sieht sehr schmackhaft aus. Es ist teuer, keine Frage. Aber dafür sind die Häuser nicht selten ein wenig herunter gekommen, und die Autos. Die Prioritäten sind andere, nämlich beim Essen: Mousse de Canard, Foie Gras oder Confit de Canard lassen sie sich etwas kosten. Der französische Supermarkt ist vergleichbar mit der Lebensmittelabteilung höherwertiger Kaufhäuser in Deutschland. Die Preise sind aber die gleichen.

Wir beginnen mit einem Aperitif. Es gibt Knabbereien und den für Rivesaltes typischen Muscat – ein sehr süßer Aperitif-Wein, der hier angebaut und hergestellt wird. Wir können wählen: Es gibt Muscat und Wermut oder Pastis. Ich weiß nicht mehr genau, was zur Auswahl steht, denn ich habe bereits im Reiseführer vom Muscat gelesen und entscheide mich dafür. Ich denke darüber nach, einige Flaschen zu kaufen und mit nach Deutschland zu nehmen, als Andenken oder Mitbringsel. Doch der Gedanke, an mein ohnehin schon mit Büchern unnötig erschwertes Gepäck lässt mich die Idee wieder verwerfen. Jetzt, wo ich weiß, wie schön es hier ist, und wo ich hier Leute kenne, werde ich zurückkommen und dann einige Flaschen importieren.

Wir gehen nach oben zu Nicolette und Jean. Sie haben die Familie zum Essen eingeladen. Die Mutter ist nicht dabei. Sie ist ein paar Tage verreist und kommt erst morgen wieder, wenn ich bereits in Carcassonne sein will. Es gibt ein interessantes Gericht. Ich meine, es heißt «Pot au Feu» übersetzt: frei übersetzt «Topf vom Feuer.» Es ist nichts weiter als Fleisch, das in einem großen Topf Wasser mit viel Gemüse und wenig Salz gekocht wird. Es erinnert mich an Eintopf. Nur anders als beim Eintopf werden das Fleisch und das Gemüse nicht in kleine Stücke geschnitten, sondern kommen als ganzes ohne die Suppe auf den Teller. Dazu gibt es dann eine Beilage, Reis oder das, was ich als Couscous bezeichne: Es sieht aus wie Reis, nur kleiner.

Die hochgelobte französische Küche ist ein wenig fad, finde ich. Ich muss gut salzen, damit es schmeckt. Ich persönlich hätte noch ein paar Gewürze zugefügt und es pikanter gemacht. Die französische Küche ist mein Maggi- und Salz-verwöhnter Gaumen eben noch nicht gewöhnt.

Das schöne aber an den französischen Essgewohnheiten ist: Es gibt immer einen Nachtisch. Heute gibt es Fruchtjoghurt. Weil Nicolette auf ihre Figur achtet, gibt es ihn in der Diätvariante. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es Franzosen gibt, die freiwillig Diätprodukte kaufen. Auch eine Sache, von der ich nichts halte. Ich habe früher tatsächlich hin und wieder reduziert genascht und irgendwann festgestellt, dass 2,3 Prozent mehr Fett in der Milch durchaus schmecken. Ich liebte meine belegten Brote gleich umso mehr, wenn ich den Belag mit Butter unterlegte. Ich esse fetten Käse, fettes Fleisch, trinke Vollmilch und nehme aus Absicht den Vollfettquark. Ich esse die normalen Kartoffelchips und backe meine Kuchen mit Butter – ein kleiner Luxus, ich weiß, aber das solltet ihr unbedingt versuchen; der Unterschied ist erstaunlich. Ich esse lieber weniger, aber dafür schmeckt es. Zugenommen habe ich davon bisher nicht.