11.11.2009 – La maison de Lisette

Es ist in einem Reihenhaus etwas außerhalb der Innenstadt. Wir können bequem hinlaufen. Wir sind trotzdem langsam. Wir kommen kaum voran, weil wir immer wieder anhalten, uns küssen, uns eng umschlungen in Hauseingängen herumdrücken. Weiterlesen

01.11.2009 Von Schnecken und Froschschenkeln (Küss den Frosch!)

Habe ich schon einmal von dem französischen Essen berichtet? Ich glaube, in Montpellier und Narbonne bin ich außer dem guten Baguette, dem Wein und dem Käse noch nicht mit viel davon in Berührung gekommen. Ich meine, in Rivesaltes darf ich zum ersten Mal an einem richtigen französischen Sonntagsessen teilnehmen. Nicht ganz zum ersten Mal, denn ich kann mich noch an den Schüleraustausch nach Frankreich erinnern.

Die Franzosen lieben das Essen. Man sieht es ihnen förmlich an: Die Lebensmittel im Supermarkt sind nicht so herumgeworfen. Alles sieht sehr schmackhaft aus. Es ist teuer, keine Frage. Aber dafür sind die Häuser nicht selten ein wenig herunter gekommen, und die Autos. Die Prioritäten sind andere, nämlich beim Essen: Mousse de Canard, Foie Gras oder Confit de Canard lassen sie sich etwas kosten. Der französische Supermarkt ist vergleichbar mit der Lebensmittelabteilung höherwertiger Kaufhäuser in Deutschland. Die Preise sind aber die gleichen.

Wir beginnen mit einem Aperitif. Es gibt Knabbereien und den für Rivesaltes typischen Muscat – ein sehr süßer Aperitif-Wein, der hier angebaut und hergestellt wird. Wir können wählen: Es gibt Muscat und Wermut oder Pastis. Ich weiß nicht mehr genau, was zur Auswahl steht, denn ich habe bereits im Reiseführer vom Muscat gelesen und entscheide mich dafür. Ich denke darüber nach, einige Flaschen zu kaufen und mit nach Deutschland zu nehmen, als Andenken oder Mitbringsel. Doch der Gedanke, an mein ohnehin schon mit Büchern unnötig erschwertes Gepäck lässt mich die Idee wieder verwerfen. Jetzt, wo ich weiß, wie schön es hier ist, und wo ich hier Leute kenne, werde ich zurückkommen und dann einige Flaschen importieren.

Wir gehen nach oben zu Nicolette und Jean. Sie haben die Familie zum Essen eingeladen. Die Mutter ist nicht dabei. Sie ist ein paar Tage verreist und kommt erst morgen wieder, wenn ich bereits in Carcassonne sein will. Es gibt ein interessantes Gericht. Ich meine, es heißt «Pot au Feu» übersetzt: frei übersetzt «Topf vom Feuer.» Es ist nichts weiter als Fleisch, das in einem großen Topf Wasser mit viel Gemüse und wenig Salz gekocht wird. Es erinnert mich an Eintopf. Nur anders als beim Eintopf werden das Fleisch und das Gemüse nicht in kleine Stücke geschnitten, sondern kommen als ganzes ohne die Suppe auf den Teller. Dazu gibt es dann eine Beilage, Reis oder das, was ich als Couscous bezeichne: Es sieht aus wie Reis, nur kleiner.

Die hochgelobte französische Küche ist ein wenig fad, finde ich. Ich muss gut salzen, damit es schmeckt. Ich persönlich hätte noch ein paar Gewürze zugefügt und es pikanter gemacht. Die französische Küche ist mein Maggi- und Salz-verwöhnter Gaumen eben noch nicht gewöhnt.

Das schöne aber an den französischen Essgewohnheiten ist: Es gibt immer einen Nachtisch. Heute gibt es Fruchtjoghurt. Weil Nicolette auf ihre Figur achtet, gibt es ihn in der Diätvariante. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es Franzosen gibt, die freiwillig Diätprodukte kaufen. Auch eine Sache, von der ich nichts halte. Ich habe früher tatsächlich hin und wieder reduziert genascht und irgendwann festgestellt, dass 2,3 Prozent mehr Fett in der Milch durchaus schmecken. Ich liebte meine belegten Brote gleich umso mehr, wenn ich den Belag mit Butter unterlegte. Ich esse fetten Käse, fettes Fleisch, trinke Vollmilch und nehme aus Absicht den Vollfettquark. Ich esse die normalen Kartoffelchips und backe meine Kuchen mit Butter – ein kleiner Luxus, ich weiß, aber das solltet ihr unbedingt versuchen; der Unterschied ist erstaunlich. Ich esse lieber weniger, aber dafür schmeckt es. Zugenommen habe ich davon bisher nicht.

01.11.2009 Billy-Jean (Küss den Frosch!)

Es ist vielleicht mitten am Vormittag. Wir schlafen aus. Trotzdem bin ich zuerst wach. Zum einen, weil einer der Katzen wohl eifersüchtig war, weil ich die Nacht auf ihrem Lieblingsplatz verbracht habe. Das feuchte Laken lässt soetwas vermuten. Zum anderen bin ich wach, weil ich einfach nicht mehr schlafen will. So, das reicht jetzt. Es ist genug. Morgane träumt noch. Ich wecke sie nicht, steige in meine Jeans und gehe leise aus dem Studio in den Garten.

Billy ist schon unterwegs. Der kleine ist gerade ein paar Monate alt. Noch unbeholfen und tapsig klettert er auf dem Wellblechdach des Schuppens herum. Er muss von Nicolettes und Jeans Balkon herunter gesprungen sein. Den Weg zum Erdboden findet er trotzdem nicht: Der einzige Pfad führt über die Äste eines Zitronenbaumes. Der Ast wackelt. Billy traut sich nicht, er ziert sich. Ich zeige ihm den Weg. Er traut sich trotzdem nicht. Diese Tapsigkeit ist zu süß.

Irgendwann sind dann auch die anderen aufgestanden. Ich weiß nicht mehr, wie wir den Vormittag verbracht haben. Lang war er jedenfalls nicht gewesen. Nicolettes und Morganes Vater war herübergekommen. Er wohnt nur auf der anderen Straßenseite, wenn man diesen Weg so nennen möchte. Er ist Fotograf und fotografiert leidenschaftlich gerne Hunde und Katzen, die als Menschen verkleidet sind.

01.11.2009 Der reiselustige Kater (Küss den Frosch!)

Es ist Sonntag. Das Wetter ist schon nicht mehr so schön wie in den letzten Tagen. Der Himmel ist zugezogen, wolkenverhangen und der Wind gestern Abend hat kalte Luft hergebracht. Wie es an einem Sonntag so üblich ist, schlafen wir lange. Ich stehe sogar noch vor Morgane auf. Die Katzen sind schon unterwegs. Hatte ich erzählt, dass bei Morgane, Jean und Nicolette vier Katzen herumlaufen? Ich bin mir nicht sicher. Ich bin mir aber sicher, dass ich noch nicht von den Katzen erzählt habe.

Es sind also vier. Zwei gehören Morgane: Bolek und Minette. Billy-Jean (ja, benannt nach dem Lied eines erst kürzlich verstorbenen Pop-Idols) und Minou gehören zu Jean und Nicolette. Am interessantesten von den beiden ist sicherlich Bolek, ein Tabby-Kater.

Wir machen uns einen Spaß. Wir nennen ihn Jean-Bolek und den anderen Jean-Billy. Wir haben festgestellt, dass alle Franzosen «Jean» heißen: Jean-Paul, Jean-Pierre oder Jean-Luc zum Beispiel und wenn man im französischen von “den Leuten” spricht, heißen sie “gens”. Lustigerweise kam der Einfall von Jean. Also nennen wir die Kater auch Jean.

Jean-Bolek kommt aus Polen. Er ist eher ein Wildkater und so verhält er sich auch. Bolek und Billy kämpfen häufig, weil es der kleine Billy in seinem jugendlichen Leichtsinn hin und wieder übertreibt und sich dann auch mal ein Tatze einfängt. Morgane hatte ihn gefunden, als sie auf Reisen in Polen war. Er war herrenlos. Ein Landstreicher. Wie ich, denke ich mir und höre wieder Bob Dylan und Mick Jagger singen «How does it feel?», wobei Keith Richard im Hintergrund spielt. Eine Orgel ist auch noch dabei. Es fühlt sich saugut an, denke ich bei mir.

Bolek ist weit gereist: Morgane hatte ihn aus Polen mit in die USA genommen und von dort aus zu ihrem Job in den Niederlanden, dann nach Belgien und wieder zurück hierher nach Rivesaltes. Er und ich verstehen uns von Anfang an: Am ersten Tag entdecke ich ihn schlafend in Maggies Tasche, nachts schläft er bei mir auf dem ausgeklappten Gästesofa im Studio.

Jean Baptiste Bolek ist ein wenig eifersüchtig. Er scheint sich von mir vernachlässigt vorzukommen. Ich wache morgens auf, weil ich ein seltsames Gefühl habe, begleitet von einem seltsamen, nicht starken, Geruch. Es riecht nach nassem Stoff und das Gefühl kommt von einer Pfütze, die eine der Katzen – da Bolek die ganze Nacht drin war, nehme ich an, dass er es war – auf meinem Laken hinterlassen hat. Bolek ist böse. Er und Minou jagen sich durch das Studio. Sie fauchen. Sie können sich nicht ausstehen. Morgane trennt sie regelmäßig und schmeißt Minou aus der Wohnung.

30.10.2009 Rod Steward war Straßenmusiker in Südfrankreich

Auf jeder Station auf meiner Reise habe ich das selbe Problem am ersten Tag und obwohl ich von Morgane und ihrem Schwager auf das herzlichste empfangen worden bin, ist es auch hier so wie zuvor in Narbonne und Montpellier. Ich werde aber nicht schon wieder anfangen, davon zu erzählen.

Morgane ist heute schon früh aufgestanden und zur Arbeit gegangen. Das heißt, nach nebenan. Denn da arbeitet sie. Im Zimmer nebenan. Weil Kumar mir gesagt hatte, ich dürfe sie unter gar keinen Umständen stören, bin ich so leise wie möglich. Die Kaffeemaschine steht mir von Anfang an mit gemischten Gefühlen gegenüber. Zum einen sieht sie aus wie eine der typischen Espressokannen, wie auch ich sie zu hause benutze, was bei meinen Eltern noch bei Benjamin je großen Anklang gefunden hat. Ich freue mich schon auf den Espresso für den Kickstart. Auf der anderen Seite aber ist die Maschine ein wenig widerspenstig. Ich versuche, sie zum Laufen zu bekommen. Ich versage.

Statt einen Kaffee zu kochen und zu trinken ziehe ich mich an. Ich versuche die gleiche Taktik anzuwenden, die auch schon bei Kumar und bei George angewandt habe: Ich beschließe, eine Bäckerei aufzusuchen. Soetwas muss es hier doch geben und auch Jean, Morganes Schwager, wollte doch heute was zum Frühstücken besorgen.

Angezogen wie ich bin verlasse ich das Studio. Weil ich Morgane nicht stören will, mache ich keinen Krach, öffne das Tor als mir ein Gedanke kommt: Komme ich später auch wieder durch das Tor zurück? Noch während ich über dieses Problem nachdenke und zurück gehe, steht sie plötzlich vor mir, im Schlafanzug. Sie hat so angefangen zu arbeiten, schließlich arbeitet sie von zuhause aus.

«Bonjour.» ich lächle sie an.

«Bonjour. T’as bien dormi?»

«Oui. Je voulais aller chercher quelques choses à manger, pour le petit déjeuner.»

Es ist alles kein Problem. Ich solle nur keine Eile haben, sagt sie und wir gehen zurück ins Studio. Bei ihr funktioniert die Kaffeemaschine. Ich nehme meine Tasse, finde noch eine Schachtel Kekse, die ich in Mannheim als Wegzehrung mitgenommen, aber noch nicht gegessen habe und setze mich nach draußen. Von hier aus ist es kaum zu glauben, dass es schon Ende November ist: Es ist warm, die Sonne scheint. Es fühlt sich eher an wie Mitte September.

«Salut!»

Es ist Jean. Er war gestern auch mit uns bei dem Konzert der bretonischen Bonx-Trommler. Es ist schon Mittag. Wie gesagt: Am ersten Tag stehe ich nicht früh auf, weil ich von den ganzen Neuerungen noch ganz erschlagen bin. Jean ist heute schon mit dem Arbeiten fertig. Er kümmert sich um ältere Menschen, kauft für sie ein, hilft ihnen im Haushalt. Später will er mir Perpignan zeigen.

29.10.2009 Les Tambours du Bronx III

Es gibt ein Konzert in Perpignan: «Les Tambous du Bronx» – Die Trommeln der Bronx – nennen sie sich. Als ich mir das vorstelle muss ich lachen. Es ist zu komisch: Ich erinnere mich an mein letztes Seminar in Literaturwissenschaft und eine Kritik über Hanif Kureishis «Buddha of Suburbia». Der Kritiker sprach von einem Supermarkt der Kulturen, in dem sich jeder seine eigene Kultur stückweise zusammenstellen kann, wie es ihm beliebt, ohne je ganz die Kulturen kennenzulernen oder anzunehmen. Auch hier ist es so: Ich bezweifle nicht, dass sie in der Bronx waren um sich hinein zu fühlen, in diese Musik, diesen Rhythmus, der so hart und erbarmungslos ist wie die Schläge auf die leeren Ölfässer. Nur: wer soll einer bretonischen Trommelgruppe glauben, sie seien die Trommeln der Bronx?

Die Gruppe besteht aus etwa 15 Männern so ziemlich jeden Alters. Sie stehen auf der Bühne und schlagen mit kurzen, dicken Stöcken (wahrscheinlich Bambus) auf bemalte Ölfässer ein. Einer von ihnen steht vor einem Gestell mit Röhren, die aus Gummi zu sein scheinen. Von diesen Röhren geht ein elektronisch verzerrter Laut aus, der sich nicht zuordnen lässt. Dieses Instrument ist eher ein Xylophon.

Der Rhythmus ergreift gleichsam Musiker wie auch das Publikum. Er ergreift sie, nimmt sie mit sich und führt sie in eine Art Trance hinein. Dieses Gefühl ist unglaublich und obwohl ich diese Art der Musik nicht sonderlich mag, fasziniert mich die Konzentration der Musiker, die Musiker selbst. Ich bin verzaubert von diesem Zustand der Ekstase, in dem sich die Trommler auf der Bühne befinden. Als befänden sie sich in einer anderen Welt.

Die Stöcke machen sich selbständig. Sie fliegen entweder abgebrochen oder aus der Hand gerutscht über die Bühne, hinein ins Publikum. Die Wucht, mit der sie auf Rand, Deckel und Wände der Fässer einschlagen muss gewaltig sein, genauso wie der Nachschub an neuen Stöcken, denn die kurzen Aussetzer merkt man dem Ton nicht an. Wenn ich mir diese Männer ansehe, die mittlerweile schwitzend mit nacktem Oberkörper auf die Trommeln einschlagen, erscheint es mir, als seien sie weniger Musiker (Das harmonische Element kommt ohnehin aus einem Keyboard-Synthesizer, der auf einer großen Feder befestigt ist, damit der Keyboarder, der mich an “The Prodigy” erinnert es ab und zu showwirksam im Kreis drehen kann.). Sie sind schon eher Leistungssportler: Die Körper schwitzend, manche sehnig, viele von ihnen sind mit Tättowierungen verziert. Es macht Eindruck.

Jean, Morgane und den Rest der Clique sehe ich in der Menge nicht mehr. Ich wippe zu dem Beat, genieße die Aussicht. Ich merke, wie ich die ganzen deutschen Sorgen und Ängste immer mehr abgestreift habe. Ich würde sie nachher schon wiederfinden, wir würden noch einen Absacker trinken und weil ich nicht weiß, was ich anderes trinken soll und es für Rotwein zu warm ist, werde ich ein französisches Bier bestellen, in der Hoffnung, es sei dem belgischen ähnlich.

29.10.2009 Les Tambours du Bronx II

Umso glücklicher über meine Wahl mit George bin ich über meine Wahl mit Morgane. Morgane lebt zwar nicht in Perpignan, aber dafür in einem kleinen Nest ganz in der Nähe. Es heißt «Rivesaltes» und liegt ganz in der Nähe von Perpignan. Allein deshalb erinnert es mich an den Ort, an dem auch ich lebe: Altrip.

Die Parallelen liegen auf der Hand: Beide liegen an einem Fluss, beide sind klein und in der Nähe einer großen Stadt und ihre Namen sind verwandt. So verbirgt sich hinter Alta Ripa, wie der Ort in der römischen Zeit hieß, das hohe (oder tiefe) Flussufer und Rivus Altus der hohe (oder tiefe) Bach.

Ich habe gerade gesagt, ich hätte Morgane nicht über das Couchsurfing gefunden, sondern über Kumar. So war es. Er hat mir ihre Telefonnummer geschickt, ich habe sie angerufen. Ich weiß noch, dass ich es nicht in Georges Wohnung getan habe. Das musste nicht jeder mitbekommen. Also habe ich sie von der Straße aus angerufen, von einem verlassenen Platz, der dann doch nicht verlassen genug war. Immer wieder tosten Autos vorbei, was es mir nicht gerade leichter machte, sie zu verstehen. Irgendwann klappte es dann doch.

Ich stehe am Bahnhof von Rivesaltes und warte mit meiner Gitarre und den schweren Taschen auf sie. Der Bahnhof ist nicht groß: Es sind gerade mal zwei Gleise, der Fahrkartenschalter ist unbesetzt. Vor dem Bahnhofshäuschen steht niemand.

Ich erkenne Morgane sofort an ihrem Fahrrad. Fragt mich nicht wieso, ich habe sie noch nie zuvor gesehen. Ich mag sie vom ersten Augenblick an. Wir haben uns gesucht und über irre, wirre Zufälle gefunden. Sie lädt meine Sachen auf ihr Rad und führt mich durch den Ort.

«Il faut que tu tourne pour souvenir le chemin.» sagt sie immer wieder. Also halten wir vor und nach jeder Abzweigung an, damit ich mir den Weg merken kann.

Sie spricht französisch fast ohne Akzent. Der ihrer Großmutter dagegen und deren Nachbarin ist so stark ausgeprägt, dass ich sie beide kaum verstehe. Wir gehen zuerst zu ihrer Großmutter, weil sie uns vorstellen will. Die Großmutter bietet mir Orangensaft an. Das Haus ist wunderschön. Es ist im Stil des Südens gebaut, mit einem Innenhof, der voller Pflanzen steht, einer großen Glasfront, so dass man direkt hinter der Tür zum eigentlichen Haus sich wie auf einer Terrasse oder in einem Wintergarten vorkommt.

Wenn ich mich so umsehe, stelle ich fest, dass Französinnen nicht nur großen Wert auf elegante Kleidung legen, die selbst dann noch elegant ist, wenn sie ein bisschen nachlässig wirkt. Sie legen auch sehr viel Wert auf Dekoration, oder das, was in Deutschland Kitsch wäre. Aus einem Schrank erschlägt mich ein rosa Dekor. In einem sonst leeren Vogelkäfig sitzt ein Plüschpapagei auf einer Stange und überall lächeln unterschiedlich große Püppchen in Häkelkleidern. Ich beherrsche mich, nicht zu lachen, oder eine Bemerkung darüber zu machen. Ich finde es bemerkenswert.

Morgane erzählt von ihrer Großmutter und sie ergänzt hin und wieder ein paar Angaben. Ich mache ihre Komplimente über das Haus. Ich sage es nicht nur so. Ich bin wirklich beeindruckt. Sie sagt, das seien die Häuser des Südens, mit diesen Innenhöfen, in denen das Leben tobt und tatsächlich erinnert mich dieses Haus an die Häuser, in denen Penelope Cruz’ Mutter, alte Tante und ihre Freundin in «Volver» wohnen.

Die Nachbarin hat eine Krankheit, soviel verstehe ich. Ich verstehe schon mehr als in Montpellier aber noch nicht alles. Der Akzent ist zu stark. In dieser Gegend hier verzichtet man auf Nasallaute. Sie werden nicht gebildet, sondern einfach durch den ng-Laut ersetzt. So wir aus einem pain ein peng, aus der main die meng und aus der pont ein pong. Da ich zwar schon mehr verstehe, aber nunmal immer noch nicht genug, und der Akzent hinzu kommt, kommt es zu einem Missverständnis: Ich verstehe, ich solle bei Morganes Großmutter schlafen. Die Vorstellung daran bereitet mir ein wenig Kopfschmerzen. Doch dem ist nicht so. Morgane erklärt mir, dass ihre Oma nicht mehr so gut sehen und laufen kann und deshalb im Erdgeschoss vor der großen Glasfront schläft. Es klingt zwar komisch, aber plötzlich fühlte ich mich nicht mehr vom Plüschpapagei bedroht.

Morgane bewohnt einen großen Raum, den sie «studio» nennt. Es befindet sich hinter einem verwachsenen Garten, der in seiner Verwilderung und augenscheinlichen Verwahrlosung schöner nicht sein könnte. Er sieht ein bisschen so aus, wie das Schloss von Dornröschen. Es gibt hier Zitronenbäume und eine Feuerstelle und das Eingangstor ist dermaßen mit Pflanzen bewachsen, dass man es auf den ersten Blick gar nicht wahrnehmen und daran vorbei gehen würde. Das Studio ist im Erdgeschoss des Hauses. Im ersten Geschoss wohnen ihre Schwester und ihr Mann. Im Erdgeschoss lebt und arbeitet Morgane. Sie lebt in ihrem Studio mit zwei Katzen und deren Besuchern, die aber meistens im Garten herumtollen.

Man gibt sich hier unten plötzlich nur noch zwei Bises. Ich weiß nicht warum, aber diese Art der Begrüßung gefällt mir: Sie bricht die Barriere zwischen den Menschen ein bisschen, wenn sie sich zum ersten Mal begegnen. Zwar bringt es nichts, wenn man sich ohnehin nicht ausstehen kann, aber man findet eher den Draht zu einem anderen.

Ich gehöre sofort zu Morganes «Clique». Wir fahren nach Perpignan. Mir fällt auf, dass man hier zwei Sprachen spricht: Französisch und Katalanisch, das dem Spanischen nicht unähnlich ist. Die Ortsnamen sind doppelt ausgezeichnet. Perpignan heißt auf Katalanisch «Perpinya». Ich merke wie nah ich an der spanischen Grenze bin: Nicht nur die Sprache ist gleich, auch das Essen ist hier schon spanisch angehaucht. Es gibt Churros.

Das Auto, mit dem wir fahren, gehört Marions Schwager. Einen Bus kann man hier vergessen, denn auch hier ähneln sich Rives Altus und Alta Ripa: Er fährt alle paar Stunden und man ist auch einen fahrbaren Untersatz angewiesen. Das Auto von Morganes Schwager wäre in Deutschland nur schwerlich durch den TÜV gekommen. Ich bezweifle, dass es soetwas hier überhaupt gibt. Immerhin fährt es, bremst es und fällt nicht auseinander.

28.10.2010 Mit der Gitarre fischen funktioniert prima

Als ich heute früh aufwache, ist niemand in der Wohnung. Wenn er hört, dass ich die Tür zu meinem Zimmer öffne, steckt George meist schon den Kopf aus seinem Zimmer.

«Bonjour. Tu as bien dormi?»

«Oui, merci. Et toi?»

«Oui, je vais bien.»

Heute bleibt es still. Ich kann auch die Katzen nicht ausmachen. Nur Coco liegt in ihrem Sessel im Wohnzimmer. Ich nehme doch einen Schluck Kaffee, packe das Nötigste für den Tag zu Maggie in die Tasche und ziehe los. Maggie auf dem Rücken.

Ich will wieder ans Meer fahren. Heute nehme ich den Bus. Gestern Abend habe ich bereits nachgesehen, wo er abfährt. Es ist mein letzter Tag in Narbonne. Wie schon beim letzten Mal gehe ich zuerst in den Lebensmittelladen und kaufe Proviant ein: Baguette, Käse, Limonade, Milch und ein paar Süßigkeiten.

Das Baguette kaufe ich nie bei dem selben Bäcker. Ich wechsle sie. Denn jeder Bäcker hat ein anderes Rezept, einen anderen Ofen oder eine andere Spezialität. In Frankreich schmeckt kein Brot wie das andere. Ausgenommen sind die Brote in den Supermärkten. Sie kommen aus großen Fabriken, in denen peinlich auf Gleichheit geachtet wird. Ich mag dieses Brot nicht sonderlich. Es ist meistens zu trocken oder zu aufgeplustert. Ein gutes Brot ist ein wenig zäh, mehlig an der Kruste, schmeckt an der Unterseite leicht verbrannt und innen leicht säuerlich. Das Innenleben eines solchen Brotes ist auch nicht ganz weiß, wie es bei den industriell hergestellten Broten der Fall ist. Sie sind ein bisschen gräulich.

Nach dem Lebensmittelladen gehe ich am Kanal entlang, der quer durch Narbonne führt. An der Promenade gibt es einige Restaurants. Ich spaziere die Promenade entlang und erkenne eine Holzfigur, die vor einem der Restaurants steht. Ich erkenne das Kopftuch, die Rasta-Pracht mit den Perlen an den Haarspitzen. Ich erkenne den akkurat gestutzten Schnauz- und Spitzbart. Jacques Sparrow hat einen Papageien auf der Schulter sitzen. Ich widerstehe dem Impuls, ein Foto davon zu machen.

27.10.2009 Voulez-vous coucher …? II

Also George: Als ich in der Bahnhofshalle von Narbonne ankomme, habe ich schon ein wenig Bammel. Ich habe sein Profil auf der Internetseite studiert. Es ist üblich, sich seine potenziellen Gastgeber anzusehen und ihnen dann eine individuelle Anfrage zu schicken. Sein Profil war seltsam: 40 Jahre alt, weiblich, bevorzugtes Geschlecht der Gäste weiblich und auf dem Foto schaute ein Mann in die Kamera.

Ich steige also mit einem mulmigen Gefühl aus dem Zug aus. Ein Fragezeichen schwebt unablässig über meinem Kopf und ich schmiede Fluchtpläne für den Fall der Fälle. Ich erkenne ihn sofort: «Wow!» Ich habe ihn schon beschrieben. An seinem Körper scheint es kein Fett zu geben, er ist braun gebrannt und sieht mit kurzen, grau melierten Haaren noch besser aus als auf dem Foto. Die vierzig Jahre stehen ihm gut zu Gesicht. Er gefällt mir.

Er erzählt mir von seinem Leben: Er ist in Tahiti aufgwachsen, seine Schwester hat eine Tochter von einem Tahitianer und sonst lebt er im Jahr zwischen Narbonne und Neu-Kaledonien. Nur nicht in diesem Winter. Diesen Winter habe er in Rom verbringen wollen, bei einer Ex-Freundin. Er war dort, erst vor ein paar Wochen. Es hat nicht geklappt.

Er erzählt von seinen Katzen: Fidèle, Minette und Coco-Chapine. Fidèle hat Diabetes. Ständig muss er ihr Medikamente spritzen. Außerdem meidet sie das Katzenklo, was durch den Fußbodenbelag nicht sonderlich schlimm wäre. Nur ist Fidèle aber auch sehr intelligent und öffnet selbst Türknaufe mit einer Leichtigkeit. Minette öffnet nur Türklinken und Wasserhähne. Sie lässt sich nur auch immer laufen. Deshalb sind alle Türen geschlossen zu halten. Ich schließe mein Zimmer ab wenn ich gehe.

Diese Unterhaltung am ersten Abend ist das meiste, das ich mit ihm rede. An den folgenden Tagen haben wir nicht viel miteinander zu tun. Wenn ich die Tür geschlossen habe, klopft er nicht. Ich berichte ihm von meinen Ausflügen und von dem, was ich neues gelernt, erlebt und erfahren habe. Wir essen nicht miteinander, wir sehen nicht gemeinsam fern.

Eine Situation, die ich seltsam finde. Er tut nichts. Hin und wieder geht er ins Sportstudio um sich fit zu halten. Vielleicht arbeitet er auch dort, ich weiß es nicht, finde es auch nicht heraus. Ansonsten sitzt er den ganzen Tag in seiner Wohnung. Er sitzt zuhause und kümmert sich um seine Katzen. Er macht das großartig: er spricht mit ihnen als wären sie Menschen, er streichelt sie und einmal am Tag greift er zum Staubsauger und entfernt die Fellbüschel vom Boden. Davon verlieren die drei viele.